Ärzte Zeitung, 22.04.2010
Ärztemangel - latentes Problem oder
künstliche Aufregung?
Baden-Württemberg gilt als
Musterländle: hohe Wirtschaftskraft, gute medizinische
Versorgung. Ob das auch in Zukunft Bestand hat - darüber gehen
die Meinungen auseinander. Was muss getan werden, kurz- und
langfristig? Dazu hat die "Ärzte Zeitung"
Baden-Württembergs KV-Chef Dr. Achim Hoffmann-Goldmayer und
Walter Scheller, Leiter der Landesvertretung des Ersatzkassenverbands
vdek, zum Streitgespräch geladen.

"Allein mit finanziellen Anreizen wird
man eine Infrastruktur, die in einer
Gemeinde fehlt, nicht kompensieren können." Dr. Achim
Hoffmann-Goldmayer,
Vorsitzender des Vorstands der KV Baden-Württemberg
Ärzte Zeitung: Wie
bewerten Sie gegenwärtig die ambulante Versorgung in
Baden-Württemberg?
Walter Scheller: Die ambulante Versorgung
im Land ist gut. Bei all den Berichten über angebliche
Engpässe handelt es sich um gefühlte Wahrnehmungen.
Wir sind weit von einer Unterversorgung entfernt.
Dr. Achim Hoffmann-Goldmayer: Die
gegenwärtig gute Versorgung darf nicht darüber
hinwegtäuschen, dass wir in Zukunft nicht mehr in der Lage
sein werden, jeden Arztsitz nachzubesetzen. In diesen Tagen hat ein
Kollege in meinem Landkreis Sigmaringen seine Zulassung
zurückgegeben. Trotz aller Bemühungen ist die Suche
nach einem Nachfolger gescheitert. Gleichzeitig haben wir dort noch
einen Versorgungsgrad bei Hausärzten von 110 Prozent.
Ärzte Zeitung: Wie wird
die Versorgung im Jahr 2025 aussehen?
Hoffmann-Goldmayer: Da ist keine Antwort
für ganz Baden-Württemberg möglich. Es gibt
Bedarfsplanungsregionen wie in Emmendingen nahe Freiburg, in denen der
Anteil der hausärztlichen Kollegen über 60 Jahre etwa
33 Prozent beträgt, in anderen Regionen sind es nur 14
Prozent. Die Frage der Nachbesetzung von Arztsitzen stellt sich
regional ganz unterschiedlich. Allerdings hilft uns die Analyse nur
bedingt weiter: Die Kammern melden drastische
Rückgänge bei Facharztprüfungen für
Allgemeinmedizin.
Scheller: Wir gehen in
Baden-Württemberg von einer vermutlich
überdurchschnittlich schrumpfenden Bevölkerung aus.
Wo es weniger Menschen gibt, werden wir auch weniger Ärzte
brauchen. Hinzu kommt: Gerade auf dem Land stellen wir eine massiv
wachsende Mobilität fest. Es gibt auch nicht mehr einen
Tante-Emma-Laden an jeder Ecke. Warum soll das bei Ärzten
anders sein? Nehmen wir eine Region wie Heidelberg. Dort kommen rund
250 Menschen auf einen Hausarzt. Das ist viel zu viel. Hier
müssen wir die Versorgung mit dem Instrument der Zu- und
Abschläge steuern.
Hoffmann-Goldmayer: Im Saldo wird man in
fast jeder KV-Region eine Gruppe von Ärzten haben, die in
Bedarfsplanungsbezirken mit über 110 Prozent Deckung
praktizieren. Ich widerspreche Herrn Scheller aber, wenn er meint, man
könne über Honorar-Abschläge Verlagerungen
von Praxen quasi erzwingen.

"Eine Arztflucht aus Baden-
Württemberg in andere
Bundesländer habe ich noch nicht feststellen können."
Walter Scheller, Leiter der Landesvertretung Baden-Württemberg
des vdek
Ärzte Zeitung: Es gab
zuletzt parlamentarische Anfragen im Baden-Württembergischen
Landtag, wo von "Notstandsversorgung" die Rede war. Angesprochen waren
dabei Regionen, in denen der Versorgungsgrad über 140 Prozent
beträgt. Existiert in der Bevölkerung eine
Anspruchshaltung, die nicht mehr finanzierbar ist?
Scheller: Zwischen 1980 und 2007 ist die
Arztdichte in Baden-Württemberg um 30 Prozent gestiegen. Auch
wenn man die Abgänge von Ärzten, die in den Ruhestand
gegangen sind, berücksichtigt, hat am Ende eines jeden Jahres
immer ein Plus in der Bilanz gestanden. Mit dieser Arztdichte ist auch
die Anspruchshaltung der Versicherten gewachsen. Das wird zudem oft von
den Medien mit der Botschaft interpretiert: Es gibt keine
Hausärzte mehr. Dem ist nicht so. Ich habe die Zahlen
geprüft: Sachsen hat in den Jahren 2001 bis 2006 insgesamt 39
Ärzte verloren, in Thüringen sind es 76
Ärzte weniger. Hier wird ein Problem hochgepusht.
Hoffmann-Goldmayer: Ein
Bürgermeister, der seine 1400 Einwohner nicht mehr mit einem
eigenen Hausarzt versehen kann, empfindet die Sicherstellung als nicht
mehr gewährleistet. Nach allen Vorgaben, die wir von der
Politik erhalten, kann davon aber keine Rede sein. Hier ist die Politik
gefordert, gegenüber den Bürgern für
Klarheit zu sorgen.
Ärzte Zeitung: Es gibt
weitgehenden Konsens, dass die bisherige Bedarfsplanung
überarbeitet werden muss. Muss sie einfach nur
räumlich trennschärfer werden oder brauchen wir
völlig neue Instrumente?
Hoffmann-Goldmayer: Wir sollten uns
verabschieden von einer sektoralen Bedarfsplanung, also eine ambulante
Bedarfsplanung und eine Krankenhausplanung, die unabhängig
voneinander existieren. Dafür hat uns das neue
Vertragsarztrecht viele Steilvorlagen gegeben. Stichwort: Filialpraxen.
Und durch eine kleinräumigere Bedarfsplanung haben wir noch
lange keinen Arzt, der auch bereit ist, sich niederzulassen.
Scheller: Der
sektorenübergreifende Ansatz ist richtig. Die
Krankenhäuser in Baden-Württemberg sind in der Regel
nur zu 80 Prozent ausgelastet. Auch ich halte es für falsch,
die Bedarfsplanung einfach nur kleinräumiger zu machen. Wir
müssen uns auch die Grenzen zu anderen Bundesländern
anschauen. Es ist nicht sinnvoll, die Haustür an der
Landesgrenze zuzumachen und sich nicht die Versorgung ein paar
Kilometer jenseits dieser Grenze anzuschauen.
Ärzte Zeitung: Die KBV
hat im Zuge einer Reform der Bedarfsplanung einen Regionalverbund
vorgeschlagen, in dem KV, Ärztekammern,
Krankenhausgesellschaft und Ministerium das Sagen haben sollen. Kassen
dürften danach nur beratend dort tätig sein.
Einverstanden?
Scheller: Nein, bin ich nicht. Die
Krankenkassen möchten nicht nur Payer, sondern auch Player auf
Augenhöhe mit Leistungserbringern und anderen Akteuren sein.
Es kann nicht sein, dass wir nur beraten dürfen und nachher
die Zeche zahlen müssen.
Hoffmann-Goldmayer: Ich stimme Herrn
Scheller zu.
Ärzte Zeitung: Baden-Württemberg
gilt als Verliererland der Vergütungsreform. Wie entscheidend
ist der Faktor Geld für die Frage der Gewinnung von Nachwuchs?
Hoffmann-Goldmayer: Wenn ein
Niedergelassener seine Praxis nicht mehr refinanzieren und verkaufen
kann, dann überlegen sich junge Kollegen, ob sie nicht
woanders hingehen. Allerdings: Allein mit finanziellen Anreizen werde
ich eine Infrastruktur, die in einer Gemeinde fehlt, nicht kompensieren
können. Beides muss zusammenpassen: Honorar und Infrastruktur.
Scheller: Eine Arztflucht aus
Baden-Württemberg in andere Bundesländer habe ich
noch nicht feststellen können. Sicherlich gibt es einen
Zusammenhang zwischen Vergütung und Niederlassung. Aber durch
die Konvergenzregelung werden die Verluste auf minus fünf
Prozent begrenzt. Es sind für Ärzte in
Baden-Württemberg Pfründe verloren gegangen, mehr
aber nicht.
Hoffmann-Goldmayer: Das sehe ich anders.
Aus meiner Sicht sind Praxen tatsächlich gefährdet.
Die Dimension der Verluste ist besorgniserregend. Die Honorarreform hat
in Baden-Württemberg dazu geführt, dass im zweiten
Quartal vergangenen Jahres 4700 Praxen einen Umsatzverlust im
zweistelligen Prozentbereich verkraften mussten.
Ärzte Zeitung:
Können Medizinische Versorgungszentren für den
wachsenden Anteil an Ärztinnen eine
Beschäftigungsoption sein, die die ambulante Versorgung
stützt?
Hoffmann-Goldmayer: Ein MVZ - egal in
welcher Trägerschaft - wird die absehbaren Probleme des
ärztlichen Nachwuchses nicht mildern.
Die Fragen stellte Florian Staeck.
Ein Hausarzt für 1500
Einwohner -
gut versorgt und überdurchschnittlich alt
Das nennt man unterschiedliche
Wahrnehmung: Die KV
Baden-Württemberg hält die ambulante Versorgung in
Baden-Württemberg gegenwärtig für gut,
langfristig aber für zumindest gefährdet. Der
Ersatzkassenverband dagegen behauptet: Selbst wenn 600
Hausärzte fehlen würden, wäre das
für die Versorgung noch kein Problem.
Nach dem neuen Versorgungsbericht der KV kommt rechnerisch ein
Hausarzt auf 1500 Einwohner. Gegenwärtig sorgen im
Südwesten 8013 Haus- und Kinderärzte, 7619
Fachärzte und 2793 psychologische Psychotherapeuten
für die ambulante Versorgung. Schaut man sich die
Altersstruktur der Ärzte an, ist die Lage weniger rosig. So
sind 19 Prozent der Hausärzte zwischen 60 und 65 Jahren, auf
Bundesebene sind es 16 Prozent. Die größte Gruppe
sind mit 41 Prozent die 50- bis 59-Jährigen. Die unter
39-Jährigen machen nur einen Anteil von fünf (Bund:
sechs) Prozent der Hausärzte aus.
Der Ersatzkassenverband vdek dagegen hält fest: Von
den 602 Bereichen, in denen die Versorgungsstruktur geprüft
wird, seien 565 wegen Überversorgung gesperrt. Bei
Hausärzten gebe es "grundsätzlich eine
Überversorgung". Wenn in den nächsten Jahren
über 600 Hausärzte in den Ruhestand gehen, dann
"würde man sich einem Normalzustand nähern".(fst)

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