Ärzte Zeitung, 23.07.2012

Südwesten will Landflucht der Ärzte bremsen

Deutschland gehen die Ärzte aus - das merkt man auch im Südwesten. Dort liegt immerhin die Schweiz vor der Haustür. Die Ursachen für die Abwanderung: Regresse, unflexible Arbeitszeiten und Ärztetage am Samstag.

Von Marion Lisson

Die Lebensqualität ist oft wichtiger als Geld

In zehn Jahren haben alleine 3000 Ärzte aus Baden-Württemberg das Weite gesucht.

© Müller-Stauffenberg/imago

STUTTGART. "Wir haben uns in der Vergangenheit zu sehr auf das Wohl der Patienten fokussiert und für die Ärzte den Faktor ,Freude bei der Arbeit‘ unterschätzt", warnte Professor Thomas Zeltner, Honorarprofessor für öffentliches Gesundheitswesen von der Universität Bern, beim Ärztetag in Stuttgart.

"Ärztemangel - Die Alten gehen, die Jungen flüchten" hieß das Thema der Veranstaltung der Landesärztekammer.

"Von 2001 bis 2011 sind knapp 3000 Ärztinnen und Ärzte allein aus Baden-Württemberg ins Ausland abgewandert", berichtete Krankenversicherungsexperte Franz Knieps.

Vor allem die Schweiz, die USA, Österreich und Großbritannien sind bei den jungen Leuten für einen Neustart beliebt.

"Bereits jetzt schon finden viele Haus- und Fachärzte kaum Nachfolger und können Klinikstellen - besonders im ländlichen Raum - häufig nicht mehr besetzt werden", warnte Knieps, der von 2003 bis 2009 als Abteilungsleiter im Bundesministerium für Gesundheit tätig war.

"Grundsätzlich wollen die jungen Ärzte sicherlich gerne im eigenen Land bleiben, haben aber ihre eigenen Wünsche", ist Dr. Martina Wenker, Präsidentin der Ärztekammer Niedersachsen und Vizepräsidentin der Bundesärztekammer, überzeugt.

Laut einer Umfrage des Marburger Bundes im vergangenen Jahr unter 12.000 Ärzten, legt der Nachwuchs vor allem auf vernünftige Arbeitsbedingungen sowie planbare Arbeitszeiten großen Wert.

Selbstvertrauen und Flexibilität gefordert

Ebenso wichtig ist es den Medizinern, in ihrer Arbeitszeit ärztlich tätig zu werden und nicht nur nach DRG zu verschlüsseln und Arztbriefe zu formulieren. "Wir sollten diese Wünsche ernst nehmen", so Internistin Wenker.

Sie selbst habe in ihrer kleinen Lungenfachklinik in Hildesheim geradezu paradiesische Zustände erlebt.

Ein "guter Chef" und ein kollegiales Team machten es möglich: "In dieser Atmosphäre ist nicht nur die Patientenversorgung auf einem hohen Niveau erfolgt, sondern konnten auch die kleineren Probleme, wie sie durch plötzlich erkrankte Kinder aufkommen, unkompliziert gelöst werden", schwärmt sie.

Aber auch die jungen Ärzte seien gefordert, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. "Haben Sie Selbstvertrauen, seien Sie flexibel! Wenn der Chef nicht passt, suchen Sie sich eine andere Klinik oder Praxis", forderte sie.

Ärztemangel - dieses Problem kennt man ebenfalls in der Schweiz. "Jährlich importieren wir rund 2000 ausländische Ärzte", berichtete Professor Zeltner. In der Schweiz selbst werden dagegen nur rund 800 Ärzte pro Jahr ausgebildet.

Doch was macht die Schweiz für deutsche Ärzte so attraktiv? "Bei einer Umfrage von 2011 haben 90 Prozent der befragten Ärzte angegeben, dass sie mit ihrem Arbeitsplatz zufrieden oder sehr zufrieden sind", sagte Zeltner.

Duzen - ein Rezept für mehr Ärzte?

Besonders das Verhältnis zu Patienten, Kollegen und Chefs gaben die Befragten als entscheidend für das eigene Wohlbefinden an. Wichtiger noch als Geld (zwei Drittel finden ihr Einkommen okay), bewerteten die Schweizer ihre Lebensqualität.

"Bei uns nutzen viele Mitarbeiter die Chance auf Teilzeit", so Zeltner. Männer arbeiten danach im Schnitt 90 Prozent, Frauen 60 bis 80 Prozent.

Dass junge Leute nicht nur für den Job leben, sondern Familie und Freizeit im Blick haben - Dr. Harald Kamps kann das bei aller Begeisterung für seinen Beruf verstehen.

"In Norwegen würde zum Beispiel niemals an einem Samstag ein solch ärztlicher Kongress stattfinden wie heute hier", erzählte der Berliner Allgemeinarzt in Stuttgart.

20 Jahre lebte und arbeitete Kamps als Hausarzt in Norwegen, bevor er 2002 aus persönlichen Gründen nach Deutschland zurückkehrte.

Von Norwegen kennt er den Vorteil von flachen Hierarchien - sowohl zwischen Hausärzten und Spezialisten sowie zwischen Ärzten und Pflegekräften.

"In den skandinavischen Ländern duzt man sich grundsätzlich auf allen Ebenen - ein vertrauensvolles Miteinander ist dadurch leichter möglich", erzählt er und fährt fort: "Und genau dieses Vertrauen in das ärztliche Handeln halte ich für sehr wichtig, will man junge Leute für diesen tollen Beruf begeistern."

Baden-Württembergs AOK-Hausarztvertrag ist für Kamps in diesem Sinne ein guter Anfang. Regressdrohungen, wie sie deutsche Praxisärzte im Arzneimittelbereich fürchten müssen, würden junge Ärzte dagegen abschrecken, warnt der Allgemeinarzt, der in seiner Praxis drei Ärzte in Weiterbildung beschäftigt und nach eigenen Angaben überhaupt keine Probleme hat, Nachwuchskräfte zu finden.

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