Ärzte Zeitung, 02.11.2010

NCT in Heidelberg

Ein Onkologie-Zentrum mit kurzen Wegen

Interdisziplinäre Patientenversorgung und Forschung unter einem Dach - dieses Ziel hat das Nationale Centrum für Tumorerkrankungen. Nach der Gründung 2004 konnte das Zentrum in Heidelberg nun in neue Räumlichkeiten umziehen.

Von Ingeborg Bördlein

Ein Onkologie-Zentrum mit kurzen Wegen

Täglich beraten Ärzte des interdisziplinären Tumorboards über Therapiepläne für die Patienten, auch Praxisärzte können einbezogen werden.

© Uniklinik Heidelberg (2)

HEIDELBERG. In direkter Nachbarschaft der Universitätskliniken in Heidelberg wurde am Dienstag das Nationale Centrum für Tumorerkrankungen - kurz NCT - eingeweiht. In dem neuen Gebäude sind Krebsmedizin und Krebsforschung unter einem Dach vereint. Von den Labors zu den behandelnden Ärzten und den Patienten sind es nur wenige Schritte. Ziel ist eine schnelle Umsetzung neuester Forschungsergebnisse in die Patientenversorgung.

Ein Onkologie-Zentrum mit kurzen Wegen

Forschungsergebnisse fließen am NCT direkt in die Versorgung ein.

Kurz sind auch die Wege für die Patienten, die von einem interdisziplinären Ärzteteam diagnostiziert und behandelt werden. "Die Patienten müssen nicht die einzelnen Fachdisziplinen aufsuchen, sondern die Fachdisziplinen kommen zu den Patienten", beschreibt Professor Dirk Jäger, Direktor der Medizinischen Onkologie am NCT, die Philosophie des Hauses.

Die Architektur des Gebäudes, das rund 29 Millionen Euro gekostet hat und von der Deutschen Krebshilfe vorfinanziert wurde, trägt diesem interdisziplinären Ansatz Rechnung. Es wirkt offen und durchlässig.

Herzstück des Hauses ist die Ambulanz, die interdisziplinäre Sprechstunden für sämtliche Tumorentitäten anbietet. Die Ambulanzen der Abteilungen Medizinische Onkologie, Gynäkologische Onkologie, Dermatologische Onkologie, Neuroonkologie sowie Radioonkologie sind in dem Gebäude fest etabliert.

So arbeitet beispielsweise die Gynäkoonkologische Ambulanz Tür an Tür mit den Dermatoonkologen. Treten etwa Hautprobleme bei gynäkologischen Patientinnen infolge der Tumortherapie auf, kann "über den Flur" sofort der Fachkollege konsultiert werden.

Für die anderen Tumorarten wie Lungenkrebs oder Leukämie kommen die Fachkollegen aus den umliegenden Universitätsklinika zu regelmäßigen Sprechstunden ins NCT. Die individuellen Therapiepläne werden in interdisziplinären Tumorboards erstellt, die mehrmals täglich zusammenkommen.

Für die Chemotherapie befinden sich 60 Behandlungsplätze in zwei Tageskliniken. Auch hier sind die Fachgrenzen aufgehoben. Im Haus finden auch Informationsangebote wie psychologische Hilfe, Ernährungs- oder Sozialberatung statt. Sogar ein Sportprogramm gehört dazu.

Räumlich eng sind die onkologische Forschung und die Patientenversorgung vernetzt. Die 50 Forschergruppen, die am NCT vertreten sind, können auf eine gemeinsame Infrastruktur zurückgreifen wie ein zentrales Tumorregister, eine Gewebebank und eine Studienzentrale.

Forschungsschwerpunkte am NCT sind die Entwicklung klinischer Studien, Molekulare Diagnostik und Therapieansprechen, Immuntherapie, Prävention und Krebskontrolle, Neue Therapeutika sowie Bildgebung und Radiotherapie.

Nationales Centrum für Tumorerkrankungen

Das Nationale Centrum für Tumorerkrankungen (NCT) in Heidelberg ist 2004 gegründet worden. Nach jahrelanger behelfsmäßiger Unterkunft konnte nun ein Neubau mit einer Fläche von 5500 Quadratmetern bezogen werden. Das onkologische Spitzenzentrum wurde in mehrjähriger Aufbauarbeit gemeinsam vom Uniklinikum und dem Deutschen Krebsforschungszentrum geschaffen. Partner sind die Deutsche Krebshilfe und die Thoraxklinik Heidelberg. Das NCT ist eines von elf onkologischen Zentren, die nach dem Vorbild der US-amerikanischen "Comprehensive Cancer Centers" entstanden sind. Weitere Zentren gibt es in Berlin, Dresden, Erlangen, Essen, Frankfurt, Freiburg, Hamburg, Köln/Bonn, Tübingen und Ulm.

Das NCT arbeitet eng mit den onkologischen Schwerpunktpraxen in der Region zusammen. Mit 17 Praxen sind Jäger zufolge bereits Kooperationsverträge geschlossen worden. Davon profitiere der Krebspatient: So sei der Informationsfluss zwischen Klinikum und Praxis erheblich verbessert worden, Patienten aus den Facharztpraxen könnten bei kompliziertem Krankheitsverlauf in den Spezialsprechstunden des NCT vorgestellt und in Therapiestudien aufgenommen werden.

Es ist geplant, niedergelassenen Onkologen die Teilnahme an klinischen Studien in ihrer Praxis in Zusammenarbeit mit dem NCT zu ermöglichen. Außerdem können Patienten, die im Uniklinikum operiert und bestrahlt worden sind, umgehend und unkompliziert in den Praxen leitliniengerecht weiterbehandelt werden.

Die niedergelassenen Onkologen wiederum können ihre Patienten auch in den Tumorboards am NCT vorstellen. "Damit sind wir unserem Ziel der umfassenden Krebsbehandlung eines Comprehensive Cancer Center einen Schritt näher gekommen", sagt Jäger.

Nach seinen Angaben rund 5000 bis 6000 neue Krebspatienten pro Jahr zur Diagnose und Therapie ans NCT kommen. Wegen der großen Nachfrage nach Zweitmeinungen wird am NCT jetzt auch eine eigene Anlaufstelle hierfür etabliert.

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