Ärzte Zeitung, 21.06.2011

Noch alles offen bei den Richtgrößen in Berlin

In der Hauptstadt ist die Berechnung der Arzneimittelrichtgrößen umstritten. Kassenärztliche Vereinigung und Krankenkassen treffen sich vor dem Schiedsamt.

Von Angela Mißlbeck

Noch alles offen bei den Richtgrößen in Berlin

Vor allem bei den Neurologen hat die Verschreibung morderner Neuroleptika und neuer MS-Medikamente zu höheren Verordnungskosten geführt.

© Dolberg

BERLIN. Für die niedergelassenen Ärzte in Berlin steht immer noch nicht fest, wie es mit den Arzneimittelrichtgrößen in diesem Jahr weitergeht.

Die Arzneimittelvereinbarung zwischen Kassenärztlicher Vereinigung (KV) und Krankenkassen in Berlin geht erneut vors Schiedsamt.

Strittig ist die Berechnung der neuen Richtgrößen. Das Schiedsamt hatte KV und Kassen verpflichtet, dafür eine neue Systematik zu erarbeiten, wie KV-Vorstand Burkhard Bratzke in der KV-Vertreterversammlung berichtete.

Keine Einigung bislang

Vor allem hielt die Schiedsamtsvorsitzende es für "nicht sinnvoll, eine so große und vielfältige Arztgruppe wie die Internisten mit einer Richtgröße zu belegen", so Bratzke. Nun haben Kassen und KV jeweils neue Vorschläge erarbeitet, finden aber zu keiner Einigung.

Der Vorschlag der Kassen sieht nach Bratzkes Angaben vor, dass für alle Arztgruppen auf Basis der tatsächlichen Verordnungen im Jahr 2009 ein Verordnungsanteil ermittelt wird, der dann auf das Gesamtsoll für 2011 angewendet werden soll. Das Soll liege fünf bis zehn Prozent unter den tatsächlichen Verordnungen.

"Gefährdung für Patienten"

"Wir halten es für nicht vertretbar, dass man eine solche Änderung den Ärzten unterjährig zumutet. Wir halten auch eine so niedrige Richtgröße für eine Gefährdung für Patienten", sagte Bratzke.

Eine Anpassung der Richtgrößen hält aber auch die KV für erforderlich. Sie hat vorgeschlagen, dass die alten Richtgrößen für die Arztgruppen um den auf Bundesebene ermittelten Prozentsatz erhöht werden, wobei die Internisten und weitere Gruppen, bei denen es sinnvoll erscheint, aufgeteilt werden sollten.

Würde der Kassenvorschlag umgesetzt, würden laut Bratzke 238 von 1717 Allgemeinmedizinern die Richtgrößen überschreiten. Bei Umsetzung des KV-Vorschlags wären es nur knapp 100 Allgemeinärzte. Anders bei den Neurologen und Psychiatern: Sie kämen beim Kassenvorschlag mit 66 Richtgrößen-Überschreitern besser weg als beim KV-Vorschlag mit 81 Ärzten, die auffällig würden.

Steigerung der Verordnungskosten

Das liegt laut Bratzke daran, dass die Richtgrößen in Berlin bisher gleichmäßig weiterentwickelt worden sind, obwohl es durch neue Antiepileptika, moderne Neuroleptika und neue Medikamente gegen Multiple Sklerose in diesem Fachgebiet zu deutlichen Steigerungen der Verordnungskosten gekommen ist.

Diese Entwicklung würde beim Kassenvorschlag berücksichtigt. Der Dermatologe Bratzke weist darauf hin, dass seine eigene Fachgruppe derzeit mit Blick auf die Behandlung der Schuppenflechte mit so genannten Biologicals eine ähnliche Entwicklung erlebt.

Kassen und KV in Berlin treffen sich noch im Juni erneut vor dem Schiedsamt. Bis die neuen Richtgrößen feststehen, gelten die Werte aus 2010 fort.

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