Ärzte Zeitung, 12.03.2011

Müller und Köhler bleiben erste Wahl

Es gab viel Gegenwind - das Gespann Köhler/ Müller wurde dennoch als KBV-Vorstand wiedergewählt. Kritiker nannten es "ein abgekartetes Spiel". Psychotherapeuten jubeln: Erstmals steht einer von ihnen an der Spitze der KBVVertreterversammlung.

Von Sunna Gieseke

Müller und Köhler bleiben erste Wahl

Dr. Carl-Heinz Müller und Dr. Andreas Köhler (r.) führen die Kassenärztliche Bundesvereinigung auch in den kommenden sechs Jahren.

© Nils Franke / KBV

BERLIN. Laute Buhrufe hallen durch den Saal. Nein, zufrieden sind wahrlich nicht alle Ärzte mit der Arbeit von KBV-Chef Dr. Andreas Köhler und seinem Vize Dr. Carl-Heinz Müller. Und ihrem Ärger machen sie in der KBV-Vertreterversammlung am Freitag in Berlin lauthals Luft. Die Empörung einiger Delegierter wird jedoch durch den viel lauteren Applaus übertönt. Damit sind die beiden Lager in der Versammlung klar definiert: die "Köhler-Anhänger" auf der einen und die Systemkritiker auf der anderen Seite.

Gegenkandidaten konnten sich nicht durchsetzen

Seit einigen Wochen gab es wilde Spekulationen darüber, ob die Wahl des neuen KBV-Vorstands vorgezogen würde. Der entsprechende Antrag erfolgte dann letztlich kurz und knapp handschriftlich. Die vorgezogene Wahl sei unbedingt erforderlich, unterstrichen die Antragsteller die Dringlichkeit ihres Begehrens. Die aktuelle politische Diskussion verlange von der KBV-Spitze eine klare Positionierung. Eigens für die geheime Wahl wurden sogar Kabinen aufgestellt. Offenbar wollten einige Delegierte partout vermeiden, dass andere ihr Votum sehen konnten.

Tatsächlich wurde der Vorstand noch in der konstituierenden Sitzung gewählt und Köhler und Müller in ihren Ämtern - und damit auch in ihrer Arbeit - bestätigt. Die Gegenkandidaten - Dr. Werner Baumgärtner, Chef von Medi-Deutschland und Dr. Dirk Heinrich, Vorsitzender des NAV-Virchowbundes - erhielten deutlich weniger Stimmen. Beide hatten für einen Systemwechsel geworben. Davon ließ sich die Mehrheit der Delegierten jedoch nicht beirren.

Der Sieg von Köhler und Müller war für das Gros daher keine Überraschung - der Weg dahin dennoch holprig. Das Führungsduo steckte für seine Arbeit Schelte ein. Vor allem hagelte es Kritik für den "überzogenen Zentralismus" und eine intransparente Honorarreform. Müller und Köhler reagierten selbstkritisch: Mehr Regionalisierung der Honorare und ein Gremium, das den Einfluss der Regionen auf die KBV stärken soll, sind ihre künftigen Ziele.

Baumgärtner zeichnete dennoch ein düsteres Bild. Er rügte ein falsches Image der Ärzte in der Öffentlichkeit und machte als Schuldigen dafür den KBV-Vorstand aus. "Die Versorgungspraxen stehen am Abgrund", so der Hausarzt aus Stuttgart. In der Öffentlichkeit werde nur wahrgenommen, Ärzte erhielten eine Milliarde Euro mehr. Auch Heinrich aus Hamburg kritisierte den KBV-Vorstand: "Statt Positionen zu diskutieren, ging es ausschließlich um Posten und Pöstchen."

Wahlergebnis steht unter scharfer Kritik

Die Angriffe gegen seine Person konterte Köhler mit einem Vergleich aus der Tierwelt: Er sei eben ein "Ackergaul und kein Zirkuspferd" - ein Ackergaul ziehe brav seine Furchen. Das diene der Sache mehr als ein "schillerndes, aber neurotisches Zirkuspferd".

Nicht zuletzt stand das Wahlprozedere im Fokus. Ein "unverschämt hoher Druck" sei im Vorfeld der Wahl auf die Kandidaten ausgeübt wurden, schimpfte Dr. Wolfgang Eckert aus Mecklenburg-Vorpommern. Zähneknirschend äußerten sich die Vertreter der KVen Baden-Württemberg, Bayerns, Hessen und Mecklenburg-Vorpommern: Es sei ein "abgekartetes Spiel" gewesen. Es habe im Vorfeld der Wahl "etliche Absprachen von Köhler-Getreuen" gegeben.

Jubel gab es dagegen bei den Psychotherapeuten: Erstmals steht mit Hans-Jochen Weidhaas einer der ihren an der Spitze der KBV-Vertreterversammlung. Zugleich ist er ein Verfechter des Ehrenamts: "Ich sehe mich als Mittler zwischen Basis und Vorstand", so Weidhaas. Zudem werde er versuchen, die Ideen der Opposition aufzugreifen. Das wollen auch Köhler und Müller. "Unser Ziel ist es, die beiden Strömungen innerhalb des KV-Systems zusammen zu führen", so Köhler. Müller ergänzte: Aufgrund der Wahlergebnisse sei klar, wie stark die Lager gewichtet seien.

Der Unmut der Ärzte lässt sich etwa bemessen: Baumgärtner und Heinrich erhielten jeweils 19 Stimmen - rund ein Drittel der Versammlung haben Köhler und Müller also gegen sich.

Hans-J. Weidhaas

Hans-J. Weidhaas

© Franke / KBV

Hans-Jochen Weidhaas ist Psychologischer Psychotherapeut. Viel Zeit für seine verhaltenstherapeutische Praxis, die er zusammen mit seiner Frau in Bad Dürkheim (Rheinland-Pfalz) führt, bleibt dem 58-Jährigen aber nicht: Bereits seit 1987 ist er in der Berufspolitik aktiv - und zwar in vielen Gremien der Selbstverwaltung.

Jetzt hat er außerdem den Vorsitz der Vertreterversammlung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung übernommen. Zuvor war er deren stellvertretender Vorsitzender. Zudem ist er im Gemeinsamen Bundesausschuss einer der ehrenamtlichen unparteiischen Stellvertreter. Er ist Vize-Chef der Deutschen Psychotherapeutenvereinigung. (sun)

Dr. Stefan Windau

Dr. Stefan Windau

© Franke / KBV

Eine Reform des KV-Systems auf Bundesebene steht für Dr. Stefan Windau außer Frage. "Mehr Transparenz und nicht nur Worte darüber", fordert er. Der hausärztlich tätige Internist aus Leipzig ist zum stellvertretenden Vorsitzenden der KBV-Vertreterversammlung gewählt worden.

Nach Ansicht des 51-Jährigen muss das Verhältnis von zentralen und regionalen Aufgaben in der KBV neu justiert werden. Durch eine bessere Kommunikation will er "die Ärzte auch emotional wieder näher an das KV-System zu binden". Bereits seit 2005 ist Windau Vorsitzender der Vertreterversammlung der KV Sachsen. Erst kürzlich wurde er in diesem Amt bestätigt. (sun)

Dr. Andreas Gassen

Dr. Andreas Gassen

© Franke / KBV

Dr. Andreas Gassen ist Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie. 1996 wechselte er vom Operationssaal in Düsseldorf-Kaiserswerth in eine Gemeinschaftspraxis in dieser Stadt.

Mit der ärztlichen Standespolitik ist der 48-Jährige als Mitglied zahlreicher Fachgesellschaften und Berufsverbände sowie als Delegierter in den Selbstverwaltungsorganen vertraut. Um nur einige zu nennen: Er ist Vizepräsident des Berufsverbandes der Fachärzte für Orthopädie und Unfallchirurgie (BVOU), sitzt im Vorstand des Deutschen Facharzverbandes (DFV) und vertritt die KV Nordrhein als Delegierter bei der KBV.

Gassen ist verheiratet und hat drei Kinder. (af)

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KBV-Spitze unter Beobachtung

[13.03.2011, 11:26:09]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Konfabulierte, fabelhafte Fabeln formulieren, verlangt Vieles!
Lieber Kollege Köhler, lieber Kollege Müller,
wer bei 60 stimmberechtigten Mitgliedern in der konstituierenden KBV-Vertreterversammlung nur 39 bzw. 40 Ja-Stimmen auf sich vereinigen kann, sollte mit Allegorien von Tieren und Fabeln vorsichtig sein.
Denn die Tradition von "lehrreichen Tiergeschichten" reicht von Äsop (600 v. Chr.) über Jean de la Fontaine zu Gotthold Ephraim Lessing.

Und der Aufbruch in die Moderne gelingt nicht in EDV-Zeiten mit einem handgeschriebenen Antragszettel, um die für Anfang April vorgesehene KBV-Vorstandswahl genau auf den Tag (11.3.2011) vorverlegen zu wollen, an dem erst die konstituierende Sitzung der KBV-Vertreterversammlung eröffnet wurde. Damit war von vorne herein eine inhaltliche Aussprache verhindert oder massiv eingeschränkt worden. Eine politisch gebotene Dringlichkeit war seitens der Bundes- und Landesregierungen, Minister Rösler, der GKV-Kassen, des G-BA, der Vertragsärztinnen und -ärzte, der Medien und der Öffentlichkeit nicht eruierbar.

Nicht nur Schwächen in der Performance und Präsentation, sondern auch inhaltliche Probleme und Widersprüche führten zu Protesten in der KBV-VV.

Freundliche, kollegiale Grüße, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund  zum Beitrag »
[12.03.2011, 23:16:31]
Dr. Hans-Jürgen Warlo 
Vergleich aus der Tierwelt
Ach liebe Ärzte, Gratulation zur Wahl Eurer Vertreter. Ackergäule kennt man als obsolete Einrichtung. Aus der modernen Landwirtschaft sind sie verschwunden und durch wirksamere Helfer ersetzt. Und die Zirkuspferde? Einige Exemplare sind sicher neurotisch, aber die gibt es hier wie da. Soll man deswegen auf hohe Kunst und spielerische Feinheit verzichten?
Herr Dr. Köhler hat sich einen entwaffnenden Vergleich ausgedacht.
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