Ärzte Zeitung, 10.05.2012

Krasse Defizite bei Versorgung von Behinderten

In Deutschland haben behinderte Erwachsene keinen optimalen Zugang zum Gesundheitssystem. Ohne politischen Druck wird sich nichts ändern, meinen Ärztevertreter und Kassen. Laut KBV fehlen finanzielle Anreize für Ärzte.

Von Angela Mißlbeck

Krasse Defizite bei Versorgung von Behinderten

Die Wege durch das Gesundheitssystem sind für Menschen mit Behinderung oft verschlungen und mühsam.

© Gina Sanders / fotolia.com

BERLIN. Die Defizite sind bekannt: Das Gesundheitssystem ist für Behinderte oft unzugänglich. Es deckt ihre spezifischen Bedarfe nicht.

Während Kinder mit chronischen Erkrankungen und Behinderungen oft in sozialpädiatrischen Zentren gut versorgt werden, beklagen Betroffene und Experten, dass solche Strukturen für Erwachsene fehlen.

"Was wir im Kinderbereich haben, ist so erfolgreich, dass wir jetzt merken, was uns für Erwachsene fehlt", sagt die Internistin Professor Jeanne Nicklas-Faust, Bundesgeschäftsführerin des Vereins Lebenshilfe, bei einer Diskussion, zu der die Grünen im Bundestag in Berlin eingeladen hat.

Nicklas-Faust steht vehement hinter der Forderung zahlreicher Behindertenverbände nach multiprofessionellen Versorgungszentren für erwachsene Behinderte.

Die Zentren sollen die spezialisierte Versorgung ergänzen, indem sie die gesamte "Fachexpertise vor Ort versammeln": Fachärzte, Physio- und Ergotherapeuten, Logopäden, Psychologen, Sozialberatung und Hilfmitteldienstleister will die Chefin der Lebenshilfe dort unter einem Dach sehen.

Das würde die Versorgung von erwachsenen Behinderten nicht nur kurzfristig verbessern, sondern auch langfristig, weil Ärzte dort besser für die Belange Behinderter ausgebildet werden könnten.

Ebnet der Paragraf 116b den Weg für Behinderten-Zentren?

Die Internistin verweist darauf, dass es oft schwierig sei, Hospitanzplätze für Ärzte im Curriculum der Bundesarbeitsgemeinschaft der Ärzte für Menschen mit geistigen oder Mehrfachbehinderungen zu finden.

Chancen für die Gründung Behinderten-Zentren sieht Nicklas-Faust nun im Rahmen der ambulanten spezialfachärztlichen Versorgung nach dem neuen Paragrafen 116b SGB V.

Die KBV begrüßt das Konzept der Zentren. Es trage der Differenzierung der ärztlichen Versorgung Rechnung, so Dr. Bernhard Gibis, Leiter des KBV-Referats Bedarfsplanung.

Besonders spannend ist aus seiner Sicht die interprofessionelle Gestaltung solcher Zentren. Gibis plädierte in diesem Zusammenhang dafür, dass Ärzte sich der Arbeitsteilung mit anderen Gesundheitsberufen stärker öffnen.

"Da sind wir Ärzte bislang relativ strukturkonservativ gewesen. Da muss sich etwas tun", sagte er selbstkritisch.

Wenig optimistisch zeigte er sich jedoch, dass die Selbstverwaltung von Ärzten und Krankenkassen die Versorgung von Patienten mit Behinderungen kurzfristig in Eigeninitiative verbessert.

Hindernisse: Vertragswettbewerb und pauschalierte Vergütung

Als Hindernisse bewertet Gibis den Vertragswettbewerb und die pauschalierte Vergütung. Er sprach sich dafür aus, im Kollektivvertrag gesonderte Vergütungsanreize für Ärzte zu schaffen, die behinderte Menschen betreuen.

"Da braucht es manchmal Setzungen von außen", sagte er. Sein Versprechen: Die KBV wolle im Sinne eines Disability Mainstreaming das Thema Barrierefreiheit in allen Facetten beleuchten.

Denkbar ist nach seinen Worten etwa, dass bei der Zertifizierung von Arztnetzen nach Barrierefreiheit gefragt wird.

Im Gegensatz zur KBV setzt der AOK Bundesverband auf Selektivverträge, um die Versorgung von Behinderten zu verbessern. Im Kollektivvertrag sei es eben nicht gelungen, die Ärzte zu Barrierefreiheit zu motivieren, so Dr. Christian Peters.

Der AOK-Experte für ambulante Versorgung kündigte an, dass der Kassenverband seine Mitgliedskassen dazu anhalten wolle, "in Selektivverträgen die Versorgung von Menschen mit Behinderungen einzufordern".

GBA soll Barrierefreiheit einfordern

Es werde überlegt, "Leistungserbringer, die Barrierefreiheit nicht bedenken, einfach auszuschließen - eiskalt", sagte er. Peters hält darüber hinaus ordnungspolitischen Druck für nötig, um das Thema Barrierefreiheit stärker in der Versorgung zu verankern.

Beispielhaft schlug er vor, dass der Gemeinsame Bundesausschuss bei vielen seiner Beschlüsse Barrierefreiheit einfordern könnte.

Von den geforderten medizinischen Zentren hält Peters dagegen wenig. "Wir haben eine ganze Reihe ambulanter Versorgungsformen, in denen so etwas laufen könnte", sagte er unter Verweis auf die Ambulanzen der Kliniken.

Wie Gibis warnte aber auch Peters davor, die Verbesserung der gesundheitlichen Versorgung behinderter Menschen allein der Selbstverwaltung zu überlassen.

"Ich wundere mich immer ein bisschen, warum der Gesetzgeber nicht drakonisch Fristen mit Androhung von Ersatzvornahmen setzt", sagte er.

Behinderte benötigen mehr Leistungen

Statistische Angaben darüber, wie viele Menschen mit Behinderung in Deutschland leben, schwanken stark. Aktuell leben 7,1 Menschen in Deutschland, die einen Schwerbehindertenausweis besitzen. Eine Meldepflicht dafür gibt es aber nicht. Behinderte brauchen deutlich häufiger medizinische Leistungen als nicht-behinderte Menschen. Der Neurologe und Psychiater Professor Michael Seidel verweist dazu auf den Mikrozensus 2009. Dort gaben 34,6 Prozent der Menschen mit Behinderungen an, dass sie in den letzten vier Wochen behandlungsbedürftig krank oder verletzt waren. Unter den Nichtbehinderten gaben das nur 11,3 Prozent an. (ami)

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