Ärzte Zeitung, 25.10.2011

Ärztek(r)ampf im Kinderland

Zwischen Haus- und Kinderärzten tobt ein heftiger Streit. Grund ist ein Fragebogen für U-Untersuchungen. Erste Ärzte wurden bereits abgemahnt, andere befürchten Honorareinbußen. Doch eigentlich geht es bei dem Zoff um etwas ganz anderes.

Von Florian Staeck

Fragebogen sorgt für mächtig Wirbel

Objekt des Streits: Der Mannheimer Elternfragebogen, hier für die Dokumentation der U7a.

NEU-ISENBURG. An einem schönen Juli-Tag flatterte der Hausärztin Dr. Anne Breetholt aus Ochtrup ein Schreiben der BVKJ Service GmbH, einer 100-prozentigen Tochter des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ), ins Haus.

"In der Abmahnung wurde ich aufgefordert, sofort den Mannheimer Elternfragebogen als Download von meiner Webseite zu nehmen. Anderenfalls drohe eine empfindliche Strafe", berichtet Breetholt der "Ärzte Zeitung".

MEF-Verwendung nicht für Jedermann

Der Mannheimer Elternfragebogen (MEF) ist ein Anamneseinstrument bei Kindervorsorgen. Der von Professor Günter Esser (Universität Potsdam) entwickelte Bogen ist zugleich verpflichtender Bestandteil von etlichen Selektivverträgen.

Das bedeutet: Wer die Kindervorsorge nicht durch den MEF dokumentiert, kann die Leistung auch nicht abrechnen. "Mir ist bis heute nicht klar, ob ich den MEF nutzen darf", berichtet die Hausärztin Breetholt.

Sie schrieb an den BVKJ, um eine Genehmigung einzuholen. Antwort der Servicegesellschaft: Die MEF-Verwendung sei "ausschließlich (Kinder- und Jugend-) Ärzten vorbehalten, die an entsprechenden Selektivverträgen teilnehmen", hieß es.

Fragebogen war frei verfügbar

Fragebogen sorgt für mächtig Wirbel

Dr. Wolfram Hartmann, Bundesvorsitzender des BVKJ

© privat

Bis vor kurzem ist der Fragebogen frei verfügbar gewesen, abgedruckt findet er sich noch in einem Lehrbuch von Professor Esser ("Lehrbuch der klinischen Psychologie und Psychotherapie"). Das bestätigt der Bundesvorsitzende des BVKJ, Dr. Wolfram Hartmann.

"Wir haben ein Urheberrecht an den Fragebögen, dafür haben wir eine Lizenz bei Professor Esser erworben", berichtet Hartmann der "Ärzte Zeitung".

30 Ärzte abgemahnt

Hausärzte, die entsprechend qualifiziert sind und die Fragebögen nutzen möchten, müssten "eine Verwaltungsgebühr von 1,7 Prozent des Honorars an die BVKJ Service GmbH zahlen", sagt Hartmann.

Das gelte ebenso für Pädiater, und es gebe keinen Grund, Hausärzte im Vergleich zu Kinder- und Jugendärzten zu bevorzugen. Bei einer Vorsorgeuntersuchung, die 50 Euro einbringe, entspreche dies 85 Cent, rechnet Hartmann vor.

Der BVKJ hat sein Urheberrecht auf den MEF in den vergangenen Monaten rigoros durchgesetzt. Rund 30 Ärzte seien in der Folge abgemahnt worden, so der Chef des Berufsverbands.

Will BVKJ Hausärzte aus der Versorgung drängen?

Die Unsicherheit im Umgang mit dem Fragebogen lässt auch die Hausärztin Lisa Degener aus Altenberge im Münsterland ratlos zurück. Sie habe im Quartal im Schnitt 50 Patienten, bei denen sie die Vorsorgeuntersuchungen vornehmen möchte, berichtet sie.

"Offiziell hat der BVKJ nie erklärt, ob und unter welchen Bedingungen wir Hausärzte über den MEF verfügen können", sagt sie der "Ärzte Zeitung".

Degener wie auch ihre Kollegin Breetholt vermuten, dass Hausärzte vom BVKJ aus den Vorsorgen "rausgedrängt" werden sollen.

Hausärzte spielen bei Kindervorsorge "überhaupt keine Rolle"

Fragebogen sorgt für mächtig Wirbel

Ulrich Weigeldt, Bundesvorsitzender Hausärzteverband

© Stefan Kuhn

Ein Vorwurf, den Verbandschef Hartmann als "abenteuerlich" zurückweist. 90 Prozent der Vorsorgen würden beim Pädiater gemacht, Hausärzte spielten auf diesem Gebiet "überhaupt keine Rolle", sagt er.

Eine Mutmaßung, die Hausärztin Breetholt aus Ochtrup, das im nordwestlichen Münsterland gelegen ist, nicht bestätigen kann. In ihrer Praxis beträgt der Kinderanteil bis zu 30 Prozent. Und: der nächstgelegene Pädiater ist 20 Kilometer entfernt.

"Rigide unkollegiale Politik"

Der BVKJ-Bundesverband betrachte nur die Großstadt, "blendet aber die Versorgungssituation auf dem Land komplett aus", sagt dazu Ulrich Weigeldt, Bundesvorsitzender des Hausärzteverbandes.

Beim diesjährigen Hausärztetag hatte Weigeldt den Streit um den MEF als "rigide unkollegiale Politik" des BVKJ-Bundesverbandes gegeißelt, bei dem es nur um das "Abstecken von Honorarclaims" gehe.

Die Versorgungspraxis vor allem in ländlichen Regionen sehe ganz anders aus, sagt Weigeldt der "Ärzte Zeitung". Dort sei kollegiale Kooperation an der Tagesordnung und "Kinderärzte handeln im Interesse einer verlässlichen, medizinischen Versorgung der Kinder gemeinsam mit Hausärzten".

Trauma 2008?

Nur an einem Punkt dürften Weigeldt und Hartmann übereinstimmen: "Ja, es ist ein Funktionärsstreit", bestätigt der BVKJ-Chef - die Causa reicht mindestens bis 2008 zurück: "Der Hausärzteverband hat als erster mit der AOK Baden-Württemberg einen Vertrag geschlossen und uns dabei vor der Tür gelassen", so Hartmann.

Viele Beobachter meinen, dass dieses Trauma die BVKJ-Vertragspolitik bis heute bestimmt. Hartmann wiederum versteht den Hausärzteverband nicht: Hausärzte hätten mit der Versorgung alter Menschen mehr als genug zu tun.

Er frage sich, warum der Hausärzteverband bei der Versorgung von Kindern "einen Streit vom Zaun bricht".

Beteiligte KV veruschen zu vermitteln

Weil auf Verbandsebene die Fronten verhärtet sind, versuchen an Verträgen beteiligte KVen zu vermitteln. Die KV Westfalen-Lippe habe ein großes Interesse, dass Hausärzte auch künftig an den Selektivverträgen teilnehmen und damit den MEF nutzen können, sagte KV-Sprecher Christopher Schneider.

Man befinde sich in "fortgeschrittenen Gesprächen", um eine Regelung zu finden und bitte die Ärzte "um Geduld".

[27.10.2011, 09:43:18]
Dr. Dr. Thomas Fröhlich 
Danke für die Bestätigung - und ein wichtiger Punkt:
Sehr geehrter Herr Kollege Dr. Rodens,
vielen Dank für Ihre freundliche Bestätigung, in Wirklichkeit doch zu den Vertragsverhandlungen eingeladen worden zu sein.
Danke auch für Ihre Bennenung des Verhandlungsziels des bvkj, nämlich "dass für die Betreuung von Kindern und Jugendlichen eindeutig definierte Qualifikationen fixiert werden", denn damit gehen Sie zugleich auf den Kern der problematischen bvkj-Programmatik unter der gegenwärtigen Verbandsführung ein:
Ziel des bvkj ist immer die Ausgrenzung. Andere Berufsgruppen sind vom Zutritt zur Klientel fernzuhalten.
Um insbesondere Allgemeinmediziner fernzuhalten und auszugrenzen, setzt der bvkj im Wesentlichen zwei Mittel ein: Ausschluss über Qualifikationskriterien, Ausschluss über Altersdefinition.
Das Ergebnis ist je dasselbe: der eigene Claim ist abgesteckt, den anderen ist der Zutritt verwehrt - genau wie beim "Mannheimer Fragebogen".
Mit freundlichen Grüßen,
Thomas Fröhlich
 zum Beitrag »
[26.10.2011, 21:24:50]
Dr. Klaus Rodens 
Sie irren Sich gewaltig, Herr Fröhlich!
In Ihrem Kommentar suggerieren Sie, dass der bvkj mit meiner Person an Vertragsverhandlungen partizipiert hat. Das ist ein Stück weit perfide. Das wissen Sie auch.

Richtig ist vielmehr, dass ich und ein Kollege aus dem Landesverband vom Mediverbund als Gast damals zu zwei Sitzungen bei der AOK-BW eingeladen worden ist. Es bestand zu diesem Zeitpunkt die vage Hoffnung, dass für die Betreuung von Kindern und Jugendlichen eindeutig definierte Qualifikationen fixiert werden könnten. Deshalb hat mich der Landesverband des bvkj beauftragt, diese Einladung als Gast anzunehmen.
Nachdem sich diese Erwartung in der zweiten Gastrunde zerschlagen hatte, hat der Landesverband des bvkj in Baden-Württemberg eine kurzfristige Sondersitzung seiner Obleute anberaumt, an der einstimmig beschlossen wurde, diese Gastrolle am 'Katzentisch' sofort zu beenden. Am gleichen Tag ging ein Brief an die AOK Baden-Württemberg, dass der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte in Baden-Württemberg an einem solchen Vertragskonstrukt grundsätzlich nicht interessiert ist, aber weiter für eigenständige Verhandlungen zur Verfügung stehe. Dieses Angebot an die AOK besteht übrigens nach wie vor.




 zum Beitrag »
[25.10.2011, 21:24:15]
Dr. Dr. Thomas Fröhlich 
Berufsverband saß mit am Tisch!
Die Äußerung des bvkj-Verbandsvorsitzenden Hartmann zum Hausarztvertrag 2008 ist bewußt unrichtig, sie wurde längst - auch in der Ärztezeitung - durch wiederholte korrekte Berichterstattung richtiggestellt. Richtig ist, dass der bvkj in Person seines Landesvorsitzenden Dr. Klaus Rodens und eines weiteren Verbandsmitglieds an den die Einbeziehung von Kindern und Jugendlichen beteffenden Verhandlungen mit der AOK BW sowie MEDI und Hausärzteverband auf Einladung aller drei Verhandlungspartner teilgenommen haben. Die Einladung erfolgte aus freien Stücken und in guter Absicht. Zuvor hatte der bvkj sich bei der Ausschreibung beworben. Den Zuschlag haben, wie für die Verträge mit den anderen Krankenkassen der fachübergreifende MEDI-Verbund sowie der Hausärzteverband erhalten.
Bereits im Vorfeld der Verhandlungen waren Dr. Rodens und ein weiteres Berrufsverbandsmitglied auf persönliche Einladung zu einer Vorbesprechung mit den Verhandlungsführern des MEDI-Verbundes.
Insofern sind nicht der Hausärzteverband, AOK BW und MEDI, sondern leider der bvkj Quelle dieses für Außenstehende unverständlichen unproduktiven und kleinlichen Streits.
Aber irgendwann wird auch die Zeit des Kollegen Dr. Hartmann als bvkj-Vorsitzender abgelaufen sein, und vielleicht kehrt dann wieder mehr Kollegialität und Professionalität im bvkj ein.... zum Beitrag »
[25.10.2011, 20:39:44]
Dipl.-Med Wolfgang Meyer 
Als ob es keine anderen Sorgen gäbe!
Erinnert werde ich an einen Ausspruch unseres BÄK-Präsidenten vor Jahren in seiner Funktion als MB-Vorsitzender: Sinngemäß:"Es gibt keinen Berufsstand, der den Begriff KOLLEGIALITÄT so häufig benutzt wie wir Ärzte und mindestens genauso häufig dagegen verstößt." Immer wieder Grabenkämpfe und von Solidarität wenig zu sehen und zu spüren! zum Beitrag »

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Körperlich aktive Kinder werden seltener depressiv

Bewegen sich Kinder viel, entwickeln sie in den kommenden Jahren seltener depressive Symptome. Viel körperliche Aktivität könnte daher präventiv wirken. mehr »

Generelle Landarztquote ist vom Tisch

Der Masterplan Medizinstudium 2020 ist in trockenen Tüchern. Länder können, müssen aber keine Zulassungsquote für Landärzte in spe festlegen. mehr »

Star Trek und die Ethik der Medizin

Ärztliche Fortbildung sind immer dröge Veranstaltungen? Eine Veranstaltung in Frankfurt ist der medizinethischen Wertewelt von Raumschiff Enterprise auf den Grund gegangen - und zeigt, was Ärzte aus der Serie lernen können. mehr »