Ärzte Zeitung, 21.06.2011

Über Orthopäden und Hausärzte wird sich am häufigsten beschwert

Auch Hausärzte müssen immer häufiger mit Beschwerden von Patienten leben. Die Bundesärztekammer sieht eine Ursache dafür im zunehmenden Druck in der Praxis.

Von Sunna Gieseke

Zeitdruck - eine Ursache für Fehler in der Hausarztpraxis

BERLIN. Immer noch passieren jedes Jahr tausende Behandlungsfehler. Niedergelassene Orthopäden und Hausärzte erhalten aufgrund eines vermeintlichen Fehlers die meisten Beschwerden von Patienten.

Gegen Dermatologen und Hals-Nasen-Ohren-Ärzte richten Patienten hingegen seltener Vorwürfe. Das geht aus der aktuellen Behandlungsfehler-Statistik der Bundesärztekammer (BÄK) hervor.

Häufiger Arzt-Patienten-Kontakt

Die vielen Beschwerden gegen Hausärzte führen Experten auf die häufige Anzahl der Arzt-Patienten-Kontakte zurück.

Doch bei den Diagnosen hat sich zum Beispiel die Zahl der nachgewiesenen Behandlungsfehler bei Brustkrebs in den vergangenen fünf Jahren fast halbiert. 2010 waren es noch 29 Fälle.

Nach Ansicht der BÄK könnte dieser Rückgang auf das Mammografie-Screening zurückzuführen sein. In den Krankenhäusern sei hingegen die Zahl der nachgewiesenen Fehler bei Kniegelenkarthrose (52 Fälle im Jahr 2010) und Unterarmfrakturen (57 Fälle) angestiegen.

Jeder Fehler ist einer zu viel

"Selbstverständlich" sei jeder Fehler, der passiere, ein Fehler zu viel, betonte Dr. Andreas Crusius, Vorsitzender der Ständigen Konferenz der Gutachterkommission und Schlichtungsstellen. Ein neuer Umgang der Ärzte mit Fehlern führe aber inzwischen dazu, dass nicht mehr gefragt werde, wer Schuld sei, sondern, warum ein Fehler geschehen sei. Das trage langfristig zur Vermeidung von Fehlern bei.

Allerdings wachse der Kostendruck in Praxis und Klinik. Ärzte müssten "in immer kürzerer Zeit und mit weniger Personal immer mehr Patienten mit immer komplexer werdenden Untersuchungs- und Behandlungsmethoden" betreuen.

"Auch dabei passieren Fehler", so Crusius. Doch seiner Ansicht nur sehr selten: Denn man müsse die Fehler in Verhältnis zu den immerhin 400 Millionen Arzt-Patienten-Kontakten pro Jahr sehen.

In Kliniken passieren die meisten Fehler

Doch die meisten Fehler (72 Prozent) passierten in Kliniken, ergänzte Rechtsanwalt Johann Neu, Geschäftsführer der Schlichtungsstelle für Arzthaftungsfragen der norddeutschen Ärztekammer. Besonders in der Unfall- und Allgemeinchirurgie gebe es viele Vorwürfe aufgrund eines vermeintlichen Behandlungsfehlers.

Das sei darauf zurückzuführen, dass Patienten bei "schneidenden Fächern" schneller davon ausgingen, dass ein Fehler des Arztes vorliege. In der Praxis unterstellten Patienten hingegen, dass es an ihrer Krankheit liege und nicht an der Therapie. Daher gebe es bei Behandlungsfehlern in Praxen eine Dunkelziffer.

Die Zahl der Beschwerden könnte nach Einschätzung der BÄK mit dem geplanten Patientenrechtegesetz noch steigen. "Ich denke schon, dass eine erhöhte Inanspruchnahme die Folge sein wird", sagte der Ärztliche Leiter des Unfallkrankenhauses Berlin, Walter Schaffartzik.

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