Ärzte Zeitung, 20.01.2012

Südwesten: PNP-Vertrag kämpft sich ans Quorum heran

Kasse und Verbände müssen bei Neurologen, Psychiatern und Psychotherapeuten für die Teilnahme werben - sonst kann der Vertrag nicht starten.

Von Florian Staeck

Südwesten: PNP-Vertrag kämpft sich ans Quorum heran

Dr. Werner Baumgärtner, Chef des Medi-Verbunds: "Der gefühlte Fallwert ist oft nicht der tatsächliche Fallwert".

© rudel

STUTTGART. Der neue Selektivvertrag von AOK Baden-Württemberg und Bosch BKK, Medi und weiteren Fachverbänden findet langsamer Akzeptanz, als ursprünglich von den Initiatoren erhofft.

Der im Oktober 2011 geschlossene PNP-Vertrag, der Psychiater, Neurologen und Psychotherapeuten umfasst, muss erst ein Teilnehmerquorum erreichen, bevor er tatsächlich starten kann. Mitmachen müssen landesweit 180 Neurologen, 220 Psychiater und 450 Psychotherapeuten.

Doch diese Hürde ist bisher nur teilweise genommen, berichtet Medi-Chef Dr. Werner Baumgärtner der "Ärzte Zeitung": "Wir hoffen, dass wir in der Psychotherapie in der ersten Februar-Woche das Quorum schaffen." Bei den Fachärzten liege die Beteiligung noch unter 50 Prozent. Hier würden vermutlich erst im zweiten Quartal die nötigen Teilnehmerzahlen erreicht, so Baumgärtner.

Vergütungsregeln wurden nochmals angepasst

Auch vor diesem Hintergrund haben die Vertragspartner Ende 2011 einige Vergütungsregelungen nachjustiert, so etwa bei Neurologen und Psychiatern. Diese konnten im KV-System einen Anstieg ihrer Fallwerte um durchschnittlich 25 Prozent im Vergleich zu 2010 verbuchen.

Der PNP-Vertrag war aber basierend auf den Fallwerten von 2010 verhandelt worden. "Deshalb mussten wir darauf reagieren und arbeiten an weiteren Verbesserungen", so Baumgärtner.

Erleichterungen wurden nachträglich auch für Psychotherapie vereinbart. Ein Beispiel: Bislang hat der Vertrag bei der Vergütung der Akutpsychotherapie mit 105 Euro eine Mindestzahl von 55 Einheiten im Quartal vorgesehen. Dieser Wert wird nun in der Anlaufphase deutlich gesenkt, und zwar auf 22 Einheiten im ersten Vertragsquartal, 33 Einheiten im zweiten und 44 Einheiten im dritten Vertragsquartal.

Viele Diskussionen mit Ärzten an der Basis drehten sich darum, ob die Vergütung im PNP-Vertrag tatsächlich attraktiver ist als im KV-System, berichtet der Medi-Chef. Er stelle dabei immer wieder fest, "dass der ‚gefühlte Fallwert‘ bei vielen Ärzten ein anderer ist als der tatsächliche, der oft nicht gekannt wird".

 "Alle Hebel in Bewegung setzen"

Ein anderer Dauerbrenner bei Veranstaltungen zum Vertrag sei die EDV. Die IT-Firmen ließen sich den Aufwand für relativ wenige Vertragspraxen nun einmal bezahlen, meint Baumgärtner. In der Psychotherapie müssten Teilnehmer mit Kosten von 50 bis 70 Euro pro Monat für die IT-Lösung rechnen, bei Ärzten seien es 100 bis 130 Euro.

In einem Rundschreiben kündigte Baumgärtner an, er werde "alle Hebel in Bewegung setzen", damit wenigstens ein EDV-Anbieter Ärzten ein besseres Angebot mache.

Im Werben für den Vertrag hat der Medi-Chef in den meisten Fällen "Déjà-vu-Erlebnisse": 90 Prozent der Fragen "haben wir seit 2008 bereits mit den Hausärzten debattiert".

Verwundert zeigt sich Baumgärtner, dass die versorgungspolitische Dimension des Vertrags nicht wahrgenommen wird. Schließlich böten Medi und die anderen Partner "mit dem Vertrag Fachärzten eine Zukunftssicherung der Praxen in Konkurrenz zum Krankenhaus". Das Versorgungsnetz aus Haus- und Facharztverträgen, das in Baden-Württemberg aufgebaut wird, setze dezidiert auf Praxen, erinnerte Baumgärtner.

Sprechende Medizin ohne Mengenbegrenzung

Der PNP-Vertrag, erklärt der Medi-Chef in einem Rundschreiben, biete etwa in der Psychotherapie "deutliche Verbesserungen, zum Beispiel die Anerkennung und Bezahlung neuer Therapie-Richtungen".

"Überragende Bedeutung" hat für ihn, dass die Sprechende Medizin erstmals ohne Mengenbegrenzung bezahlt werde. "Das haben wir an anderer Stelle noch nie erreicht." Ab dem dritten oder vierten Quartal könnten auch Patienten von den Vorteilen des Vertrags profitieren, hofft Baumgärtner.

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