Ärzte Zeitung, 17.10.2011

Neurologin und Sozialarbeiterin: Teamarbeit für Demenzkranke und deren Angehörige

Bei der Versorgung von Demenzkranken setzt ein Angebot in Brandenburg besonders auf die Kooperation mit den Angehörigen. In der Praxis in Strausberg wird die Versorgung mit einer Sozialberatung für die betroffene Familie verknüpft - mit Erfolg: Die Beratungen sind gefragt.

Von Eugenie Wulfert

Neurologin und Sozialarbeiterin: Teamarbeit für Demenzkranke und deren 
    Angehörige

Teambesprechung in der Praxis: Die Sozialberaterinnen Elke Kirschneck, Katharina Hofmann und Ines Diewitz besprechen den Arbeitsplan mit der Fachärztin Dr. Katrin Miltkau (von links nach rechts).

© Wulfert

STRAUSBERG. Wenn ein Familienmitglied an Demenz erkrankt, verändert das nicht nur das Leben des Betroffenen, sondern das der ganzen Familie. Die Krankheit nistet sich in den Alltag der Menschen ein, mit all ihren Tücken: Erinnerungslücken, sozialer Rückzug und unkontrollierbare Aggressionen.

"Dabei denken die Angehörigen immer weniger an sich selbst", sagt Dr. Katrin Miltkau, niedergelassene Fachärztin für Nervenheilkunde im Brandenburgischen Strausberg.

Die Ärztin sieht in der eigenen Praxis, wie verzweifelt Menschen sind, wenn sie mit der Diagnose konfrontiert werden. "Gerade bei den Angehörigen gibt es ein hohes Potenzial an Leid", sagt sie. Nach der Diagnose brauchen sie deshalb eine intensive Beratung.

Und es werden immer wieder die gleichen Fragen gestellt. "Oft wissen die Menschen nicht, was für Hilfsmöglichkeiten sie haben, welche externen Strukturen es gibt, um sie zu unterstützen", sagt die Fachärztin.

Eine Angestellte für Sozialberatung

Die Betreuung Demenzkranker und ihrer Familien kostet viel Kraft und Zeit. Dafür fehlen Ärzten oft die Ressourcen. Das musste auch Miltkau feststellen. "Ich hatte einfach kein Fachwissen und kaum Zeit, um meine Patienten in sozialen Fragen mit ausreichender Kompetenz zu beraten", sagt sie.

Deshalb hat sie 2004 Elke Kirschneck angestellt. Kirschneck ist nicht nur Medizinisch-Technische Assistentin, sondern auch Sozialarbeiterin. Sie übernahm stundenweise die soziale Beratung für Patienten und Angehörige in der Praxis.

"Das war am Anfang natürlich ein totaler Luxus, sich eine Angestellte für Sozialberatung zu leisten", gibt Miltkau zu. Einige in ihrem Umfeld konnten, so die Fachärztin, nicht begreifen, warum sie solche Zusatzangebote aus eigener Tasche finanziert. "Ich kann damit eine qualitativ hochwertige Betreuung meiner Patienten ermöglichen", wiegelt Miltkau ab.

In der Praxis trifft sich auch eine Angehörigengruppe

Es geht aber auch um die Arbeitsteilung in der Praxis. Bereits in der Sprechstunde werden die betroffenen Patienten auf die soziale Beratung in der Praxis hingewiesen. "Wenn Frau Kirschneck viele Fragen bereits beantwortet hat, kann ich mich auf die medizinische Versorgung von Patienten konzentrieren", sagt die Fachärztin.

Dabei wisse sie, dass ihre Patienten durch die Zusammenarbeit ganzheitlich versorgt sind. "Die Betreuung ist effizienter und qualitativ hochwertig, weil jeder entsprechend seiner Qualifikation arbeitet", zeigt sie sich überzeugt.

Zu den Beratungsstunden kam 2005 eine Angehörigengruppe hinzu. Die Treffen waren von Beginn an gut besucht. Der Austausch untereinander und die Unterstützung waren so hilfreich, dass immer mehr Angehörige von Demenzkranken zu den Treffen kamen.

Durch Zusammenarbeit verteilt sich Finanzierung der Beratungsstelle

"Das haben wir dann allein nicht mehr bewältigen können", erinnert sich Elke Kirschneck. Sie nahm den Kontakt zur Brandenburger Alzheimer-Gesellschaft auf. Daraus erwuchs 2008 die Beratungsstelle für Menschen mit Demenz in Trägerschaft der Alzheimer-Gesellschaft Brandenburg.

Auch dank dieser Zusammenarbeit verteilt sich nun die Finanzierung der Beratungsstelle. Zwar unterstützt Miltkau das Projekt auch weiterhin, indem sie Räumlichkeiten und Büroausstattung zur Verfügung stellt.

 Elke Kirschneck und ihre Kollegin Ines Diewitz werden aber inzwischen anteilig von der Brandenburger Alzheimer-Gesellschaft, der Klassenlotterie und dem Landkreis Märkisch-Oderland bezahlt. Zunehmend nutzen auch andere Facharztpraxen um Umland das Angebot für ihre Patienten.

Im Austausch liegt viel Deeskalationspotenzial

In den Augen von Miltkau hat die Zusammenarbeit bei Patienten und Angehörigen viel bewirkt. Das Verständnis für das Krankheitsbild sei sehr viel größer geworden. "Angehörige werden zunehmend zu unseren Partnern", sagt die Fachärztin.

Der Umgang mit Verhaltensauffälligkeiten habe sich ebenfalls verbessert. Die Fälle, in denen Sedativa verschrieben werden müssen, seien deutlich zurückgegangen. "Im Austausch untereinander steckt für die Angehörigen ganz viel Deeskalationspotenzial", vermutet die Fachärztin. "Daraus schöpfen sie Kraft, um weiterzumachen."

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Hohes Sterberisiko bei Ausbruch in der Adoleszenz

Wenn sich Typ-1-Diabetes in einem besonders vulnerablen Alter manifestiert, brauchen Betroffene viel Aufmerksamkeit. Sie haben ein hohes Risiko, an Komplikationen zu sterben. mehr »

100 Prozent Zustimmung

Die KBV-Vertreterversammlung präsentiert sich in neuer Einigkeit und richtet die Speere – wieder – nach außen. Klare Kante gegenüber dem Gesetzgeber und den Krankenhäusern. "Wir sind auf Kurs", meldete KBV-Chef Gassen. mehr »

Herz-Kreislauf-Risiko von Anfang an im Blick behalten!

Bei RA-Patienten sind Herz-Kreislauf-Erkrankungen die wichtigste Todesursache. Die aktuellen Therapiealgorithmen zielen nicht zuletzt darauf ab, die Steroidexposition zu begrenzen. mehr »