Ärzte Zeitung, 22.12.2010

KBV: Heutige Bedarfsplanung ist zu starr

KBV: Heutige Bedarfsplanung ist zu starr

2020 fehlen Tausende Hausärzte. Die KBV will mit einer Bedarfsplanungsreform das Versorgungsproblem lösen.

Von Sunna Gieseke

Nach Ansicht der Kassenärzte nimmt der Ärztemangel in Deutschland zu: In der Fläche werde die medizinische Versorgung lückenhafter. Damit sei die Versorgung - vor allem in ländlichen Regionen - gefährdet. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) will mit einer Reform der heutigen Bedarfsplanung zumindest Teile des Versorgungsproblems lösen.

Geht es nach den Kassenärzten, soll es künftig eine "kleinräumige und sektorenübergreifende Versorgungsplanung" geben - die derzeitige Bedarfsplanung sei zu starr, um den tatsächlichen Versorgungsbedarf abzubilden.

"Die Bedarfsplanung ist ein Relikt aus Zeiten der sogenannten Ärzteschwemme und angesichts der drohenden Unterversorgung in vielen Regionen und Fachgebieten völlig ungeeignet", sagte KBV-Chef Dr. Andreas Köhler.

Um Unterversorgung zu vermeiden, soll künftig frühzeitig erkennbar sein, wo welche Ärzte gebraucht werden. Dazu bedürfe es neuer Instrumente. Die KBV hat den Prototypen eines Computerprogramms und damit simuliert, wie in Thüringen bei sinkender Einwohnerzahl und bei gleichzeitiger Überalterung dennoch wachsender Bedarf ärztlicher Leistungen entsteht. Die Versorgungsplanung müsse die Bedürfnisse von Dörfern, Klein-, Mittel- sowie Großstädten berücksichtigen, so Köhler.

Aus Sicht der Patienten sollen vor allem Fragen nach der durchschnittlichen Fahrzeit bis zum nächsten Arzt in die Bedarfsplanung einbezogen werden. Auch die Auswahlmöglichkeit pro Versorgungsstandort soll bei der Planung eine Rolle spielen.

Die KBV plant, Versorgungssitze auszuschreiben. Die Anzahl der Sitze soll sich dann an der Morbidität der Wohnbevölkerung des jeweiligen Raumes orientieren. Wo ein Überangebot an Ärzten bestehe, will die KBV Praxen zum Verkehrswert aufkaufen; wo Ärzte fehlen, sollen die KVen Möglichkeiten erhalten, diesen Versorgungssitz auszuschreiben, etwa über Filialpraxen.

In Thüringen und Sachsen ist dies bereits heute möglich. "Außerdem brauchen wir eine übergreifende Versorgungsplanung, da stationärer und ambulanter Sektor vor demselben Problem stehen - dem Ärztemangel", so Köhler. Der Teufel steckt aber bekanntlich im Detail: Auch das Konzept der KBV kann nicht ohne Weiteres Ärzte in ländliche Regionen locken.

Krankenkassen hingegen wollen die Überversorgung abbauen. Einen Ärztemangel gibt es ihrer Ansicht nach nicht. Die Reform der Bedarfsplanung ist dennoch auf der bundespolitischen Agenda angekommen. Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) will Konzepte erarbeiten, wie man junge Mediziner aufs Land locken kann. Eine Kommission zwischen Bund und Ländern soll dazu demnächst eingesetzt werden.

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