Ärzte Zeitung, 21.07.2011

Hintergrund

Westfalen-Lippe prescht bei Behandlung Schwerstkranker voran

Enge Netze aus Hausärzten, Palliativärzten und Pflegekräften - Westfalen-Lippe scheint das Erfolgsrezept gefunden zu haben, mit dem Schwerstkranke flächendeckend versorgt werden können. Die guten Erfahrungen aus den letzten Jahren wurden jetzt in Blei gegossen.

Von Ilse Schlingensiepen

Palliativversorgung in Westfalen-Lippe ist mit eigenem Vertrag auf Erfolgskurs

Hausbesuch bei einer schwerstkranken Patientin: In Westfalen-Lippe geht das Konzept der Palliativversorgung auf.

© klaro

In Westfalen-Lippe ist die flächendeckende ambulante Versorgung von schwerstkranken und sterbenden Patienten auf eine feste Grundlage gestellt worden. Die KV Westfalen-Lippe und die Krankenkassen haben einen unbefristeten Palliativvertrag abgeschlossen. Das Besondere: Er umfasst sowohl die allgemeine als auch die spezialisierte ambulante palliativmedizinische Versorgung, die Hausärzte spielen eine zentrale Rolle.

Kern des in Westfalen-Lippe umgesetzten Konzepts ist die gemeinsame Versorgung der Patienten durch niedergelassene Haus- sowie Fachärzte und durch palliativmedizinische Konsiliardienste (PKD). Die Vertragspartner haben sich bewusst gegen einen Vertrag zur spezialisierten ambulanten Palliativversorgung (SAPV) entschieden.

Den Beweis, dass dies die richtige Entscheidung war, haben die Ärzte und Pflegedienste in den vergangenen zwei Jahren bereits angetreten, sagt die Palliativmedizinerin Dr. Ulrike Hofmeister aus Münster, Vorsitzende des neu gegründeten Berufsverbands der ambulant tätigen Palliativmediziner Westfalen-Lippe. Auf Basis eines ersten Vertrags ist das Modell bereits seit dem 1. April 2009 erprobt worden.

Inzwischen seien flächendeckende Strukturen geschaffen worden, sagt Hofmeister. "Jeder Patient in Westfalen-Lippe kann eine palliativmedizinische Vollversorgung erhalten, und er weiß, wo er sie bekommt." Die Zusammenarbeit innerhalb der Ärzteschaft und zwischen den Berufsgruppen habe sich intensiviert, ein Vertrauensverhältnis wurde geschaffen. "Wir haben es geschafft, alle ins Boot zu holen, die an der palliativmedizinischen Versorgung beteiligt sind", sagt sie.

"Der Hausarzt hat den Hut auf."

Honorardaten zum neuen Vertrag

Die niedergelassenen Haus- und Fachärzte, die am Vertrag zur palliativmedizinischen Versorgung in Westfalen-Lippe teilnehmen, erhalten einmal je eingeschriebenen Patienten eine Pauschale von 50 Euro für die Eingangsdiagnostik, die Betreuung und Koordinierung in der allgemeinen Palliativversorgung.

Für Hausbesuche bis zu 60 Minuten gibt es neben den EBM-Ziffern 25 Euro, 40 Euro bei Besuchen, die länger als eine Stunde dauern. Der angeforderte Besuch im stationären Hospiz wird mit einem Zuschlag von 25 Euro vergütet.

Der palliativmedizinische Konsiliardienst erhält neben leistungsbezogenen Pauschalen eine einmalige Pauschalvergütung von 525 Euro je Patient für die Koordinierung der durchgehenden Betreuung eingeschriebener Palliativpatienten.

Die Arbeit in den 27 palliativmedizinischen Netzen in Westfalen-Lippe habe die große Bedeutung der Hausärzte deutlich gemacht. "Über 60 Prozent der Patienten werden über die Hausärzte angemeldet."

Es sei gelungen, das Misstrauen der Hausärzte gegen den Vertrag abzubauen, berichtet der Bielefelder Hausarzt Dr. Hans-Ulrich Weller, zweiter Vorsitzender des neuen Verbands. Sie hätten nicht länger die Befürchtung, dass ihre Kompetenzen in Frage gestellt und sie aus der Versorgung ihrer schwerst kranken Patienten gedrängt werden sollen.

"In Westfalen-Lippe haben wir die Hausärzte in die erste Reihe gestellt." Der Hausarzt könne entscheiden, wie lang er den Patienten alleine betreuen und wann er den PKD hinzuziehen will. "Der Hausarzt hat den Hut auf."

Für die Teilnahme der Hausärzte gibt es nach wie vor keine Zugangshürden. Für die PKD sind dagegen die Anforderungen erhöht worden. Dort müssen jetzt mindestens vier Palliativmediziner mitarbeiten.

Die Dienste müssen als Koordinator eine Pflegefachkraft mit einer Palliative Care-Weiterbildung beschäftigen, ab 75 behandelten Patienten im Quartal anderthalb Kräfte und ab 100 zwei. Das westfälisch-lippische Konzept führe nicht zu Abstrichen an der Versorgungsqualität, betont Weller. "Auch wir erbringen SAPV in Reinkultur." Für jeden Patienten werde nach seinen individuellen Bedürfnissen ein passendes Versorgungskonzept zusammengestellt.

Konzept hat überzeugt

Auch der Palliativmediziner Dr. Eberhard Lux ist von dem Konzept überzeugt. Er arbeitet als Anästhesist im St. Marienhospital Lünen und als Privatperson zusätzlich im Netz. "Das Modell ist deshalb so wertvoll, weil es niedrigschwellig ist und viele Patienten erreicht." Die Koordinatoren im PKD seien rund um die Uhr erreichbar. "Sie können verhindern, dass die Patienten ins Krankenhaus kommen, wo sie vielfach gar nicht hingehören."

In Regionen, in denen die SAPV im Vordergrund steht, würden die Hausärzte die Palliativmediziner oft erst dann hinzuholen, wenn es gar nicht mehr anders geht. "Es ist besser, wenn der Palliativmediziner frühzeitig mit Rat und Tat zur Seite steht", sagt Lux. Dann könnten die palliativen Anteile der Versorgung je nach Bedarf sukzessive erhöht werden.

Es war für die Kassen selbstverständlich, den erfolgreichen Palliativvertrag fortzusetzen, sagt Martin Litsch, Vorstandsvorsitzender der AOK Nordwest. "Wesentlicher Erfolgsfaktor der Palliativversorgung in Westfalen-Lippe ist nach unserer Auffassung die kollegiale Einbindung der Hausärzte sowie die Einbeziehung aller Palliativpatienten und nicht nur der Schwerstbetroffenen."

Für die AOK Nordwest als Mitinitiatorin des Modells sei es besonders wichtig, dass die ambulante Palliativversorung allen Betroffenen unmittelbar und ohne bürokratischen Aufwand offen steht. "Deshalb haben wir uns dafür eingesetzt, dass die teilnehmenden Haus- und Fachärzte sowie Palliativmedizinischen Konsiliardienste ihre Leistungen in bewährter Weise direkt mit der KV Westfalen-Lippe abrechnen können."

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Palliativversorgung auf hohem Niveau

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