Ärzte Zeitung, 11.07.2012

Gute Mischung im deutschen Gesundheitswesen

Eine ambulante Versorgung auf hohem Niveau, ein umfangreicher Leistungskatalog und kurze Wartezeiten: Beim Vergleich mit den Gesundheitssystemen anderer Länder schneidet Deutschland nach Auskunft eines Experten gut ab.

DORTMUND (iss). In der ambulanten Versorgung in Deutschland sollte es weiterhin eine Mischung verschiedener Organisationsformen geben, die jeweils an die lokalen Gegebenheiten angepasst sind.

Das fordert Professor Jonas Schreyögg, Inhaber des Lehrstuhls für Management im Gesundheitswesen der Universität Hamburg und wissenschaftlicher Direktor des Hamburg Center for Health Economics.

"Es gibt keine Evidenz, dass Medizinische Versorgungszentren oder Polikliniken der Einzelpraxis überlegen sind", sagte Schreyögg auf dem 4. Jahreskongress der KV Westfalen-Lippe in Dortmund.

Wartezeit in Deutschland überschätzt

Er hat den Umgang mit Versorgungsproblemen in unterschiedlichen Ländern untersucht. Der internationale Vergleich zeige, dass Deutschland eine ambulante Versorgung auf sehr hohem Niveau mit umfangreichem Leistungskatalog und sehr geringen Wartezeiten habe, sagte er.

Das Thema Wartezeiten werde hierzulande deutlich überschätzt. Schließlich warteten circa 90 Prozent der Patienten weniger als 30 Tage auf einen Facharzttermin.

"Selbst bei einer leichten Reduktion der Arztzahlen auf dem Land ist keine deutliche Erhöhung der Wartezeiten zu erwarten", sagte der Wirtschaftswissenschaftler.

Obwohl Deutschland vergleichsweise viele Mediziner ausbilde, gelinge es nicht, ausreichend Ärzte für die Versorgung auf dem Land zu rekrutieren.

Attraktive Ballungsräume ziehen Ärzte an

Schreyögg sieht anhand der Erfahrungen anderer Länder vier Möglichkeiten, das Problem anzugehen: eine höhere Arbeitsteilung zwischen Stadt und Land, die Integration neuer Berufsgruppen, die Erhöhung der Attraktivität ländlicher Gebiete und die leichte Reduktion des sehr hohen Versorgungsangebots.

"Was wir in Deutschland unter der wohnortnahen Versorgung beim Spezialisten verstehen, haben wir in der Mehrzahl der Länder so nicht", sagte er. Man erwarte dort, dass die Bewohner größere Entfernungen überwinden, um zum Spezialisten zu kommen.

"Monetäre Anreize für Ärzte auf dem Land helfen nicht, die Attraktivität von Ballungsräumen zählt", sagte er. Viele Staaten verfolgten deshalb die Strategie, Spezialisten in Versorgungszentren oder in Ambulatorien von Kliniken zu bündeln.

In Schweden habe sich die Einführung von sogenannten Schwesternpraxen bewährt. Die Ärzte würden an die besonders ausgebildeten Schwestern gerade bei der Versorgung von chronisch Kranken einen Teil ihrer Leistungen delegieren.

Erfolgsorientierte Vergütung bis zu zehn Prozent

Bei der Vergütung der niedergelassenen Ärzte hält Schreyögg perspektivisch die Mischung aus Pauschalen und Einzelleistungsvergütung für die optimale Vorgehensweise. "Das ist das, was wir in den meisten Ländern sehen."

Hinzu kommen könnte ein Anteil mit erfolgsorientierter Vergütung. Er sollte aber nach seiner Einschätzung zehn Prozent nicht übersteigen.

Die meisten Studien belegten eine leichte Qualitätserhöhung durch "pay for performance"-Modelle, so Schreyögg. Mit ihnen seien aber auch Probleme verbunden wie eine schlechtere Motivation und Patientenorientierung der Ärzte oder Selektionseffekte.

Nach seinen Angaben gibt es wenige wissenschaftliche Belege dafür, dass Selektivverträge dem Kollektivvertrag überlegen seien. "Meiner Meinung nach sollte man beide zulassen."

Zwar würden Einzelverträge mit den Kostenträgern den Wettbewerb unter den Leistungserbringern erhöhen.

Dem ständen aber ein erhöhter Aufwand durch die Notwendigkeit einer zentralen Qualitätssicherung gegenüber und eine möglicherweise höhere Unzufriedenheit der Leistungserbringer.

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