Ärzte Zeitung, 08.07.2010

Interview

"Pflegekammer wäre eher Bremse denn Motor"

Verbände rufen seit Jahren nach einer Berufskammer für professionell Pflegende. Nur dann könnten diese ihre Interessen wirkungsvoll vertreten. Den Gesundheitsunternehmer und früheren Vorstandssprecher der LBK Kliniken Hamburg, Professor Heinz Lohmann, überzeugt das nicht. Er empfiehlt der Pflege einen anderen Weg.

"Pflegekammer wäre eher Bremse denn Motor"

"Aufwertung der Pflege durch eine Berufskammer? Das ist doch pure Illusion!" (Professor Heinz Lohmann, Klinikberater und Ex-Vorstandsspecher der früheren LBK Kliniken in Hamburg)

Ärzte Zeitung: Sind Sie Kammermitglied, Herr Professor Lohmann?

Professor Heinz Lohmann: Ich bin froh, dass es keine Kammer für Gesundheitsmanager gibt. Was da heraus käme, wären neue Regeln, die wir nicht brauchen. Das Gesundheitssystem ist bereits jetzt deutlich überreguliert. Es reicht, dass unsere Firmen Mitglieder verschiedener Industrie- und Handelskammern sein müssen. Die Zwangsabgaben summieren sich zu einem Jahresbeitrag, dessen Höhe sich durch das uns als einzig erkennbare Gegenleistung regelhaft zugesandte Kammermagazin wohl nicht so richtig rechtfertigen lässt.

Ärzte Zeitung: Mancher Berufsvertreter der Pflege wäre froh, wenn es endlich eine Pflegekammer gäbe.

Lohmann: Viele Pflegefunktionäre erwarten von einer Pflegekammer die Aufwertung ihres Berufs. Das ist pure Illusion. Der Handwerksmeister, der einen neuen Klodeckel im Krankenhaus installiert, ist im Zweifel Kammermitglied. Der Geschäftsführer, der den Auftrag dazu erteilt hat, nicht. Wertschätzung und Status folgen anderen Kriterien als der Mitgliedschaft in einer Kammer.

Ärzte Zeitung: Ärzte organisieren ihre Interessen in Berufskammern. Warum soll, was Ärzten Recht ist, Pflegeprofis nicht billig sein?

Lohmann: Kammern übernehmen auf gesetzlich geregelter Basis staatliche Aufgaben. Im Übrigen beklagen gerade die Ärzte aktuell einen Bedeutungsverlust gegenüber Ökonomen. Deren Aufstieg ist Folge der finanziellen Problematik steigender Nachfrage nach Gesundheitsleistungen bei begrenzten Transfermitteln. Wirtschaftliche Kompetenz wird in einer solchen Situation sehr wertvoll. Das ist der Grund für den Aufstieg der Ökonomen, nicht aber deren formale Anerkennung in Form einer Kammer.

Ärzte Zeitung: Ein Gegenargument lautet, bei Einführung einer Pflegekammer würden Zwangsbeiträge nötig. Das überzeugt nicht wirklich. Jeder Fernsehzuschauer zahlt GEZ-Gebühren. Müssen deshalb gleich ARD und ZDF abgeschafft werden?

Professor Heinz Lohmann

Aktuelle Position: Geschäftsführender Gesellschafter der Lohmann konzept GmbH ; Vorsitzender "Initiative Gesundheitswirtschaft" (IGW).
Ausbildung: Studium der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften.
Karriere: Leitende Tätigkeiten in der Privatwirschaft, im öffentlichen Sektor und in der Gesundheitswirtschaft.

Lohmann: Ich persönlich finde die Gebühren für öffentlich-rechtliche Sendeanstalten schon deshalb gerechtfertigt, weil ich den enormen Beitrag der Kulturprogramme und erst recht der Rundfunkorchester für die Entwicklung des geistigen Klimas unserer Gesellschaft außerordentlich schätze. Die Frage, die sich Pflegende stellen sollten, ist, was sie von einer Verkammerung erwarten könnten. Ich meine: Nichts Gutes.

Ärzte Zeitung: Der Sozialexperte der SPD-Fraktion in Niedersachsen sagt, nur mit einer Kammer im Rücken könnten Pflegende Arbeitgebern auf Augenhöhe gegenübertreten.

Lohmann: Das Argument ist absurd. Eine Kammer ist keine Gewerkschaft, sondern für Arbeitgeber wie Arbeitnehmer gleichermaßen zuständig. Die Tatsache, dass der Chefarzt und seine Assistenzärzte in derselben Kammer sind, führt doch auch nicht zu Begegnungen "auf Augenhöhe".

Ärzte Zeitung: Was wäre denn eine Alternative zur Pflegekammer?

Lohmann: Die wachsende Bedeutung der Ökonomen in Gesundheitsunternehmen zeigt ganz deutlich, worauf es ankommt. Wer einen Beitrag zur Lösung künftiger Herausforderungen leisten kann, ist fein raus. Die Pflegeverbände wären gut beraten, wenn sie die unbestrittene Kompetenz der Pflegenden bei der Optimierung von Leistung und Qualität herausstellen würden. Das ist angesichts wachsender Patientensouveränität ein zentrales Erfolgskriterium der Gesundheitswirtschaft. Das Motto sollte lauten: Pflege jammert nicht, Pflege handelt.

Ärzte Zeitung: Wird es in zehn, 15 Jahren eine Pflegekammer geben?

Lohmann: Mag sein. Aber innovative Pflegekräfte werden eine Kammer eher als Bremse denn als Motor empfinden. Die Zukunft liegt nicht in der Vergangenheit, Gesetze können keine Wertschätzung verordnen. Pflegende sind gefragte Experten, wenn sie sich für Patienten stark machen.

Das Interview führte Thomas Hommel.

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