Ärzte Zeitung, 06.02.2011

Hintergrund

Hilfsarzt "auf einem wissenschaftlichen Fundament"

Bald startet in Rheine der Studiengang "Physician Assistant". Doch der Bachelor-Arzt wird den Echt-Arzt nicht ersetzen.

Von Ilse Schlingensiepen

Hilfsarzt "auf einem wissenschaftlichen Fundament"

Studenten lauschen im Hörsaal: In Rheine startet im Sommer das erste Semester zum "Physician Assistant".

© dpa

In dreieinhalb Jahren werden sich neue Fachkräfte ihren Platz in der Gesundheitsversorgung suchen. Dann werden die ersten "Physician Assistants" ihre Ausbildung an der Mathias Hochschule Rheine (MHR) abgeschlossen haben. Eine Aufgabe soll die Entlastung von Ärzten bei delegierbaren Tätigkeiten sein.

Im Sommersemester 2011 wird der Studiengang "Physician Assistant" an der privaten Fachhochschule die ersten 30 Studenten aufnehmen.

Sie müssen eine abgeschlossene Berufsausbildung und Berufserfahrung nachweisen als Gesundheits- oder Krankenpfleger in der Intensivpflege und Anästhesie, im Operationsdienst, in der Nephrologie und Dialyse, als Operationstechnische Assistenten oder Pflegende in der Notfallaufnahme. Die dreijährige Ausbildung schließt mit einem Bachelor of Science ab.

Die Ärztekammer Westfalen-Lippe (ÄKWL) hat die Schirmherrschaft über den neuen Studiengang übernommen.

"Arztentlastende Tätigkeiten erleichtern die Versorgung der Patienten", sagt ÄKWL-Präsident Dr. Theodor Windhorst. Das gemeinsame Wirken der verschiedenen Gesundheitsberufe werde immer wichtiger.

"Es sind dringend Menschen nötig, die wissen, was in der Versorgung notwendig ist." Das Studium an der MHR vermittle den Studenten die notwendigen Kenntnisse und wissenschaftlichen Methoden, um eine koordinierende Funktion übernehmen zu können.

Mit den Physician Assistants werde ein für Deutschland neues Berufsbild geschaffen, sagt Windhorst. "Es geht um eine Verwissenschaftlichung der medizinischen Assistenz."

Eine Substitution ärztlicher Tätigkeiten werde es durch die Absolventen nicht geben, sondern sie würden klar nach dem Delegationsprinzip arbeiten, macht er deutlich.

Der Kammer war es wichtig, dass die Gesamtverantwortung für die Patienten beim Arzt bleibt und sich die Versorgungsqualität durch den Einsatz der neuen Assistenten nicht verschlechtert, erläutert ÄKWL-Hauptgeschäftsführer Dr. Michael Schwarzenau. "Es darf nicht dazu kommen, dass der Facharztstandard in der Versorgung verwässert wird."

Die Physician Assistants tragen nach seiner Einschätzung der aktuellen Entwicklung im Gesundheitswesen Rechnung: Steigendem Versorgungsbedarf stehe der sich abzeichnende Ärztemangel und der zunehmende Arbeitsdruck in Praxis und Klinik gegenüber.

"Wir müssen gemeinsam mit den anderen Gesundheitsberufen Konzepte entwickeln, um dem Versorgungsbedarf gerecht werden zu können", sagt Schwarzenau.

Die Arzt-Assistenten werden eine Brückenfunktion übernehmen, bestätigt MHR-Vizepräsidentin Dr. Elke Donath. "Es geht nicht um Konkurrenz zum klassischen Arztberuf, sondern um Ergänzung."

Die MHR habe im Vorfeld Marktanalysen erstellt und mit Experten gesprochen. "Der Bedarf ist da", sagt sie.

In dem Studium werden sich Präsenz-, Praxis- und Selbstlernphasen abwechseln, erläutert Professor Enka Gläseker, Leiterin des neuen Studiengangs.

In den drei Jahren erwerben die Studenten verschiedene Qualifikationen, darunter die Anamneseerhebung, gängige Untersuchungsverfahren wie die Sonografie, medizintechnische Grundlagen und Gerätetechnik, Informationsmanagement und Abrechnungssysteme.

"Wir vermitteln auch rechtliche und ethische Grundlagen", sagt sie. Das wissenschaftliche Arbeiten gehört ebenso zu den Ausbildungsinhalten.

Das künftige Einsatzfeld der Physician Assistants wird breit gefächert sein, erwartet Gläseker. Sie werden nicht nur eng mit Ärzten, sondern auch mit Pflegenden und anderen an der Versorgung Beteiligten zusammenarbeiten.

"Es handelt sich um eine Schnittstelle, die zu den verschiedenen anderen Berufsgruppen Kontakt hat."

Einige Kliniken haben bereits Interesse daran angemeldet, Mitarbeiter an der MHR zu Physician Assistants ausbilden zu lassen. Für Studenten ist es günstig, wenn der Arbeitgeber sie an die FH schickt, die pro Monat 380 Euro für ihre Leistung fordert.

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