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Ärzte Zeitung, 08.12.2011

Hygiene-Profis verzweifelt gesucht

Die Zahl nosokomialer Infektionen in Deutschland steigt. Beim Hygienekongress in Dresden wurde das Klinikhygienegesetz als ein Schritt in die richtige Richtung begrüßt.

Hygiene-Spezialisten in der Klinik - verzweifelt gesucht

Auch ein Teil der Hygiene: Reinigung im OP-Trakt.

© deblik, Berlin

DRESDEN (tt). Bei den Teilnehmern des von der Sächsischen Landesärztekammer organisierten Hygienekongresses herrschte weitgehend Einigkeit in mehreren Bereichen: Das Thema Hygiene hat in den vergangenen Jahren mehr Bedeutung bekommen, so das erste Fazit. Der zweite, weit wichtigere Sachverhalt: Die Bedeutung wird unterschätzt.

So gebe es nicht nur im medizinischen Alltag Defizite, wenn es um die Hygiene gehe, sondern auch in der Ausbildung. Auf beiden Feldern müsste es Innovationen geben, so die Forderung, da sonst die Komplikationen infolge mangelnder Hygiene zunehmen würden.

Professor Walter Popp, Leiter der Hygieneabteilung am Universitätsklinikum Essen, erklärte, dass Deutschland bei der Häufigkeit nosokomialer Infektionen in Europa "eine mittlere Stellung einnimmt". Offiziell spreche man von 500.000 bis 600.000 Krankenhausinfektionen jährlich.

Popp hält diese Zahl aber für zu niedrig. Lege man zum Beispiel die Schätzungen von SepNet oder der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie zugrunde, müsste man von bis zu einer Million Infektionen ausgehen.

Der größte Teil wird mitgebracht

"Ein besonderes Problem stellen multiresistente Erreger (MRSA) dar", erinnerte Popp. Etwa zwei bis drei Prozent der Patienten in Krankenhäusern seien betroffen. "In den vergangenen Jahren hat nach Kassendaten die Zahl der wegen MRSA-Infektionen behandelten Patienten abgenommen, gleichzeitig ist die Zahl der Keimträger deutlich gestiegen."

75 Prozent der Infektionen würden "in das Krankenhaus mitgebracht". Besonders problematisch könnten künftig multiresistente Erreger des Magen-Darm-Traktes sein, so Popp.

Professor Martin Mielke vom Robert Koch-Institut richtete den Fokus ebenfalls auf die Gefahr, die von nosokomialen Infektionen ausgeht. Dabei betonte er einen Missstand, der von mehreren Teilnehmern bestätigt wurde: "Das Wissen über Präventivmaßnahmen ist bei Ärzten meist sehr viel geringer als bei dem Pflegepersonal."

Professor Martin Exner, Geschäftsführender Direktor des Zentrums für Infektiologie und Infektionsschutz der Universität Bonn, appellierte in diesem Zusammenhang an das Berufsethos der Ärzte: "Hygiene ist medizinische Prävention und damit absolut verpflichtend für Mediziner." Leider werde es versäumt, diesen Gedanken in die medizinische Ausbildung zu implementieren.

Facharzt-Standard gefordert

Um so nötiger sei das Klinikhygienegesetz der Bundesregierung, das ab Mitte 2012 höhere Mindeststandards in allen Krankenhäusern vorschreibt. Exner begrüßte diesen Vorstoß des Bundesgesetzgebers: "Das Gesetz war der Anlass, dass es in vielen Ländern überhaupt erst hinreichende Regelungen gibt".

Andererseits sei es nun aber auch wichtig, die fehlenden Spezialisten auszubilden. Exner schätzte, dass bis zu 800 zusätzliche Krankenhaus-Hygieniker benötigt werden. "Und für die wäre eigentlich eine Ausbildung auf Facharzt-Level nötig."

Dieter Blaßkiewitz, Vorstandsvorsitzender der Krankenhausgesellschaft Sachsen, wiederholte die Forderung an die Ärzte, sensibler mit dem Thema Hygiene umzugehen. Blaßkiewitz verwahrte sich dagegen, die Mängel allein bei den Krankenhäusern zu suchen.

Probleme mit der Hygiene seien auch in gesamtgesellschaftlichen Tendenzen begründet. "Viele Patienten sind sehr arglos, wenn es um die eigene Hygieneprävention geht. Läuft etwas schief, dann zeigen sie nur zu gerne auf die Krankenhäuser."

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