Ärzte Zeitung, 30.07.2009

Umbruch im Medizin-Studium: weg vom Staatsexamen hin zum Bachelor und Master

An deutschen Hochschulen wächst der Unmut über die neuen Studiengänge Bachelor und Master. Auch das Medizinstudium demnächst steht vor der Frage: Wie passt der Bachelor ins Medizin-Studium?

Umbruch im Medizin-Studium: weg vom Staatsexamen hin zum Bachelor und Master

Das Medizinstudium soll reformiert werden.

Foto: dpa

Von Rebecca Beerheide

Der Umbruch an den Hochschulen in Deutschland ist fast vollzogen: In vielen naturwissenschaftlichen Studiengängen aber auch in den Geisteswissenschaften gibt es bereits zweigliedrige Studiengänge, die mit einem Bachelor-Abschluss nach drei und einem Master-Abschluss nach zwei weiteren Jahren abschließen. Auch an den Medizin-Fakultäten wird diskutiert, wie man die Vorgaben der EU-Bildungsminister umsetzten kann. Wichtigste Frage dabei: Wie lässt sich das Studium in zwei Teile gliedern, so dass ein erster berufsqualifizierender Abschluss entsteht, der aber noch nicht für die ärztliche Tätigkeit qualifiziert? Und: Kann das deutsche Staatsexamen und der Doktortitel als Teil des Studiums erhalten werden?

Diese Fragen werden auch in anderen europäischen Ländern diskutiert. Erste - positive - Beispiele für die Umsetzung des Bachelor-Master-System gibt es bereits. Auf der Konferenz "Bologna - Zukunft der Lehre" der Volkswagen Stiftung und der Mercator Stiftung berichtet Professor Olle ten Cate von der Fakultät in Utrecht, dass besonders die Studenten das neue Programm positiv angenommen hätten. In Schottland, so Professor Ronald Harden, sind vor allem die Mobilität und der Austausch der Studenten und Dozenten mit den anderen internationalen Universitäten wichtig.

In der Schweiz schließen in diesem Sommer die ersten Absolventen des Bachelor-Studiengangs Medizin ihr Studium ab. Nach dem folgenden Master soll der Doktortitel erworben werden -  die einjährige Forschungsarbeit wird an den Master-Studiengang angeschlossen.

Professor Hedwig Kaiser, die an der Universität Basel den Bachelor-Studiengang eingeführt hat, rät ihren deutschen Kollegen, bei der Umstellung auf die Unterstützung der Ministerien und Ärztekammern zu setzen. "Ohne geht es nicht", sagt sie.

Doch auf die Unterstützung der Ärztekammern in Deutschland warten die Fakultäten, die möglichst schnell das Studiensystem ändern wollen. Der Deutsche Ärztetag in Mainz stellte sich im Mai dieses Jahres gegen das Bachelor-Master-System. Professor Jan Schulze, Präsident der Sächsischen Ärztekammer ist in der Bundesärztekammer für Ausbildung zuständig. Er sieht keinen Handlungsbedarf. "Das derzeitige Vollstudium ist bereits flexibel. Wir sollten eine Denkpause einlegen und abwarten."

Doch das wollen einige Dekane der Fakultäten nicht. So sagt zum Beispiel Professor Bernhard Marschall von der Uni Münster: "Die Konkurrenz von privaten und ausländischen Unis ist bereits jetzt sehr groß, mit einer Umstellung können wir nicht mehr warten." Doch einen Zeitdruck sieht Professor Ulrike Beisiegel vom Wissenschaftsrat nicht. "Wenn Druck entsteht, dann nur wegen der Qualität der Lehre".

Doch die Verbesserung der Lehre ist nur eine Baustelle bei der Umsetzung der Studienreform in Deutschland: Zum Beispiel verlangt das neue Studiensystem, dass es Quereinsteiger in den Masterstudiengang geben muss. Das heißt: Wenn man einen Bachelor in einem anderen Fach erworben hat, soll man sich auch in einen fachfremden Master einschreiben können - was in der Geisteswissenschaft funktioniert, stellt die Medizin vor große Probleme. Ein "Schreckgespenst" sei das, so Professor Manfred Gross, Prodekan für Studium und Lehre an der Charité. "Der Quereinstieg stellt unsere Planungen vor große Probleme." An den medizinischen Fakultäten in den Niederlanden ist das unter gewissen Umständen möglich - wenn die Studenten ein naturwissenschaftliches Fach studiert haben und ein Anpassungsjahr bestehen. In Basel setzt man diese Vorschrift nicht um. "Wir wollen dieses Problem zu Beginn der Umstellung nicht haben", sagt Kaiser.

Deutlich wurde auf der Konferenz auch: Die Diskussion um die neuen Studiengänge leidet unter der Statistik. Es gibt bisher keine Aussagen darüber, welche Berufe Medizin-Bachelor-Absolventen offen stehen würden, wenn sie nicht weiter studieren. Diese Sorge soll kein Gegenargument sein: "Wer sich darüber Gedanken macht, der solle einmal die FAZ lesen", meint Gross Prodekan der Charité. Und Marius Schlienger, Humanmedizin-Student in Basel, berichtet, dass fast alle seiner Kommilitonen in den Master wechseln werden.

Ein Entscheidungsdruck für die deutschen Unis entsteht möglicherweise bereits im Herbst: Die Universität Oldenburg will in Zusammenarbeit mit der Medizin-Fakultät im niederländischen Groningen einen Medizin-Bachelor anbieten. Im Herbst entscheidet der Wissenschaftsrat über die Zulassung.

Der Bologna-Prozess

Der Bologna-Prozess beschäftigt die Universitäten seit 1999: 29 europäische Länder beschlossen auf einer Konferenz im italienischen Bologna einen gemeinsamen europäischen Hochschulraum. Bis 2010 sollen vergleichbare, zweistufige Abschlüsse (Bachelor und Master) sowie ein gemeinsames Bewertungssystem geschaffen werden. Auch Leistungen an ausländischen Hochschulen sollen anerkannt werden. Ein Bachelor-Studiengang qualifiziert nach sechs Semestern für einen Beruf, der Master-Abschluss kann nach weiteren zwei Jahren erworben werden. (bee)

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