Ärzte Zeitung, 11.09.2011

Was Leser sagen

"Psychotherapie wirkt nachhaltig"

Mit der Rolle der Psychotherapeuten für die Versorgung hatten sich Heiner Melchinger und ein Kommentar der "Ärzte Zeitung" kritisch befasst. Gegenrede kommt von Betroffenen.

Zunächst behauptet Herr Melchinger, dass besonders viele Psychotherapeuten nur in Teilzeit tätig sind. Die Auslastungsstatistiken der KVen zeigen regelmäßig eine ähnliche Normalverteilung im Auslastungsgrad psychotherapeutischer Praxen wie bei den Hausärzten. Melchinger verwechselt offensichtlich Arbeitszeit mit Behandlungszeit.

Das Bundessozialgericht hat 36 GKV-Behandlungsstunden pro Woche als Maximalauslastung definiert. Mit allen Nebenarbeiten ergibt sich daraus eine Wochenarbeitszeit von 51 Stunden. Keine andere Arztgruppe würde die Zeit am Patienten mit der realen Arbeitszeit gleichsetzen. Bei durchschnittlich ca. 25 Behandlungsstunden pro Woche ergibt sich eine Arbeitszeit von 37 Stunden, was kaum als Teilzeitarbeit bezeichnet werden kann.

Weiter lässt er außer Acht, dass eine psychotherapeutische Behandlung nachhaltig wirkt, weil sie an den psychischen Ursachen ansetzt, wohingegen eine medikamententöse Behandlung in der Regel symptomatisch solange wirkt wie das Medikament gegeben wird.

Dementsprechend wird z.B. nach der Nationalen Versorgungsleitlinie Depression bei jeder Art und jedem Schwergrad einer Depression eine Psychotherapie empfohlen.

Dass Psychotherapie nicht nur hochwirksam ist, sondern auch fast ausnahmslos schwer kranke und nicht nur jüngere, leichter erkrankte Patienten behandelt werden, hat jüngst eine Studie der TK sehr deutlich gemacht. Jeder investierte Euro zahlt sich doppelt aus (vgl. http://www.tk.de/tk/050-publikationen/studien-und-umfragen/qualitaetsmonitoring-in-der-psychotherapie-mai-2011/341996).

Jeder, der selbst als Psychiater oder Psychotherapeut in der Versorgung tätig ist, kann bestätigen, dass die überwiesenen Patienten (es sind immerhin mehr als die Hälfte, die per Überweisung vom Hausarzt oder Psychiater kommen) in der weit überwiegenden Zahl an ernsthaften psychischen Krankheiten leiden.

Die "sprechende Medizin" wird bei uns nach wie vor viel zu schlecht bezahlt, auch die der Psychiater, die somit in den Einkommensstatistiken seit Jahren nur den vorletzten Platz erreichen. Aber die Psychotherapeuten verdienen noch schlechter und sind damit immer noch die am schlechtesten verdienende Arztgruppe. Dies kann man ausnahmslos in jeder Statistik finden.

Ein Psychotherapeut bekommt für jede Psychotherapiesitzung zu 60 Minuten 81 Euro, bei probatorischen Sitzungen 61 Euro, bei der Psychodiagnostik sogar nur 34 Euro je Stunde. Für diesen Stundensatz arbeitet kein anderer Arzt und auch kein psychiatrisch Tätiger, der zwar pro Patient weniger bekommt, aber in derselben Zeit mehrere Patienten behandelt. Insofern wird für Psychotherapie nicht zu viel, sondern immer noch zu wenig Geld ausgegeben.

Aufgrund einer historisch bedingten fehlerhaften Bedarfsplanung gibt es nach wie vor fast überall in Deutschland - außer in ein paar wenigen großen Städten - eine eklatante Unterversorgung mit Psychotherapie, die natürlich mit mehr Psychotherapeutensitzen zu verringern wäre.

Herr Melchinger verkennt, dass Psychotherapie und Psychiatrie in den Kassenärztlichen Vereinigungen eigentlich im selben Boot sitzen, wenn er immer wieder gegen die Psychotherapie kämpft und dafür zu werben versucht, ihr Budget oder ihre Niederlassungsmöglichkeiten zu verkleinern, um das eingesparte Geld der Psychiatrie zuzuschieben.

Psychiatrie und Psychotherapie müssten zusammen dafür kämpfen, dass die Gesprächsleistungen für psychisch Kranke insgesamt besser bezahlt werden und dass nicht weiterhin unhinterfragt die Organmedizin mit technischen Leistungen wesentlich besser gestellt wird. Schließlich hat unser jahrelanges Bemühen um eine bessere Honorierung auch den Psychiatern geholfen, die selbst psychotherapeutisch arbeiten.

Bedenklich finden wir, dass in der Ausgabe vom 7. September Ihr Kommentator Thomas Müller Melchingers Behauptung unkritisch wiederholt, dass Psychotherapeuten sich um die leicht Erkrankten kümmerten, Psychiater um die schwer Kranken. Wer solche Behauptung in die Welt setzt, zeigt, dass er von der realen Versorgung nichts versteht und er trägt auch weiter dazu bei, dass psychische Krankheiten zu wenig ernst genommen werden.

Dr. Birgit Clever, Vorsitzende des Bundesverbandes der Vertragspsychotherapeuten
Dieter Best, Vorsitzender der Deutschen Psychotherapeuten- Vereinigung

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[17.09.2011, 15:25:15]
Dr. Frank Schoeneich 
Weitere Entwicklung und Professionalisierung der Versorgungsangebote nötig
Und unbedingt müssen die Versorgungsstrukturen, in denen ambulant Psychotherapie erbracht wird, eine Phase der weiteren Professionalisierung als Entwicklung nehmen.
Nicht mehr desselben ist vonnöten, sondern intelligente moderne flexible und vor allem unbürokratische Konzepte und Modelle der integrierten Versorgung (Abschied von der Richtlinienpsychotherapie, die in dieser Hinsicht m.E. längst von der Wirklichkeit überholt worden ist und nunmehr eher hemmend für die Lösung der anstehenden Versorgungsprobleme scheint), aufbauend auf den vorhandenen Möglichkeiten, sind der Weg, der in die Zukunft führt.

Gruppentherapie wird in kaum einer psychotherapeutischen Versorgungseinheit ambulant in nennenswertem Umfang angeboten, obwohl evidenzbasiert für die allermeisten psychischen und psychosomatischen Störungen in der Mehrzahl der Fälle diese Therapieform in sinnvoller Kombination mit einzeltherapeutischen Sitzungen in geringerer Dosis eine inhaltlich wie ökonomisch zentrale Stellung einnehmen sollte, siehe so in der Behandlung der schwer und schwerst Kranken in der Klinik.

"Nebenbei" würde damit meiner klinischen wie auch therapeutischen Erfahrung nach auch das immer wieder in dieser Diskussion mitschwingende Problem der "gerechten" Verteilung der Psychotherapie (angeblich - und einiges spricht wirklich dafür - bekommen "attraktive", gebildete, wohlhabende und auch leichter kranke Patienten aus den verschiedensten Gründen schneller, häufiger und nicht selten länger / mehr ambulante psychotherapeutische Versorgung - hierbei handelt es sich dann in der Regel um Einzeltherapeutische Versorgung) in gewisser Weise wie von selbst gelöst: in der Gruppe stellen diese "Gesünderen" nicht selten eine absolut notwendige Voraussetzung zum Funktionieren der Gruppentherapie dar auch im Sinne eines Lernens am Modell für die anderen bzw. einer "Unterstützung" hinreichend funktionierender Gruppenprozesse. Damit und aus der Tatsache, daß diese Gesünderen meiner Erfahrung nach nicht so lange in den Gruppen brauchen, um wieder hinreichend symptomfrei und "lebensfähig" zu werden, ergeben sich interessante Implikationen für die möglichst weitestgehende Implemetierung gruppentherapeutischer Versorgung ins ambulante Versorgungssystem auch unter dem Thema der Verteilungsgerechtigkeit, wie ich finde. Die Therapiedauer ergibt sich meiner Erfahrung nach eben oftmals innerhalb der "Schwerehierarchie" innerhalb einer Therapiegruppe "sozial gerecht" beinahe wie von selbst (keine Angst - der Therapeut ist schon noch nötig…).

Ich bin da also bei der Forderung nach "mehr" Therapeuten sehr skeptisch. Ich würde ehrlich gesagt vor allem (a) andere Therapieangebote auch von den vorhandenen Therapeuten erwarten und (b) ein modernes "erreichbares" Praxismanagement per Telefon und für Notfälle mit Arzthelferinnen zur Terminvergabe auch in Notfällen wie in jeder normalen Arztpraxis üblich erwarten, (c) weitestgehende Kooperationen zwischen Ärztlichen Psychotherapeuten, Psychosomatikern, Psychologischen Psychotherapeuten, Psychiatern und anderen Fachärzten und Hausärzten und psychotherapeutischen Ausbildungseinrichtungen, (d) ein durchschaubares Monitoring und eine empirische Qualitätsmessung der angebotenen Leistungen: "Wer bietet im KV-System wie vielen Patienten (! - nicht wie viele Therapeuten! Entschuldigung, aber hier geht es mal nicht um unsere Anzahl, sondern um die Anzahl der versorgten Patienten) in welchem Zeitraum welche Anzahl an Behandlungen mit welcher Struktur-, Prozeß und Ergebnisqualität an" wären zielführende Fragen!

Im vorhandenen System sehe ich viel Luft nach oben, viele Optimierungsmöglichkeiten.


Dr. Frank Schoeneich, Psychotherapeutisches Zentrum POLIKUM (PZP), Berlin zum Beitrag »

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