Entweder kennt Herr Minister Rösler die Aufgabe der Hausarzt- und Familienmedizin nicht oder er ignoriert bewußt den von Eltern und Kindern/Jugendlichen gewollten Versorgungsauftrag bzw. die seit jahrzehnten bestehende Versorgungrealität.
Bisher besteht ein gut funktionierendes qualitativ hochwertiges DUALES hausärztliches Versorgungssystem für Säuglinge, Kinder und Jugendliche:
Die Eltern haben die freie Wahl, ob sie mit ihrem Nachwuchs zum Allgemeinmediziner oder zum Pädiater gehen.
Nach unterschiedlichen Kriterien wie Erreichbarkeit, Hausbesuchstätigkeit, Behandlung im Familienverbund und Versorgungsqualität werden bisher ca. 50% der 5-9jährigen Kinder zur Grundversorgung bei Allgemeinärzten und Familienmedizinern vorgestellt.
Über 80 % der pädiatrischen Notfälle, der überwiegende Teil der Hausbesuche und etwa die Hälfte der Gesamtkontakte ab dem Grundschulalter von Hausärzten geleistet.
Dass dieser zusätzliche Kinderanteil aus Kapazitätsgründen von den niedergelassenen Pädiatern nicht suffizient behandelt werden kann, wird niemand, der die Diskussion seriös führt, bestreiten wollen.
Wichtiger jedoch: Familienmediziner/Allgemeinmediziner werden von zahlreichen Eltern für ihren Nachwuchs ausdrücklich als Hausarzt GEZIELT ausgewählt und sind in ihrem Versorgungsauftrag nicht zu ersetzen
Das Forum Pädiatrie des Deutschen Hausärzteverbandes hat auf der Grundlage des Positionspapiers der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM e.V.) zur dualen Grundversorsorgung von Kindern und Jugendlichen durch Pädiater und Allgemeinmediziner ein Thesenpapier erarbeitet, das auf der Bundesdelegiertenkonferenz des Deutschen Hausärzteverbandes im September 2009 einstimmig konsentiert worden ist (hier auszugsweise):
- Die primärärztliche Versorgung von Kindern erfolgt in Deutschland auf qualitativ hohem Niveau durch Pädiater und Allgemeinmediziner.
- Im europäischen Vergleich schneidet die primärärztliche pädiatrische
Versorgung durch sowohl Allgemeinmediziner als auch Pädiater nicht schlechter ab
als die medizinische Versorgung von Kindern allein durch Pädiater.
- Es gibt keine wissenschaftliche Evidenz, dass die Durchführung von
Kindervorsorguntersuchungen durch Hausärzte den Standards nicht genügt.
- Es gibt also keine medizinischen Gründe, dieses bewährte System der gemeinsamen primärärztlichen Versorgung von Kindern durch Hausärzte und Pädiater zu verlassen.
- Es gibt zudem dazu auch keine Möglichkeit: Pädiater allein könnten in Deutschlanddie Vielzahl an hausärztlichen Behandlungsfällen von unter 18-Jährigen rein faktisch gar nicht übernehmen, geschweige denn die nächtliche und Wochenendbereitschaft für diese schaffen:
Ungefähr 80% der pädiatrischen Unzeitkontakte, der überwiegende Teil der Hausbesuche, ca. 54% der Gesamtkontakte bei Kinder bis 18 Jahren, wobei der Anteil hausärztlicher Versorgung schon in der Altergruppe der 5-9jährigen bei 50% liegt, werden i.R. der hausärztlichen Grundversorgung von Allgemeinärzten geleistet. (Quelle: „Kindergesundheit in der hausärztlichen Versorgung“, Vortrag Dr. med. Cornelia Goesmann, Bundesärztekammer, anlässlich des 110. Deutschen Ärztetages in Münster, Mai 2007)
- Die Weiterbildung beider Fachgruppen weist nicht unerhebliche Defizite in Hinblickauf die primärärztliche Versorgung von Kindern auf: während die Pädiater fast ausschließlich im stationären Versorgungsbereich weitergebildet und kaum auf die präventivmedizinische und psychosomatische Tätigkeit in der primärärztlichen Versorgung vorbereitet werden, fehlt den Allgemeinmedizinern häufig die Erfahrung mit schwerkranken Kindern. Dafür sind letztere deutlich besser für die ambulanten primärärztlichen Tätigkeiten wie Impfungen, Vorsorgen, Kommunikation mit Patienten sowie dem Aufbau tragfähiger Arzt-Patienten-Beziehungen qualifiziert.
- Hausarztmedizin ist Familienmedizin. Die primärärztliche Betreuung von Kindern ist im Setting der hausärztlichen Familienmedizin eine ganzheitliche, präventiv ausgerichtete und unmittelbare. Die langfristige Bindung zwischen Hausarzt und der ganzen Familie birgt ein ungeheures Potential präventiv- und sozialmedizinischer Versorgung.
- Hausärzte sind durch Aus- und Weiterbildung (mind. 2 Jahre obligate Weiterbildung in der ambulanten hausärztlichen und/oder familienmedizinischen Praxis mit der Möglichkeit des Erwerbs eingehender Kenntnisse und Fertigkeiten in der kurativen und präventiven hausärztlichen Kinderversorgung mit Weiterbildung in psychosomatischer Grundversorgung) qualifiziert, um folgende Bereiche der primärärztlichen pädiatrischen Versorgung zusammen im dualen Versorgungsystem mit hausärztlich tätigen Pädiatern abzudecken:
1.akute Erkrankungen mit Erkennung abwendbar gefährlicher Verläufe
2.Prävention mit Durchführung von Impfungen und Früherkennungsuntersuchungen (U2-J1)
3.Diagnose und Behandlung von Krankheits-, Verhaltens- und Entwicklungsproblemen
im familiären Kontext, Behandlung häufiger chronischer Erkrankungen (z.B. Asthma, Rhinokonjunktivitis, Neurodermitis, AD(H)S, etc.)
- Die Bestrebungen, Hausärzte aus der primärärztlichen Versorgung von Kindern durch Selektivverträge mit Pädiatern herauszudrängen, ist nicht nur wissenschaftlich nicht zu begründen, sondern auch gesundheitspolitisch fatal: ein nicht unbeträchtlicher Teil von Kindern wird nicht in den Genuss der Vorteile dieser Verträge kommen (z.B. zusätzliche Vorsorgen). Durch diese Verträge werden Hausärzte aus der Versorgung gerade der Altersgruppen der 5-18-Jährigen herausgedrängt, die in hoher Zahl (über 50%) lieber einen Allgemeinmediziner als einen Pädiater aufsuchen.
- Eine gute Kooperation zwischen Hausärzten und niedergelassenen Pädiatern sowie
den pädiatrischen Spezialambulanzen und Krankenhäusern ist für eine gute primärärztliche Versorgung von Kindern essentiell.
Das bedeutet konkret:
- Öffnung der pädiatrischen Spezialambulanzen für Allgemeinmediziner
- Öffnung der bislang mit Pädiatern abgeschlossenen Spezialverträge für
Allgemeinmediziner, die sich an der primärärztlichen Versorgung von Kindern
beteiligen
- Schaffung gemeinsamer Weiterbildungsabschnitte für Pädiater und
familienmedizinisch orientierten Allgemeinmedizinern im stationären und ambulantenBereich
- Gemeinsame Qualitätszirkel von Pädiatern und Allgemeinmedizinern zu pädiatrisch-familienmedizinischen Themen auf lokaler Ebene
- Beteiligung von sowohl Pädiatern als auch Hausärzten an lokalen interdisziplinären Netzwerken zum Thema Kindergesundheit.
Die drängenden Themen der Kinder- und Jugendgesundheit lassen es nicht zu, dass
die beiden Arztgruppen, die sich um die primärmedizinische Versorgung von Kindern und Jugendlichen kümmern, sich gegenseitig bekämpfen.
Umso bedauerlicher, dass der Bundesgesundheitminister diese sinnlosen an der Realität vorbeigehenden Auseinandersetzungen durch diese unangemessene Bemerkung in der Öffentlichkeit schürt.
Dr. med. Carsten Scholz
Forum Pädiatrie im Hausärzteverband Westfalen-Lippe e.V.
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