Ärzte Zeitung, 29.11.2011

Hintergrund

Norden prophezeit: Wohlfühl-Versorgung wird enden

Schleswig-Holstein nimmt sich selbst unter die Lupe. Ein Beirat aus verschiedenen Verbänden sucht nach Lösungen für drängende Probleme in der Gesundheitsversorgung. Die erste Analyse spart nicht mit drastischen Worten und zeigt auf, was sich alles verändern wird.

Von Dirk Schnack

Norden prophezeit: Wohlfühl-Versorgung wird enden

Ein Leuchtturm hinter einer Düne auf Sylt: Das Land Schleswig-Holstein deckt schonungslos die Problemfelder in der Gesundheitsversorgung auf.

© Fotowahn / fotolia.com

Kaum ein Bundesland geht so offensiv mit den Defiziten des Gesundheitswesens um wie Schleswig-Holstein.

In einem bundesweit beachteten Projekt suchen derzeit Vertreter von 19 Verbänden aus Pflege und Gesundheitswesen gemeinsam nach Lösungsvorschlägen für die drängendsten Probleme. Welche das sind, legten Arbeitsgruppen unter Moderation von Wissenschaftlern des Fritz-Beske-Instituts fest.

Kommunal orientierte Versorgungsmodelle werden wichtiger

Mit der jetzt vorgelegten Situationsanalyse des Beirats aus dem Norden zeigen sich erste Tendenzen, wohin die Weichen im deutschen Gesundheitswesen gestellt werden müssen.

Die wohnortnahe Versorgung wird es in der gewohnten Form nicht mehr geben, die Telemedizin wird zu Lasten bestehender Insellösungen ausgebaut, und Schnittstellenprobleme lassen sich nur durch kommunal orientierte Versorgungsmodelle überwinden.

Parteitaktik soll keine Rolle mehr spielen

Schleswig-Holsteins Gesundheitsminister Dr. Heiner Garg (FDP) ist fest entschlossen, die aller Voraussicht nach unpopulären Lösungsvorschläge am 3. März 2012 und damit kurz vor der Landtagswahl zu präsentieren.

Verschieben aus parteipolitischer Taktiererei ist für ihn keine Lösung. Auch Gesundheitsökonom Professor Fritz Beske sieht Handlungsbedarf und warnt schon jetzt: "Wir müssen uns auf eine Situation einstellen, die weit entfernt ist von Wohlfühlen."

"Wohnortnah muss neu definiert werden"

Am deutlichsten machten Garg und Beske dies beim Thema wohnortnahe Versorgung. Hier sehen die Beiratsmitglieder eines der größten Probleme für die Zukunft. "Die Zeit, in der hinter jeder Ecke ein Arzt verfügbar war, ist vorbei", stellte Beske fest.

Er verwies auf die sich schon heute wandelnden Strukturen in der Versorgung, etwa durch Zweigpraxen oder andere mobile Lösungen. "Wir werden wohnortnah neu definieren müssen. Für eine qualitativ hochwertige Versorgung wird die Bevölkerung weitere Wege gehen müssen", sagte Beske.

Viele zentrale Problemfelder

Dazu hat nach Ansicht der für dieses Thema zuständigen Arbeitsgruppe auch ein geändertes Berufsverständnis junger Ärzte beigetragen. Weitere zentrale Problemfelder, die im Konsens erkannt und nun gelöst werden sollen, sind:

Versorgungsstrukturen: Weil eine an Sektoren orientierte Versorgung Probleme bereitet, sollen Anreize zu Kooperation und Integration erfolgen. Nach Ansicht der Experten wird ein kommunal orientiertes Versorgungsmodell benötigt, das Patienten durch alle Leistungsbereiche führt - und damit durch die ambulante ärztliche Behandlung, durch das Krankenhaus, die Reha und die Pflege.

Bürokratie: Die Dimension des Problems zeigen zwei Beispiele: In der Pflege hat sich der Dokumentationsaufwand seit Einführung der Pflegeversicherung für jede Heimpflegekraft vervierfacht. 25 Prozent der täglichen Arbeitszeit ist eine Heimpflegekraft mit Dokumentation beschäftigt - abrechnen können Heimbetreiber diese Zeit nicht. Hausärzte stellen täglich 55.000 AU-Bescheinigungen nur für AOK-Versicherte aus. Die Bescheinigungen sind ein wesentlicher Grund für die hohe Zahl an Arztkontakten in Deutschland. Damit wird ärztliche Kapazität gebunden, die für die Behandlung der Patienten fehlt.

Ärztliche Versorgung in Pflegeheimen: Das zunehmende Alter der Bewohner von Pflegeheimen macht eine gesicherte ärztliche Betreuung unerlässlich, um Klinikeinweisungen zu vermeiden. Derzeit ist dies nicht gegeben. Lösungsmodelle müssen die freie Arztwahl, eine angemessene Honorierung und die knappe Zeit der Ärzte berücksichtigen.

Telemedizin: Die Experten sehen zwar viel versprechende Insellösungen, aber keine flächendeckende telematische Infrastruktur und auch kein Konzept für eine derartige Struktur mit zentraler Koordination. Es fehle ein politisch legitimiertes Gremium, das die Versorgung und telematische Möglichkeiten evaluiert. Nur damit könnten Wildwuchs und Flickenteppich verhindert werden.

Diskutierte Lösungen kosten Geld oder Personal

Fest steht für Beske, dass die Politik die Bevölkerung auf Einschnitte vorbereiten muss. "Uns steht Abbau, nicht Ausweitung bevor."

Derzeit diskutierte Lösungen kosteten entweder Geld oder mehr Personal - "beides haben wir nicht", stellte der Gesundheitsökonom klar.

Deshalb kommt Deutschland nach seiner Ansicht nicht um eine öffentliche Diskussion über die Prioritäten, die man in der Gesundheitsversorgung setzen will, herum.

Der Beirat Gesundheit und Pflege im Norden

Der Beirat Gesundheit und Pflege in Schleswig-Holstein sucht Lösungen für die Herausforderungen in der Versorgungslandschaft. Auf Initiative von Gesundheitsökonom Professor Fritz Beske und Gesundheitsminister Dr. Heiner Garg (FDP) arbeiten Vertreter von 19 Institutionen seit drei Monaten an Vorschlägen für eine bedarfsgerechte Versorgungsstruktur, für eine Attraktivitätssteigerung der Gesundheitsberufe und für eine Stärkung der hausärztlichen Versorgung. Der jetzt vorgelegten Defizitanalyse folgen politische Handlungsempfehlungen, die im März der Öffentlichkeit präsentiert werden.

Neben den Standesorganisationen der Heilberufe sind Krankenkassen, Krankenhausgesellschaft, Patientenverbände, Pflegeanbieter und Pflegevertretungen vertreten. (di)

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Mehr als Wahrung der Besitzstände

[30.11.2011, 10:33:07]
Dr. Jürgen Schmidt 
Die Botschaft hör ich wohl ....
Nicht nur die Verdienste des Beske-Institus um die Analayse gesundheitspolitischer Problem sind unbestritten, die vielfachen Dienste für eine sich meist bestätigt fühlende Ärzteschaft sind es auch.

Damit im Zusammenhang werden sich die Konsensbemühungen der diversen Gruppen des Gesundheitswesens im Rahmen des zu Erwartenden auf den berühmten gemeinsamen Nenner zu bewegen und neben einigen zündenen Allgemeinplätzen zur notwendigen Kooperation, dem Abbau von Bürokratie, dem beschränkten Nutzen IT-basierter Patientenkontakte etc., im Ergebnis wie bisher den Gesundheitspolitikern den schwarzen Peter zuweisen.

Dazu gibt die Betrachrtung der vorläufigen Ergebnisse allen Anlass. In Stichworten:

"kommunal orientierte Versorgungsmodelle" klingt das nach Selbstverwaltung, Freiheit des Berufes und wie die gängigen Formeln der Selbstdefinition ärtzlicher Berufspoliti sonst noch heißen mögen?

"politisch legitimiertes Gremium, das die Versorgung und telematische Möglichkeiten evaluiert", ist das nicht das genau Gegenteil bisheriger Positionen und der Ablehnung übergestülpter politischer Konzepte ?

Wenn die gegenwärtige Landesregierung und ihr Gesundheitsminister tatsächlich die nächsten Wahlen überstehen sollten und die Gruppen der verschiedenen Verbände aus der gemeinsamen Wagenburg sich zurück in die Grabenkämpfe bewegen, wird man sehen, was von dieser Veranstaltung übrig bleibt. zum Beitrag »

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