Ärzte Zeitung, 02.03.2011

BÄK plädiert für stärkeren Einsatz des Placeboeffekts

Nach Ansicht der Bundesärztekammer sollte der Placeboeffekt stärker für die Therapie genutzt werden. Die Kammer beruft sich auf eine Expertise des Wissenschaftlichen Beirats, wonach Placebo stärker wirken als angenommen.

BÄK plädiert für stärkeren Einsatz des Placeboeffekts

BÄK-Hauptgeschäftsführer Fuchs: Placebos sind von enormer Bedeutung.

© Martin Schwarzkopf

BERLIN (sun). Der Ruf von Placebo ist mehr als schlecht - den Scheinarzneimitteln wird Wirkungslosigkeit und wenn überhaupt, dann maximal ein eingebildeter Nutzen nachgesagt.

Das werde der Bedeutung des Placeboeffekts jedoch nicht gerecht, kontern einige Wissenschaftler und werben dafür den Effekt, der durch Placebo ausgelöst werden kann, stärker in der Praxis zu nutzen.

Eine Expertise des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesärztekammer (BÄK) unterstützt jetzt diese Forderung. "Placebo wirken stärker und sehr viel komplexer als bisher angenommen", sagte BÄK-Hauptgeschäftsführer Professor Christoph Fuchs anlässlich der Vorstellung der entsprechenden Stellungnahme des Wissenschaftlichen Beirats der BÄK in Berlin. Der Einsatz von Placebo sei von "enormer Bedeutung" für die ärztliche Praxis.

Der Expertise zufolge lassen sich mit Placebo erwünschte Arzneimittelwirkungen maximieren. "Darüber hinaus können unerwünschte Wirkungen von Medikamenten verringert und Kosten im Gesundheitswesen gespart werden", ergänzte Professor Robert Jütte, Mitglied des Vorstands des Wissenschaftlichen Beirats der BÄK.

Allerdings sei - trotz intensiver Forschungsbemühungen - bisher wenig "über die Mechanismen des Placeboeffekts bekannt". Die bewusste Anwendung von Placebo in der Praxis sei dennoch "vertretbar".

Das halten Kritiker jedoch für ethisch problematisch. Schließlich werde der Patient gewissermaßen getäuscht, was die Wirksamkeit der Therapie angehe. Zudem bewegt sich der Arzt in einer rechtlichen Grauzone.

Das Gesetz sieht vor, dass Placebo bei der Behandlung von Beschwerden nur nach dem bewussten Einverständnis des Patienten eingesetzt werden dürfen. Mit dem Wissen um das Placebo könne aber der Nutzen verloren gehen, so Experten.

Nach Ansicht der BÄK sollen Placebo jedoch keinesfalls "ziellos" angewandt werden. "Der Arzt muss die Patienten wahrhaftig über Risiken und Nebenwirkungen der Therapie aufklären", so Fuchs. Die Expertise solle "Impulse" geben, sich kritisch mit Placebo auseinanderzusetzen.

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

So schädlich fürs Herz wie Cholesterin

Depressionen steigern bei Männern das Risiko fürs Herz ähnlich stark wie hohe Cholesterinwerte oder Fettleibigkeit. Das ergab eine aktuelle Analyse der KORA-Studie. mehr »

Den Berg im eigenen Tempo erklimmen

Medizinstudentin Solveig Mosthaf fühlt sich im Studium manchmal, als würde sie einen steilen Berg hinauf kraxeln. Sie wünscht sich mehr Planungsfreiheit – und die Möglichkeit, eigene Wege zu gehen. mehr »

Positive HPV-Serologie bringt bessere Prognose

Bei Patienten mit Kopf-Hals-Tumor ist eine positive HPV-16-Serologie mit einem verbesserten Überleben assoziiert. Das bestätigt jetzt eine US-Studie. Demnach liegt die Wahrscheinlichkeit für ein Fünf-Jahres-Überleben sogar 67 Prozent höher. mehr »