Ärzte Zeitung, 12.09.2011

Interview

Wesiack: Buhmann-Debatte schreckt junge Kollegen ab

Massive Vorwürfe gegen die Kassen erhebt BDI-Chef Wolfgang Wesiack. Ihnen gehe es wenige um eine gute Versorgung als vielmehr ums Sparen. Ärzte würden als Buhmänner diffamiert.

Dr. Wolfgang Wesiack

Wesiack: Buhmann-Debatte schreckt junge Kollegen ab

© BDI

Aktuelle Position: seit 2004 Präsident des Berufsverbandes Deutscher Internisten

Werdegang / Ausbildung: Studium in München und Hamburg, 1973 Staatsexamen, 1981 Facharzt für Innere Medizin, 1983 Niederlassung in Hamburg

Karriere: 1995/96 Vorsitzender der KV Hamburg; seit 1994 Mitglied der Delegiertenversammlung der Ärztekammer Hamburg

Ärzte Zeitung: Die Beratungen über das Versorgungsstrukturgesetz gehen in die heiße Phase. Haben Sie den Eindruck, dass den Interessen der Internisten Rechnung getragen wurde?

Wesiack: Leider in einigen Bereichen bisher nicht. Bei der Bedarfsplanung, der Stellung der hausärztlich tätigen Internisten, dem Regresswesen und bei der spezialärztlichen Versorgung - um nur die wichtigsten Punkte zu nennen - muss der Gesetzentwurf nachgebessert werden.

Ärzte Zeitung: Seit Wochen versuchen Kassen ebenso wie das BMG den Druck auf die niedergelassenen Ärzte zu erhöhen - mal sind es die Wartezeiten, mal ist es die Arbeitszeit. Was steckt ihrer Meinung dahinter?

Wesiack: Wie schon in der Vergangenheit sollen die Ärzte als Buhmänner diffamiert und als verantwortlich für Systemfehler in die Schmuddelecke gedrängt werden. Hier scheint den Kassen, die leider in erster Linie nur am Sparen interessiert sind und dabei die Sicherung der Versorgung ihrer Mitglieder aus den Augen verlieren, inzwischen jeder nur mögliche Vorwurf recht zu sein.

Die Ursache für Wartezeiten sind die Regelleistungsvolumina, die Mehrleistung bestrafen. Eine so verordnete Mengenbegrenzung kann für die Versorgung nicht folgenlos bleiben.

Ärzte Zeitung: Wie passt eine solche Diskussion zu dem Bestreben, den künftigen Ärztemangel beheben zu wollen und neue Anreiz-Systeme zu etablieren?

Wesiack: Natürlich sind diese Diskussionen im höchsten Grad kontraproduktiv und schrecken junge Kolleginnen und Kollegen nur davon ab, sich niederzulassen. Die Krankenkassen bestreiten ja nach wie vor den sich klar abzeichnenden Ärztemangel und reden von einem Verteilungsproblem. Auf die Wirkung der neuen Anreiz-Systeme bin ich gespannt, wage aber die Vorhersage, dass sie wenig effektiv sein werden.

Ärzte Zeitung: Der neue spezialärztliche Sektor ist Ihnen ein Dorn im Auge: Wo sehen Sie hier Gefahren für Internisten?

Wesiack: Der neue Paragraf 116 b (SGB V) ersetzt in der jetzigen Form nur unzureichend die absolut indiskutable bisherige Regelung, die vorhandene hochwertige ambulante Versorgungsstrukturen ignoriert. Der BDI stimmt dem Prinzip des neuen 116 b zwar zu, hat aber wesentliche Verbesserungsvorschläge, die dafür sorgen sollen, dass zwischen Klinik und Vertragsarzt gleich lange Spieße hergestellt werden.

Deshalb muss auch im Krankenhaus die persönliche Leistungserbringung implementiert werden - wie in der Praxis.

Ärzte Zeitung: Kommen wir zur GOÄ: Hier hat man den Eindruck, dass es nicht voran geht. Woran liegt das aus ihrer Sicht?

Wesiack: Gerade die PKV hat eine sehr starke Interessenvertretung im BMG. Die BÄK ist bis auf die konsequente Ablehnung einer Öffnungsklausel zu sehr darauf bedacht, Kompromisse zu finden. Das BMG scheut sich, eine echte Reform der GOÄ zu unterstützen, weil es Angst vor einer Kostensteigerung hat, die sie dann auch politisch vertreten müsste. Es ist zu befürchten, dass die neue GOÄ finanziell und strukturell für die Ärzte ungünstiger ist als die alte.

Ärzte Zeitung: Würden Sie zur Halbzeit der Koalition schon so weit gehen und sagen, dass die Erwartungen und Hoffnungen an ein FDP-geführtes Ministerium enttäuscht worden sind?

Wesiack: Wir haben die Möglichkeiten eines FDP-geführten BMGs von Anfang an realistisch eingeschätzt. Insofern sind wir auch nicht enttäuscht worden.

Ärzte Zeitung: Blicken wir in die Zukunft: Die Krankheitsbilder verändern sich - wir werden mehr chronisch kranke und multimorbide Patienten haben. Wie stellt sich der Verband auf diese Entwicklung ein?

Wesiack: Die Diagnostik und Therapie bei chronischen und multimorbiden Patienten ist die Domäne der Innere Medizin. Der Stellenwert der Inneren Medizin wird für die Versorgung der Bevölkerung insofern noch zunehmen. Als Verband müssen wir dafür Sorge tragen, dass dies den Patienten mit internistischen Erkrankungen auch in Zukunft noch in dem erforderlichen Maße zukommt.

Ärzte Zeitung: Das wird Auswirkungen auf die Strukturen haben: Was raten Sie jungen Kollegen, die sich heute niederlassen wollen: Was sind die besten Optionen für Internisten?

Wesiack: Durch ihre internistische Weiterbildung sind Internisten so gut aufgestellt, dass sie in der Lage sind, in allen Versorgungsbereichen gute Arbeiten zu leisten. Die allgemeinen Rahmenbedingungen müssen verbessert werden, damit sie auch für junge Ärztinnen und Ärzte attraktiv sind.

Ärzte Zeitung: Auch in diesem Jahr veranstaltet der BDI den Internistentag in Berlin: welche Botschaft soll von diesem Tag an die Politik gehen.

Wesiack: Patienten sind keine Autos; Praxen und Krankenhäuser keine Reparaturwerkstätten. Bei einer das Gesundheitswesen dominierenden Ökonomisierung bleibt der Patient auf der Strecke. Wir brauchen nicht mehr Betriebswirte, sondern mehr Ärzte.

Die Fragen stellte Wolfgang van den Bergh

[13.09.2011, 12:10:54]
Dr. Jürgen Schmidt 
Ach ja
Die Wahrnehmung dieses Interviews beschränkt sich auf die eigenen Kollegen. Es handelt sich also um Binnenlegitimation.

Weil der Stoßrichtung die Differenzierung fehlt, werden die Meinungsunterschiede unter den Krankenkassen kaum berücksichtigt und die Wertschätzung weder gewürdigt noch genutzt, die eine internistische Versorgung durchaus genießt. "Mein Hausarzt ist Internist" ist eine immer noch sehr häufige Aussage von Kassenfunktionären und Politikern.

Die Vertreter der Krankenkassen werden im Übrigen mit Befriedigung zur Kenntnis nehmen, dass die öffentliche Wirksamkeit derartiger pauschaler Meinungsäußerungen höchst gering ist. In gleicher Weise registrieren dies auch die Gesundheitspolitiker.
War es das, was der BDI-Chef unter Beweis stellen wollte? zum Beitrag »
[12.09.2011, 19:51:20]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Der BDI kommt langsam in die Puschen
Jetzt reift auch im BDI-Chef, dem Kollegen Wolfgang Wesiack, die Einsicht, dass man mit traditioneller Leisetreterei und KV-KBV-GKV-Schmusekurs nicht weiter kommt.

Doch wo blieben energische BDI-Proteste, als der GKV-Spitzenverband mit dem Gutachten der schweizerischen PROGNOS-AG die ersatzlose Streichung von 12.000 angeblich überflüssigen GKV-Facharztsitzen in Deutschland forderte. Dr. Doris Pfeiffer als Vorsitzende des Vorstands, Johann-Magnus Frhr. v. Stackelberg als ihr Stellvertreter und Gernot Kiefer versteckten sich geradezu hinter ihren Pressesprechern, wenn sie nicht gerade selbst unintelligente Erläuterungen abgaben.

Dazu reihte sich nahtlos, als konzertierte Aktion sozusagen, die wahllose Interpretation eines von der AOK in Auftrag gegebenen Gutachtens der Kölner "YouGovPsychonomics AG" (internationale Marktforschung, Organisationsforschung und Beratung) ein. Auch wenn der Titel schlicht
"Budgetvorgaben, Arbeitsbelastung und Praxisöffnungszeiten am Quartalsende" lautete. Inhaltlich fand eine "Online-Befragung von durchschnittlich 5 Minuten Länge" statt. In einer "Feldzeit 31. März – 16. April 2011" wurden Haus- und Fachärzte eher nach "gefühlten" Einschätzungen gefragt: "Die eigene Praxis vor Quartalsende geschlossen haben in den letzten 12 Monaten 30% der Allgemeinmediziner und 28% der Fachärzte". Und weiter "Nach eigener Einschätzung arbeiten Allgemeinmediziner im Durchschnitt 57 Stunden in der Woche, die niedergelassenen Fachärzte etwas weniger, 52 Stunden."

Jürgen Graalmann, Chef des AOK-Bundesverbandes ab 1.10.2011, blamierte sich. Er "vergaß" einfach, dass selbst Vertragsärzte/-innen auch am Quartalsende Urlaub machen dürfen. Die ärztliche Fortbildungspflicht ist mit 2 Wochen und die jährliche Urlaubszeit mit 6 Wochen jährlich anzusetzen. Aus der realen Vereinbarung mit KVen und KBV über 20 Wochenstunden GKV-Praxissprechzeiten (die tatsächliche Inanspruchnahme liegt viel höher!) wollte der AOK-Chef messerscharf schließen, erst ab der 52. Wochenstunde seien IGEL- und Privatleistungen möglich.

Aber auch die hauseigenen AOK-Berechnungen, durch Herrn Graalmann kommuniziert, zeigten eine offenkundige Dyskalkulie: Bei 57 Wochenstunden der Hausärzte seien 14 % für Privat- und Igelleistungen aufgewendet worden. Das ergibt 49 Stunden ausschließlich für die GKV-Versicherten. 52 fachärztliche Wochenstunden bei 15 % Privatanteil bedeuten immerhin durchschnittlich 44 Stunden wöchentlich nur für die GKV. Pikant auch weitere AOK-Vorwürfe: 49 % Haus- und 47 % Fachärzte wüssten vom Hörensagen, dass andere Kollegen/-innen ihre Praxen angeblich aus Budgetgründen schließen würden. Tatsächlich war das aber 2010 im Gesamtdurchschnitt nur eine einzige Woche gewesen.

Bewusste Terminverschiebungen bei Routineproblemen sind übrigens in Haus- und Facharztpraxen notwendig, um Zeit und Raum für Akutpatienten, Einzelfälle mit besonderer Dringlichkeit und unvorhersehbare Notfälle zu schaffen. Intelligentes, innovatives, zukunftsweisendes und demografiefestes Krankheits- und Gesundheitsmanagement wird von uns Ärzten/-innen in Praxis und Klinik tagtäglich praktiziert, die Problemzonen liegen eher bei der GKV-Kassenbürokratie. Die Zeiten einer anschmiegsamen Appeasement-Politik, das gilt auch für den BDI Kollegen Wesiack, sind endgültig vorbei.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund


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