Ärzte Zeitung, 29.09.2011

Hintergrund

Junge Ärzte wollen mehr Lob

Eigentlich lieben junge Mediziner ihre Arbeit - doch die Bedingungen machen vielen zu schaffen. Selbst ein höheres Einkommen hilft dann nur wenig. Jungen Ärzten ist Lob und Anerkennung von Vorgesetzten deutlich wichtiger. Mentoren sollen es jetzt richten.

Von Rebecca Beerheide

Viel Arbeit, hohe Belastung, wenig Lob: Junge Ärzte wünschen mehr Wertschätzung

Assistenzzeit in der Klinik: Visiten und viel Arbeit. Junge Ärzte fordern vor allem Anerkennung und Lob.

© Klaro

Ihre Berufsperspektiven sind so vielfältig und gut wie nie zuvor, die Studienplätze so hart umkämpft wie nie zuvor - und dennoch ist die spätere Arbeitsunzufriedenheit oftmals sehr hoch: Die Wünsche von Ärzten in Weiterbildung zeigen den Versorgungsforschern ein ambivalentes Bild.

Laut einer Umfrage unter Studenten von der Universität Konstanz aus dem Jahr 2010 sind das Fachinteresse, die Vielfalt sowie der sichere Arbeitsplatz die Hauptentscheidungsgründe für junge Menschen, ein Medizinstudium aufzunehmen.

Hätten die Studenten noch einmal die Wahl, würden 93 Prozent wieder Medizin studieren. Die Abbrecherquoten in der Humanmedizin liegen konstant bei fünf Prozent.

Praxisschock nach zwei Jahren

Doch spätestens in den ersten zwei Jahren der Weiterbildung kommt der Praxisschock, es steigt die Unzufriedenheit: "Hier gibt es eine Arbeitsüberlastung, fehlende Arbeitserfahrung und auch die Auswirkungen des ökonomischen Drucks, den die jungen Ärzte spüren", erklärt Professor Thea Koch, Direktorin der Klinik für Anästhesiologie am Uniklinikum Carl Gustav Carus in Dresden.

Auf dem Symposium der Bundesärztekammer "Perspektiven für junge Ärzte in der Patientenversorgung" in Berlin plädierte Koch für frühzeitige Praxisphasen in den Uni-Curricula. Ebenso sollten Paten- und Mentorenprogramme helfen, den Alltag in der Klinik für junge Ärzte zu erleichtern.

Allerdings fehlt vielen jungen Ärzten in der Weiterbildung eine verlässliche Struktur. Dazu gehören nicht nur feste Arbeitspläne sondern auch der Austausch und Feedback-Gespräche mit den Vorgesetzten.

"Sinn und Anerkennung vermitteln"

"Es ist eine Herausforderung für alle Führungskräfte in der Klinik, dass wir unseren Mitarbeitern Anerkennung und Lob für ihre Leistung entgegenbringen, aber auch den Sinn unserer Tätigkeit vermitteln", erklärte Professor Koch.

Denn die Kultur des Lobens sowie eine offene Fehlerkultur vermissen viele junge Ärzte. "Wir benötigen mehr Raum für die Reflexion der Arbeit sowie die Superversion beim Auftreten von Fehlern", sagte Dr. Antje Koch, die seit einem Jahr Fachärztin für Allgemeinmedizin ist und für die Koordinierungsstelle Allgemeinmedizin bei der Landesärztekammer Berlin arbeitet.

Die Mutter von drei Kindern lobte vor allem die Weiterbildungsphasen in einer Arztpraxis: Während das Feedback-Gespräch über Therapieformen in der Klinik viel zu kurz komme, habe sie deutlich bessere Erfahrungen bei niedergelassenen Ärzten gemacht.

Auch wurde ihr hier das Arzt-Patienten-Gespräch deutlich besser als in der Klinik beigebracht.

Geld nur einer von vielen Faktoren

Dass ein hohes Einkommen nicht die Arbeitsmotivation steigert, lässt sich an vielen Befragungen festmachen. Familienfreundlichkeit, gute Zusammenarbeit mit Kollegen und transparente Hierarchien seien die Gründe, warum Ärzte gerne bei einem Arbeitgeber arbeiten, erklärte Dr. Nicolai Kranz, früher Personalmanager des Uniklinikums Köln und heute Personalberater.

"Kein Arzt kündigt wegen einer falschen Gehaltsabrechnung", erklärte Kranz. Motivierende Arbeitskonzepte, Qualifikationsaussichten sowie berufliche Autonomie sind auch für Rudolf Henke, Vorsitzender des Marburger Bundes, der Schlüssel zu mehr Arbeitszufriedenheit.

"Allerdings fordern junge Ärzte neben der Autonomie auch medizinische Leitlinien, die die Leitplanken ihres Handeln sind", so Henke.

Er warnte davor, darauf zu hoffen, die jungen Kollegen würden sich irgendwann dem Arbeitsdruck schon anpassen. "Die alten Zeiten werden nicht mehr zurückkommen. Wir haben hier einen deutlichen Mentalitätswechsel."

Mentoren-Programm bald bundesweit?

Um das Verständnis zwischen den Ärztegenerationen zu fördern, stellte Professor Christoph Fuchs, längjähriger Hauptgeschäftsführer der Bundesärztekammer, ein Mentoren-Projekt vor, das in den Startlöchern steht.

Auf dem Symposium in Berlin, das zu seinen Ehren veranstaltet wurde, erklärte er, dass bei dem Programm nicht unbedingt Karriere-Aspekte im Vordergrund stehen sollten.

Berufserfahrene Ärzte in Führungspositionen oder Ärzte im Ruhestand sollten junge Ärzte in den ersten zwei Jahren ihrer Weiterbildung unterstützen.

"Das Gespräch mit erfahrenen Kollegen über Unsicherheiten, schwierige Situationen mit Kollegen und Selbstzweifel steht im Vordergrund", so Fuchs. Auch für die Mentoren sieht er viele Vorteile. "Die Reflexion der eigenen Rolle ist auch für ältere und sehr erfahrene Kollegen wichtig."

Wenn das Pilotprojekt, das in Rheinland-Pfalz startet, erfolgreich ist, soll es eine Erweiterung auf andere Regionen geben, so Fuchs.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Kleine Schritte, große Wirkung

[29.09.2011, 10:19:06]
Dr. Birgit Bauer 
Pilotprojekt ??
Wieso müssen in unserer Republik aller 10 Jahre alte gesicherte Tatsachen mit viel "Bimbamborium" und unsinnigen Finanzaufwendungen neu erfunden werden ?
Als Approbationsjahrgang 1974 (Uni Greifswald)waren Mentoren und betreuende Oberärzte gelebte Praxis in den klinischen Fächern.
Nach nunmehr 37 Jahren kommt doch jemand auf die tolle "neue" Idee - zurück zu den Wurzeln .
Welch intellektuelle Glanzleistung !!
M.f.G. B.Bauer zum Beitrag »

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