Ärzte Zeitung, 21.09.2011

Hintergrund

Alzheimer - an der Diagnose hakt es

Viele Hausärzte tun sich schwer damit, Demenz-Erkrankungen früh zu erkennen. Dabei wären eine schnelle Diagnostik und frühzeitige Behandlung so wichtig für die Patienten. Auswege aus dem Dilemma könnten CT und MRT sein.

Von Angela Misslbeck

Diagnose Alzheimer: Ziel ist eine Versorgung im vernetzten System

Der Anteil alter Menschen an der Bevölkerung wächst und somit auch die Zahl der Menschen mit Demenzen.

© Scott Griessel / fotolia.com

Die Diagnose Demenz kommt in Deutschland oft noch zu spät oder zu wenig differenziert. Deutsche Experten stützen die Erkenntnisse des Welt-Alzheimerberichts: Bei der Demenzbehandlung ist die Diagnostik der große Haken.

Eine frühe Diagnostik und Behandlung mit Antidementiva ermöglicht es, die Verschlimmerung der Symptome hinauszuzögern, so der allgemeine Hinweis. Das ist auch volkswirtschaftlich sinnvoll, weil damit Kosten für lange, intensive Pflegezeiten gespart werden können.

Derzeit rund 1,2 Millionen Menschen mit Demenz in Deutschland

Rund 1,2 Millionen Menschen mit Demenzen leben derzeit in Deutschland. Jedes Jahr kommen nach Expertenangaben mindestens 220  000 Neuerkrankte hinzu. Etwa zwei Drittel von ihnen trifft die Alzheimer-Erkrankung.

Da Demenzen Alterskrankheiten sind, nimmt mit der steigenden Lebenserwartung auch die Zahl der Demenzkranken zu. Die Deutsche Alzheimer Gesellschaft geht davon aus, dass in vierzig Jahren 2,6 Millionen Menschen betroffen sind, wenn es bis dahin keinen Durchbruch in Prävention oder Therapie gibt.

"In Anbetracht der Häufigkeit der Erkrankung ist der Hausarzt der Hauptversorger", sagt der Psychiater Professor Wolfgang Maier vom Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) und dem Kompetenznetz Degenerative Demenzen (KNDD). Hausärzte sind fast immer die erste Anlaufstelle. Sie müssen mithin die Diagnose stellen.

Immer noch viele Defizite

Dabei gibt es offenbar immer noch viele Defizite. Maier verweist auf einige Studien. Demnach diagnostizieren Hausärzte Demenzen, die keine sind, und erkennen zugleich echte Demenzen nicht (Pentzek et al 2009).

Zudem kommen viel zu selten bildgebende Verfahren wie CT und MRT zur Differenzialdiagnostik zum Einsatz (van den Bussche et al 2011).

DGN: Es besteht erhebliches Optimierungspotenzial

Das bestätigt auch die Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN): Nur etwa zehn Prozent der Patienten würden mit modernen Untersuchungsverfahren wie neuropsychologischen Tests und Bildgebung untersucht, weniger als die Hälfte erhalte die zur Verfügung stehenden Medikamente, kritisierte die DGN auf Basis einer Untersuchung aus dem vergangenen Jahr.

Fazit: "Die ambulante Demenzversorgung weist erhebliches Optimierungspotenzial auf", so Dr. Frank Bergmann, Vorsitzender des Berufsverbands Deutscher Nervenärzte (BVDN).

Auch er sieht das größte Defizit bei der frühen Differenzialdiagnostik. Deshalb setzt er sich dafür ein, dass Demenzkranke in einem vernetzten, gestuften System versorgt werden.

Hausarzt als Anlaufstelle

Das Modell des BVDN sieht vor, dass der Hausarzt nach der Verdachtsdiagnose auf Basis eines Screeningtests zum Facharzt überweist. Der nimmt die Differenzialdiagnostik vor und stellt den Patienten medikamentös ein. Die weitere Behandlung erfolgt wieder beim Hausarzt. In schwierigen Fällen sollen Ambulanzen eingeschaltet werden.

Bergmann sucht zur Umsetzung dieses Modells einerseits Kassen als Partner. Andererseits ist er mit der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) im Gespräch. "Ich glaube, dass wir auf der Ebene des Kollektivvertrags strukturelle Vorgaben für die Demenzversorgung machen müssen", sagt er.

Zugleich fordert er, im geplanten Versorgungsstrukturgesetz auf die Notwendigkeit einer verbesserten neuropsychiatrischen Versorgung hinzuweisen.

Nationale Versorgungsleitlinie für Demenzen in Entwicklung

Ansätze zur Verbesserung sind auf den Weg gebracht. Professor Maier verweist darauf, dass eine Nationale Versorgungsleitlinie für Demenzen in der Entwicklung ist. "Sie wird neue Standards bringen", sagt er.

Maier sieht aber nicht nur einen enormen Fortbildungsbedarf für Hausärzte, sondern hält auch besondere Entgeltsysteme für nötig, die den erhöhten Zeitbedarf für die Behandlung von Patienten mit Demenzen abbilden.

Seine Forderung geht jedoch noch weiter: "Die gesamte Medizin muss Demenz anders beleuchten, denn die besonderen Bedürfnisse Demenzkranker sind an vielen Stellen unzureichend berücksichtigt", so Maier.

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