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Ärzte Zeitung, 24.09.2009

Auf der Suche nach dem "goldenen Mittelweg"

Von Ilse Schlingensiepen

Mehr Prävention und eine stärkere Beteiligung von Selbsthilfegruppen - das könnte den Kampf gegen Diabetes verbessern. Diese Auffassung vertraten Gesundheitsexperten bei einem Forum des Diabetikerbundes.

AACHEN. Bei der Volkskrankheit Diabetes muss die Prävention stärker in den Vordergrund gerückt werden, fordert Rudolf Henke, Internist und Vorsitzender des Marburger Bundes. "Die Schlacht um den Diabetes wird bei der Prävention gewonnen", sagte Henke bei der Veranstaltung "Ist die moderne Diabetestherapie auf dem richtigen Weg?" des Landesverbands Nordrhein-Westfalen des Deutschen Diabetikerbundes in Aachen.

Hauptziel müsse sein, bei Patienten die gestörte Glukosetoleranz frühzeitig zu entdecken und die richtigen Weichenstellungen für die Therapie und Veränderungen im Lebensstil vorzunehmen. Die frühzeitige Intervention koste zwar Geld. Die Kosten seien aber niedriger als bei der Behandlung des erst spät erkannten Diabetes, betonte Henke, der sich bei der Bundestagswahl in Aachen für die CDU im selben Wahlkreis wie Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt um ein Direktmandat für den Bundestag bewirbt.

Kosten-Nutzen-Bewertung sorgt für Diskussionen

Die Debatte über die Kosten für die medikamentöse Diabetestherapie zeigt nach Einschätzung Henkes die Diskrepanz zwischen dem Blickwinkel der Gesellschaft und des Einzelnen.

Die Union sehe die Kosten-/Nutzen-Bewertung als ein geeignetes Instrument an, um Wirtschaftlichkeit und Qualität im Gesundheitswesen in ein ausgewogenes Verhältnis zu bringen, sagte Henke. "Als Arzt habe ich da mehr Bedenken, weil es eines der vielen Felder ist, auf dem sich die gesellschaftlichen Interessen gegen die individuellen Interessen durchsetzen."

Für Bundesgesundheitsministerin Schmidt führt an der Kosten-/Nutzen-Bewertung kein Weg vorbei - "wenn wir auf Dauer dafür sorgen wollen, dass die Menschen ohne Ansehen des Geldbeutels Anspruch auf medizinische Neuerungen haben", sagte sie. Natürlich habe jeder die Wunschvorstellung, dass der einzelne Arzt entscheiden sollte, was die jeweils beste Therapie ist. Das Problem sei aber, dass mit begrenzten Ressourcen die Gesundheitsversorgung für alle sichergestellt werden müsse. "Dafür braucht man Regeln", betonte Schmidt.

Versorgung von chronisch Kranken soll sich verbessern

Eine weitere wichtige Herausforderung sei die Entwicklung von ganzheitlichen Konzepten für die Versorgung chronisch Kranker. "Wir brauchen das Zusammenwirken aller Berufe für die dauerhafte Behandlung und Begleitung chronisch kranker Menschen", sagte Schmidt.

Die Ärzte würden zunehmend gezwungen, Mangelverwaltung zu betreiben, sagte Dr. Ludwig Merker, niedergelassener Diabetologe und Nephrologe aus Dormagen. "Wir leben in einem streng regulierten Gesundheitswesen, in dem der Arzt längst nicht mehr nur seinen Sachverstand walten lassen kann." Merker forderte, dass den Betroffenen und dem Arzt-Patienten-Verhältnis im Gesundheitswesen mit größerem Respekt begegnet werden müsse.

Die medizinischen Fachgesellschaften hätten mittlerweile für die meisten Krankheitsbilder Behandlungsleitlinien erarbeitet, sagte Martin Hadder, Vorsitzender des nordrhein-westfälischen Diabetikerbundes. "Ich denke, dass wir diese Leitlinien in der Behandlung einsetzen müssen und den goldenen Mittelweg finden müssen, wie wir zu gleichen Kosten die beste Leistung herausholen können", sagte Hadder.

Selbsthilfegruppen kommen weiterhin zu kurz

Patienten forderten schon lange die Behandlung aus einem Guss und Angebote wie Disease Management Programme und die integrierte Versorgung, sagte Klaus Bremen, Sprecher des Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverbands in Nordrhein-Westfalen. "Die Lebensqualität eines Diabetikers hängt nicht allein vom Arzt ab oder von der Selbsthilfe-Gruppe oder dem Krankenhaus, sondern von einer Gruppe von Menschen, die miteinander arbeiten müssen." Gerade die Selbsthilfe komme dabei immer noch zu kurz. "Wichtig ist auch, dass die Krankenkassen die Betroffenen stärker in den Blick nehmen", sagte Bremen.

"Wir wissen viel zu wenig, wie Patienten die Versorgung erleben", bestätigte Cornelia Prüfer-Storcks, Vorstand der AOK Rheinland/Hamburg. Das gelte aber nicht nur für die Krankenkassen, sondern für alle Bereiche des Gesundheitswesens.

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