Ärzte Zeitung, 13.11.2011

Hessen plant die ambulante Zukunft

Neue Wege in Hessen: Ein Pakt zwischen Ärzten, Kliniken und Land soll die Allgemeinmedizin stärken, neue Niederlassungen fördern und besondere Modelle erproben. Das lässt sich der Freistaat einiges kosten. Doch nicht bei allem sind sich die Beteilgten einig.

Von Rebecca Beerheide

Hessen plant für die Zukunft der ambulanten Versorgung

Gesundheitsminister Grüttner: Geld für den Hessen-Pakt.

© Seeliger / imago

WIESBADEN. Das Hessische Sozialministerium hat gemeinsam mit allen Akteuren im Gesundheitswesen und den kommunalen Spitzenverbänden einen "Pakt zur Sicherstellung der gesundheitlichen Versorgung" unterschrieben.

Darin verpflichten sich Ärzte, Kassen, Kliniken, die Fakultäten in Frankfurt und Marburg, die Kommunen sowie das Sozialministerium bis 2014 gemeinsam an der Zukunft der flächendeckenden Versorgung zu arbeiten.

"Wir wollen mit dem Pakt die Auswirkungen der demografischen Entwicklung analysieren, um frühzeitig darauf reagieren zu können", sagte Sozialminister Stefan Grüttner (CDU) bei der Unterzeichnung in Wiesbaden.

Etliche Reformen im Plan

"Es ist sehr erfreulich, dass auch die Kassen sich daran beteiligen", erklärte der Vorsitzende der KV Hessen, Frank-Rüdiger Zimmeck.

Für die Krankenkassen sei die Zusammenarbeit in dem Gremium "ein wichtiger Beitrag zur Stabilisierung der heute guten Versorgung in Hessen", so Claudia Ackermann vom vdek.

Vor dem Hintergrund des künftigen Versorgungsstrukturgesetzes setzt der "Hessische Pakt zur Sicherstellung der gesundheitlichen Versorgung" auf eine Reform der ärztlichen Ausbildung, die Förderung von Niederlassungen in ländlichen Gebieten sowie die Erprobung von Delegations-Modellen.

Neues Auswahlverfahren an den Unis

Laut dem Pakt sollen die Auswahlkriterien für die Vergabe von Medizinstudienplätzen überprüft werden. Derzeit bilde Hessen an den beiden Unikliniken Frankfurt sowie Gießen/Marburg im bundesweiten Vergleich mehr Studenten aus, als im Land benötigt würden.

Es soll geprüft werden, ob zusätzlich zur Abiturnote weitere Kriterien für die Vergabe eines Studienplatzes hinzukommen sollen.

Allerdings bedeute ein differenziertes Auswahlverfahren "viel Arbeit", erklärte Professor Erika Braun von der Universität Marburg. Daher gebe es in Marburg noch keine Auswahltests.

Reform der Approbationsordnung

Die Unis verpflichten sich dazu, die Allgemeinmedizin zu stärken. So sollen beispielsweise das Praktische jahr auch in möglichst vielen geeigneten Praxen absolviert werden.

Auf Bundesebene will Hessen sich für eine Reform der Approbationsordnung einsetzen, "um den Medizinstudierenden mehr Möglichkeiten zu eröffnen, mit der hausärztlichen Versorgung in Berührung zu kommen", heißt es in dem Papier.

Um die Weiterbildung in der Allgemeinmedizin zu fördern, soll bei der KV Hessen eine Koordinierungsstelle eingerichtet werden.

An den Universitäten in Frankfurt und Marburg soll jeweils ein "Kompetenzzentrum Allgemeinmedizin" entstehen. Beide Zentren erhalten dafür eine Förderung vom Land in Höhe von 150.000 Euro.

Geld für die Förderung neuer Niederlassungen

Zusätzlich zum Förderprogramm "Gründungs- und Wachstumsfinanzierung Hessen" wollen Land, Kassen und KV junge Ärzte bei der Niederlassung unterstützen, wenn sie in Gebieten mit "Versorgungsbedarf" - so werden in dem Pakt Regionen bezeichnet, in denen es laut der Statistik noch keine Unterversorgung gibt, aber ein lokaler Ärztemangel herrscht - locken.

Dafür sollen jährlich 600.000 Euro bereitgestellt werden. Eine Niederlassung kann mit bis zu 50.000 Euro gefördert werden. Damit könnten zwölf Praxen pro Jahr unterstützt werden, erklärte Grüttner.

Eine Arbeitsgruppe aus KV, Kassen und Land soll die Förderrichtlinien beraten und über Anträge entscheiden.

Diese Förderung soll so lange bestehen, bis der Gemeinsame Bundesausschuss, wie im Versorgungsstrukturgesetz vorgesehen, die Bedarfsplanung angepasst hat.

Agnes und Verah passen nicht nach Hessen

Ein Schwerpunkt des Paktes ist die Erprobung verschiedener Modelle der Delegation von ärztlichen Leistungen.

Nach Überzeugung der Initiatoren ist keins der drei bisherigen Modelle - die Praxisassistentin nach dem Curriculum der Bundesärztekammer, das AGnES-Modell sowie das Verah-Modell - direkt auf die hessischen Landkreise übertragbar.

Daher sollen alle drei in einzelnen Regionen erprobt, und danach evaluiert werden. Für die wissenschaftliche Begleitung stellt das Land 50.000 Euro bereit.

"Die drei Modell-Regionen sind noch nicht gefunden. Da die drei Regionen vergleichbar sein müssen, sind wir hier noch auf der Suche", sagte Minister Grüttner.

Diskussionen um Überversorgung

Der Pakt kostet die Landesregierung insgesamt rund 600.000 Euro. Allerdings ist darin die Konzeption und Gestaltung einer Internetseite noch nicht berücksichtigt.

Auf dieser Seite sollen sich angehende Hausärzte über eine Niederlassung sowie Förderungsmöglichkeiten informieren können.

Heftige Diskussionen muss es in der Arbeitsgruppe um die Frage der Überversorgung gegeben haben. Kassen, KV und Landesärztekammer haben hier weiterhin unterschiedliche Ansichten.

Alle drei haben sich dazu verpflichtet, sich weiter über "Maßnahmen zum Abbau von Überversorgung" austauschen.

Es sei ein wichtiges Zeichen, dass über dieses Thema auch mit der KV gesprochen werde, sagten Kassenvertreter am Rande der Veranstaltung.

Ebenso soll weiterhin über die Zukunft von ärztlichen Kooperationsformen, die Zukunft zum Vertragsärztlichen Notdienst sowie die ärztliche Versorgung in Pflegeheimen gesprochen werden.

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