Ärzte Zeitung, 14.09.2011

Alter Streit um Ärztemangel neu entfacht

Jetzt geht es an die Details im Versorgungsstrukturgesetz. Kassen und KVen kritisieren die schwarz-gelbe Koalition scharf - und reiben sich letztlich weiter an der Frage, ob es einen Ärztemangel gibt oder nicht.

Von Sunna Gieseke

Alter Streit um Ärztemangel neu entfacht

Dr. Gerd Zimmermann, stellv. Vorsitzender KV Hessen und Thomas Ballast, vdek-Vorstandschef (v. li.)

© KV Hessen | Sven Bratulic

BERLIN. Gibt es einen Ärztemangel oder nicht? Diese Frage sorgt zwischen Kassenärztlichen Vereinigungen und Kassen weiterhin für Zoff. "Wir haben viel mehr Absolventen des Medizinstudiums als andere Länder", sagte Karl-Heinz Schönbach, Geschäftsführer Versorgung beim AOK-Bundesverband.

2009 gab es 10.000 Medizinabsolventen

In Deutschland hätten 2009 insgesamt 10.000 Medizinstudenten die Uni verlassen, in Japan seien es 7.500 gewesen, in den USA 19 500. Laut Deutschem Hochschulmedizinverband werden demnach in Deutschland doppelt so viele Ärzte ausgebildet, wie in Japan und den USA.

Deutschland bilde sogar Ärzte für andere Länder wie die Schweiz aus, so Schönbach. "Es gibt allenfalls ein regionales Verteilungsproblem, kein akutes Angebotsproblem bei Ärzten", so sein Fazit.

Er räumte allerdings ein, dass es durchaus Versorgungsprobleme in strukturschwachen Städten gebe - somit eben nicht nur auf dem Land, sondern auch in der Stadt.

Mehr Landärzte nur bei gleichzeitigem Abbau der Überversorgung

Das von der schwarz-gelben Koalition auf den Weg gebrachte Versorgungsstrukturgesetz sei allerdings als "Landarztgesetz gegen einen angeblichen Ärztemangel in Gang gesetzt" worden, kritisierte Schönbach. "Mehr Landärzte kann es aber nur geben, wenn die Überversorgung gleichzeitig abgebaut wird", so Schönbach.

Bisher sei allerdings keine gesetzliche Verpflichtung der KVen zu diesem Punkt vorgesehen. Das Bundesgesundheitsministerium (BMG) betone, dass KVen doch die Möglichkeit hätten, Praxen aufzukaufen.

"Das Landarztgesetz sieht eine Reihe von Maßnamen gegen Überversorgung vor", widersprach dagegen ein BMG-Sprecher auf Nachfrage der "Ärzte Zeitung". Das parlamentarische Verfahren biete zudem Raum für Diskussionen.

"Die Krankenkassen haben künftig weniger Einfluss"

Der Vorstandschef des Verbandes der Ersatzkassen, Thomas Ballast, kritisierte den Kabinettsentwurf des Versorgungsgesetzes scharf: "Die Krankenkassen haben künftig weniger Einfluss" - denn man kehre zurück zur "Honorarautonomie der Kassenärztlichen Vereinigungen".

Dadurch gebe es regional zwar mehr Spielräume, allerdings steige die Intransparenz durch die regional unterschiedliche Honorarverteilung, so Ballast.

Kassen leugnen immer noch den drohenden Ärztemangel

Der stellvertretende Vorsitzende der KV Hessen, Dr. Gerd Zimmermann, konterte: Kassen leugneten immer noch den drohenden Ärztemangel.

Wer nur die Köpfe der Medizinabsolventen und Ärzte zähle, zähle eben falsch. Inzwischen gebe es immer mehr Frauen in dem Beruf, die aber oft nicht Vollzeit arbeiteten, so Zimmermann. Es sei also auch notwendig, einen Blick auf die Arbeitszeit zu werfen.

Er mahnte an, dass die geplante Abschaffung der Abstaffelung der Regelleistungsvolumina in unterversorgten Gebieten extrabudgetär vergütet werden müsste.

Ärztemangel auf dem Land langfristig zu einem Ärztemangel in der Stadt

Sollte dies aus dem gedeckelten Budget entnommen werden, könnte das langfristig dazu führen, dass der Ärztemangel auf dem Land, zu einem Ärztemangel in der Stadt werde.

"Wir werden keinen Cent für den Aufkauf von Praxen ausgeben", betonte Zimmermann. Den Ärztemangel auf dem Land könne man am besten durch die Aufhebung der Bedarfsplanung in den Griff kriegen. Es müsse den KVen überlassen werden, wie sie die Ärzte in unterversorgte Gebiete locken.

[15.09.2011, 15:41:01]
Dr. Jürgen Schmidt 
Auf dem falschen Weg
Die Ärzteschaft tut sich keinen Gefallen mit der permanenten und dem Ruf nach besserer Bezahlung verbundenen Reklamation eines Ärztemangels, der sich in erster Linie als Hausärztemangel darstellt.
Konkrete Maßnahmen der Selbstverwaltung zur Abhilfe dieses Mangels beschränken sich im wesentlichen auf die Förderung der Allgemeinmedizin, ohne das dies wirkliche Erfolge zeitigt. Die Abschlüsse in Innerer Medizin ohne Schwerpunkt übersteigen in vielen Bundesländern die der Allgemeinmedizin, obwohl die späteren Berufsaussichten eher ungünstiger erscheinen.

Doch der Berufsverband und die Fachgesellschaft der Allgemeinmedizin sind weit davon entfernt, die Entscheidung der Ärzte in der Weiterbildung gegen die Allgemeinmedizin richtig zu deuten. Das war noch vor 20 Jahren anders, als der BDA und der BPA die Weiterbildung zum Internisten für den Hausarztberuf übernehmen wollten.

Anstelle des inzwischen gescheiterten Hybridisierungsversuches wäre eine Verschmelzung der Weiterbildungsgänge bis zum 4ten Jahr (Truncus communis) richtiger gewesen, um auch den Allgemeinmediziner solide Kenntnisse der internistischen Basistechniken zu vermitteln begleitet von einer Strukturpolitik, die Kooperationen zwischen Allgemeinärzten und Internisten hätte fördern müssen. Dazu hätte es allerdings gehört, den Allgemeininternisten jene Techniken zu belassen, die Ihnen aus durchsichtigen Gründen entzogen wurden und in der hausärztlichen Versorgung nicht mehr abrechenbar sind.

Ein zermürbender Fachgruppenkrieg hat dies verhindert. Zeit zur Umkehr ist immer noch. Eine vernünftige Strukturpolitik müsste dazu gehören - - und die Einsicht der betroffenen Fachgruppen.
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[14.09.2011, 13:45:46]
Alfred Besand 
Können Krankenkassenvertreter noch Glaubwürdig sein
Den Krankenkassen geht es doch wieder einmal nur um das ärztliche Honorar
Deshalb die Parole zum 100.mal „Überversorgung“.
Wo Steht die Versorgung und die Gesundheit der Menschen?
Da werden Äpfel mit Birnen verglichen.

Ein Zitat von Herrn Dr. Volker Hildebrandt:

Durch eine Erhöhung der Studienplatzzahl oder die Gründung weiterer Fakultäten lassen sich Verteilungsprobleme innerhalb der Ärzteschaft nicht beseitigen. Viel wichtiger sei es,Ärztinnen und Ärzte von bürokratischen Aufgaben
zu entlasten, damit sie mehr Zeit für die Versorgung ihrer Patienten haben.

Das Fazit von Herrn Schönbach: „ Es gibt allenfalls ein regionales Verteilungsproblem,kein akutes Angebotsproblem bei Ärzten“.

Sicher gibt es wenn man der Statistik aus 2009 glauben kann 10000 Medizinabsolventen.

Davon sind 49% Frauen die wie auch Statistiken beweisen nicht alle in Vollzeit
den Arztberuf ausüben können und fast 10% Ausländer die wieder in Ihre Heimat zurückkehren.
Hinzu kommen die Medizinabsolventen die in andere Berufsfelder abwandern. Ganz abgesehen von denen die ihr Glück im Ausland versuchen.

Man sollte sich fragen, meine Herren, wie sieht denn die Zukunft aus.
Im Jahre 2003 haben sich diese Absolventen für den Arztberuf entschieden, da gab es weder ein RLV noch eine Fallzahlbegrenzung, noch eine Richtgröße. Es wurden noch Leistungen einzeln honoriert,
die heute in einer Komplexpauschale zusammen gefasst sind.
Von Insolvenzen war kaum die Rede. Der Arzt konnte wenn er in seinen wohlverdienten Ruhestand ging, seine Praxis noch an andere Kollegen weiter geben.
Heute fehlt jede Planungssicherheit.

Honorarautonomie noch so ein Schreckgespenst der Krankenkassen, lässt vermuten, dass man die Probleme in der Ärzteschaft immer noch nicht erkannt hat.

Jeder Leitende Krankenkassenvertreter sucht nach Gründen und findet sie dann in der
„Honorarautonomie der KVen, Überversorgung, Private werden bevorzugt,
lange Wartezeiten bei GKV Patienten, Kassen verlieren Einfluss usw.“.

In Wirklichkeit geht es doch nur um das Geld, man will mit allen Mitteln versuchen,das Honorar der Ärzte noch mehr zu beschneiden.

Die erbrachten Leistungen des Arztes sollten wieder entsprechend honoriert werden, (Einzelleistungsvergütung) mit einem festen Punktwert, damit die Planungssicherheit wieder gegeben ist.

Alle Statistiken dieser Welt helfen nicht weiter, wenn man versucht, dadurch
Mängel zu verschleiern,aber letztendlich die Ursachen nicht behoben werden.

Wo ist hier die Glaubwürdigkeit und das Vertrauen zu Vertragspartnern.


aerzteberatungrlpmainz.de
Alfred Besand
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[14.09.2011, 12:36:35]
Helena Ritz 
Weiterhin
"Die Kinder- und Säuglingssterblichkeit in den USA liegt neuesten Untersuchungen zufolge nach wie vor deutlich über dem Durchschnitt der Industrieländer. Wie die New York Times unter Berufung auf neuste Regierungsstudien berichtete, liegt die Kindersterblichkeit derzeit bei 6,71 toten Kindern im ersten Lebensjahr pro 1.000 Lebendgeburten. Zum Vergleich: In Deutschland liegt die Rate bei 3,9 toten Kindern pro 1.000 Lebendgeburten; der Durchschnitt in 21 großen Industrieländern liege bei unter 5 toten Kindern, schreibt das Blatt weiter."

Ist das ein strebenswürdiges Ziel der GKVen? Den Zugang zur Ärzteversorgung auf Kosten der Patienten zu erschweren ? zum Beitrag »
[14.09.2011, 11:59:59]
Helena Ritz 
Übrigens
Bei der Arztdichte liegt Deutschland im internationalen Vergleich an der 6 Stelle mit 3 Ärzten je 1.000 Einwohner. (Quelle: Leistungskatalog im Gesundheitswesen im internationalen Vergleich. Prof. Fritz Beske Institut für Gesundheits-System-Forschung Kiel) zum Beitrag »
[14.09.2011, 11:12:37]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
GKV - "Beschützende Werkstatt" 5.0?
Was ist bloß mit der AOK los? Erst demontiert sich Jürgen Graalmann als zukünftiger Chef des AOK-Bundesverbands selbst, in dem er eine aberwitzige Interpretation seiner "YouGovPsychonomics"-Studie mit dem harmlosen Titel: "Budgetvorgaben, Arbeitsbelastung und Praxisöffnungszeiten am Quartalsende" versucht. Graalmann "vergisst" einfach, dass Vertragsärzte/-innen auch am Quartalsende Urlaub machen müssen. Denn ärztliche Fortbildungspflicht, jährliche Urlaubszeit bzw. mögliche Krankheitsausfälle ergeben über 8 Wochen/Jahr. Aus realen Vereinbarungen mit KVen und KBV über 20 Kassen-Praxissprechstundenzeiten pro Woche (die tatsächliche Inanspruchnahme liegt viel höher!) wollte der AOK-Chef messerscharf auf 51 Wochenarbeitsstunden der Vertragsärzte für "seine" GKV schließen. Erst ab der 52. Wochenstunde wolle er "gnädigerweise" IGEL- und Privatleistungen zugestehen.

Völlig abgedreht sind Positionen von Karl-Heinz Schönbach, Geschäftsführer Versorgung beim AOK-Bundesverband, der mit 10.000 Medizinabsolventen in 2009 suggerieren möchte, diese würden alle an der prallen Überversorgung in der GKV teilnehmen wollen. Contradictio in adjecto ist dann, "Deutschland würde auch für die Schweiz ausbilden" und zugleich gäbe es "allenfalls ein regionales Verteilungsproblem". Nein, Jungmediziner, die noch halbwegs gut zu Fuß sind, flüchten in Scharen in die Schweiz, nach Skandinavien, in die USA und nach GB oder Österreich, je nach Sprachkenntnissen. Oder arbeiten erst gar nicht dauerhaft in der Krankenversorgung.

Thomas Ballast, vdek-Vorstand, sollte statt der Bundesregierung lieber den eigenen GKV-Spitzenverband kritisieren. Der hatte mit einem fadenscheinigen Gutachten der schweizerischen PROGNOS-AG die ersatzlose Streichung von angeblich 12.000 "überflüssigen" Facharztsitzen gefordert: Dazu noch die Abfindung und Liquidierung dieser Arztsitze durch die KVen bzw. die KBV selbst!

Bei derartiger Häufung illusionärer Verkennungen, Konfabulationen und unlogischer Schlussfolgerungen scheinen mir selbst professionelle Mediatoren oder Moderatoren überfordert. Intelligentes, innovatives, zukunftsweisendes und demografiefestes Krankheits- und Gesundheitsmanagement wird von uns Haus- und Fachärzten/-innen in Praxis und Klinik tagtäglich praktiziert. Wir lösen 85-95 Prozent aller medizinischen Probleme unserer Patientinnen und Patienten im ambulanten Bereich. Die "beschützende Werkstatt" liegt offenkundig woanders.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
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