Ärzte Zeitung, 16.06.2011

Hintergrund

Behinderten soll Zugang zu Ärzten erleichtert werden

Für Menschen mit Behinderung ist der Arztbesuch nicht selbstverständlich. Zwei Aktionspläne sollen das ändern.

Von Rebecca Beerheide

Zugang zur medizinischen Versorgung bleibt versperrt

Rollstuhlfahrer sollen künftig leichter zum Arzt gelangen. Die Regierung legt dazu ein Programm für barrierefreie Praxen und Kliniken auf.

© Ilan Amith / fotolia.com

Bei der Politik für Menschen mit Behinderung geht's gerade richtig rund: Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat zum ersten Mal einen "World report on disability" verfasst, in dem sie Regierungen weltweit heftig für den geringen Einsatz für Behinderte kritisiert.

Kurz darauf verabschiedet das Bundeskabinett einen Aktionsplan für Menschen mit Behinderung, in dem die zuständige Ministerin, Ursula von der Leyen (CDU), rund 100 Millionen Euro zusätzlich für die Förderung der Integration in die Gesellschaft verspricht.

Berufliche Integration im Vordergrund

Dabei soll vor allem die berufliche Integration gefördert werden. Doch der Aktionsplan der Bundesregierung ist mit vielen "Soll"-Optionen gespickt.

Dabei ist Handlungsbedarf angesagt: In ihrem detaillierten Bericht über die gesundheitliche Situation von Menschen mit Behinderung stellt die WHO vor allem fest, dass weltweit deutlich mehr Menschen mit einer Behinderung leben, als angenommen. So gingen Schätzungen bislang von zehn Prozent der Weltbevölkerung aus, die unter einer Behinderung leiden.

Knapp zehn Millionen behinderte Menschen in Deutschland

Die WHO stufte diese Zahl nun deutlich nach oben: Da weltweit immer mehr Menschen älter werden und auch die Zahl der Menschen mit chronischen Krankheiten steigt, leben inzwischen 15 Prozent der Weltbevölkerung mit einer Behinderung - das sind etwa eine Milliarde Menschen, von denen rund 800 Millionen in Entwicklungsländern leben.

In Deutschland sind es laut Statistischem Bundesamt rund 9,6 Millionen Behinderte, das sind 11,7 Prozent der Bevölkerung.

Der Zugang zur medizinischen Versorgung ist weltweit oftmals nicht ausreichend - egal, ob es um Länder wie Deutschland oder Entwicklungsländer geht.

Bundesregierung kündigt Programm an

Daher endet der WHO-Report nach über 260 Seiten auch mit einem eindringlichen Appell: Alle Länder müssen sich mehr für den Zugang und die Qualität der Versorgung einsetzen. Dafür fordert die WHO von ihren Mitgliedern umfangreiche Aktionspläne

Im neuen Aktionsplan der Bundesregierung von dieser Woche kündigt sie vor allem an, ab 2012 ein Programm für barrierefreie Praxen und Kliniken aufzulegen (wir berichteten kurz). Auch soll ein Programm gestartet werden, mit dem Ärzte und medizinisches Personal für die "Belange behinderter Menschen sensibilisiert" werden.

Die Federführung dafür hat das Bundsministerium für Arbeit und Soziales -  das Gesundheitsministerium, die Bundesärztekammer sowie Behinderten-Verbände sollen zwar einbezogen werden, es bleibt aber offen, wie die Zusammenarbeit gelingen soll.

In zehn Jahren sollen die Pläne umgesetzt sein

Viele der Pläne sollen in zehn Jahren umgesetzt sein - ein Zeitraum, der für Betroffenen-Verbände wie die BAG Selbsthilfe viel zu lang gefasst ist.

"Wirklich zukunftsfähige Konzepte zu einer inklusiven Gesellschaft sucht man in dem Aktionsplan vergeblich", sagt Dr. Martin Danner von der BAG-Selbsthilfe.

Hintergrund für die Aktivitäten der deutschen Regierung ist die UN Behindertenrechtskonvention, die 2006 verabschiedet und von Deutschland 2008 ratifiziert weurde. Darin werden die Staaten aufgefordert, Menschen mit Behinderung in die Gesellschaft einzugliedern.

Beim Blick in den WHO-Bericht ist es interessant, welche Gründe Behinderte weltweit angeben, die sie am Zugang zur medizinischen Versorgung hindert.

Laut den Statistiken aus dem "World Health Survey", in dem die WHO Gesundheitsdaten zwischen 2002 und 2004 analysiert hat, haben besonders in den Industrieländern Betroffene zwar versucht, einen Arzt aufzusuchen, die Versorgung wurde aber abgelehnt.

WHO: Menschen mit Behinderung entwickeln öfter weitere chronische Erkankungen

Laut dem Report haben in Industrieländern 44,3 Prozent der Männer und 54,6 Prozent der Frauen diese Erfahrung gemacht. In der Vergleichsgruppe der Nichtbehinderten waren es 18,7 Prozent bei Männern und 19,6 Prozent bei Frauen.

Dieses Problem gibt es in den Entwicklungsländern laut der Studie kaum - hier fehlt es bei über der Hälfte der Betroffenen am Geld für den Arztbesuch. Der WHO-Bericht zeigt auch, dass Menschen mit einer Behinderung auch deutlich öfter weitere chronische Erkrankungen entwickeln, als Menschen ohne Behinderung.

Besonders Schmerzen, Herzkreislauf-Erkrankungen oder Diabetes tauchen deutlich öfter auf. Auch bei der Zahngesundheit gibt es - im wahrsten Sinne des Wortes - viele Lücken.

Beim Programm "Healthy Athlets", das bei verschiedenen Wettbewerben der "Special Olympics Deutschland" behinderte Sportler untersucht, brauchen über die Hälfte der Athleten eine Anschlussbehandlung. "Das zeigt, dass wir dringend eine Verbesserung bei der Versorgung der Patienten brauchen", sagen sie Initiatoren der Gesundheits-Programms.

[17.06.2011, 11:27:19]
Dr. Johann Hecker 
Billignarkosen für Behindert, Demente und Kinder im zahnärztlichen Bereich...
gibt es seit dem 2. Quartal 2005. Vorher wurden alle Narkosen von den gesetzlichen Krankenkassen gleich vergütet.

Inzwischen werden vermehrt Narkosezwischenfälle, unter dem Diktat der um 15% und mehr gekürzten Honorare, bei zahnärztlichen Narkosen, gemeldet.

Immer mangelt es bei diesen Zwischenfällen an notwendigem Personal und (oder) an ausreichendem Gerät bzw. auch mangelnder räumlicher Ausstattung.

Die Ärzte sind in der Regel hochversierte, langjährig tätige Anästhesisten, die sich auf dass Preisdumping der gesetzlichen Krankenkassen einlassen und wegen der miserablen Bezahlung schwere Organisationsfehler begehen.

Mit dieser Diskriminierung von Behinderten, Dementen und Kindern gehört endlich Schluss gemacht!

Alle Verantwortlichen der Krankenkassen, der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, auch von Politik und von Behindertenverbänden sind über die jahrelangen Missstände bestens informiert. Herrn Köhler, dem Vorstandsvorsitzenden der Bundeskassenärztlichen Vereinigung, wird vom Berufsverband der Deutschen Anästhesisten inzwischen Beratungsresistenz vorgeworfen.

Die dringend nötige Verbesserung der Patientenversorgung, durch Angleichung der ärztlichen Honorare an andere Narkoseleistungen, bedarf einer schnellen Lösung, damit nicht noch mehr Schaden entsteht.

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