Ärzte Zeitung, 15.05.2011

Richtgrößen: Irrfahrt durch dichten Nebel

Wann fallen die Regresse? Eine Antwort auf diese Frage blieben KBV-Vorstand Dr. Carl-Heinz Müller und Ersatzkassenchef Thomas Ballast beim Tag der Niedergelassenen schuldig - trotz eines heftigen Schlagabtauschs.

Von Wolfgang van den Bergh

Richtgrößen: Irrfahrt durch dichten Nebel

Kontroverse Diskussion zum Thema Regresse am Stand der KVen beim Hauptstadtkongress.

© Frank Bauchspieß

BERLIN. Angetreten waren Dr. Carl-Heinz Müller und Thomas Ballast, um über das Thema Arzneimittelverordnungen zu diskutieren und dabei eine Prognose für die Abschaffung von Regressen zu geben. Fakt ist: Die Auffassungen von KBV und Ersatzkassen liegen meilenweit auseinander.

Denn für Ballast ist klar: "Wenn Ärzte das Wirtschaftlichkeitsgebot brechen, folgt der Regress." Und der komme nicht einfach so aus heiterem Himmel. Im Gegenteil: Mehrfach werde der Arzt aufgefordert, sein Verordnungsverhalten zu korrigieren, bevor ein Regress vollzogen werde. Der vdek-Chef: "Regresse sind und bleiben unvermeidlich."

Überdies stellten sie auch keine ernsthafte wirtschaftliche Bedrohung für den Arzt dar, behauptete Ballast, wobei er eine Kassen-Statistik präsentierte. So habe die Regress-Summe im Jahr 2009 über alle niedergelassenen Ärzte im Schnitt etwa 500 Euro (pro Jahr) betragen.

Sein Fazit: "Ein Verordnungssystem ohne Geschwindigkeitsbegrenzung funktioniert nicht."

"Richtgrößen müssen fallen"

Aber nicht bei einer Fahrt durch dichten Nebel, bei der man die Beschilderung nicht erkennen könne, konterte Müller, womit er die Diskussion auf Rabatte und Richtgrößen lenkte. "Die Richtgrößen müssen fallen. Wir haften für etwas, für das wir nicht verantwortlich sind."

Ärzte hätten kein Verständnis dafür, dass über 95 Prozent das Damoklesschwert der Regresse schwebe, wenn lediglich zwischen drei und fünf Prozent der Ärzte einen Regress bekommen. Müller: "Hier reden wir über Regresse in der Größenordnung zwischen 20 000 und 200 000 Euro."

Müllers Credo: Er verteidigte sein Konzept der Wirkstoffverordnungen, weil dies nicht nur die Richtgrößenprüfung überflüssig mache, sondern auch zu Einsparungen von über zwei Milliarden Euro führe. Ballast sagte dazu nicht grundsätzlich nein, zeigte sich aber skeptisch bezüglich der Höhe der Einsparungen.

[16.05.2011, 13:42:56]
Dr. Birgit Bauer 
Der liebe Durchschnitt,
Ja, ja Herr Ballast, im Durchschnitt ist der Dorfteich 1 m tief und die Kuh ist trotzdem ersoffen !!!
Für mich erfüllen die Regresse den Tatbestand von Psychoterror.
Von seiten der Kassen erhalten die Pat. die Aussage, dass ihnen alles notwendige zusteht. Für mich als Anästhesistin, die spezielle Schmerztherapie betreibt und fast ausschließlich hochchronifizierte Schmerzpatienten behandelt, ist das reine Lüge.
Jedes Jahr Regressandrohung , jedes Jahr aufwendige Therapiebegründungen , geschrieben in der Freizeit , also zu 0-Honorar.
So vertreibt man Kollegen aus der Niederlassung und Pat. in die Resignation.
Ich wünsche mir endlich intelligente Menschen mit Fachverstand in den "Selbstbedienungsgremien "
M.f.G. B.Bauer zum Beitrag »

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text
Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Medikamente auch einmal beherzt absetzen!

Viele Ärzte scheuen sich, Medikamente abzusetzen - obwohl sie wissen, dass dies Patienten oft hilft. Neuseeländische Wissenschaftler haben zwei paradoxe Gründe dafür gefunden. mehr »

Geht's auch etwas modischer in der Klinik?

Unsere Bloggerin Dr. Jessica Eismann-Schweimler hat Verständnis für die Klinik-Kleidungsvorschriften. Doch mit ein klein wenig Fantasie könnte man auch den unvermeidlichen Kasack hübscher gestalten, meint sie. mehr »

Sport im Alter schützt vielleicht vor Demenz

Dass Sport nicht Mord bedeutet, wissen Forscher schon lange. Jetzt haben Alters- und Sportwissenschaftler messen können, wie Sport das Gehirn im Alter verändert. Dient Fitness als Demenzprävention? mehr »