Ärzte Zeitung online, 14.09.2012

Honorarstreit

Zeichen der Annäherung

Verschoben, nicht geplatzt: Die zweite Verhandlung im Honorarstreit ist auf den 4. Oktober verschoben worden. Offenbar sind die Kassen der KBV entgegengekommen. Gesundheitsminister Bahr erwartet "ein vernünftiges Ergebnis".

Verhandlung verschoben?

Verhandlung: Verschoben?

© Getty Images

BERLIN (nös/vdb/sun). Unerwartete Entwicklung im Honorarstreit: Die zweite Verhandlungsrunde des Erweiterten Bewertungsausschuss (EBA) ist auf den 4. Oktober verschoben worden. Gesundheitsminister Daniel Bahr rief beide Seiten auf, einen Kompromiss zu finden.

Hintergrund dürfte ein neues Angebot der Krankenkassen sein, wonach das Honorarwachstum deutlich höher ausfallen könnte. Die von der Allianz deutscher Ärzteverbände koordinierten Proteste sollen zunächst ausgesetzt werden. Unabhängig davon sollen die Proteste etwa in Brandenburg ab Montag fortgesetzt werden.

Ursprünglich wollte der EBA aus KBV, GKV-Spitzenverband und dem Schlichter Professor Jürgen Wasem an diesem Samstag zu seiner zweiten Sitzung zusammenkommen.

Planmäßig sollte dann über die Morbidität und die Verteilung der Honorare in den Regionen verhandelt werden.

Hintergrund für die jetzige Verschiebung ist offenbar ein informelles Spitzengespräch von KBV und Krankenkassen. "Die Gespräche der letzten Tage haben gezeigt, dass beide Seiten an einer Lösung interessiert sind", heißt es in einer gemeinsamen Mitteilung.

Beide Seiten wollen nun "fachliche Vorarbeiten" leisten, um eine endgültige Beschlussfassung erarbeiten zu können. "Die durch die Verschiebung der für morgen (Samstag, Anm. d. Red.) geplanten Sitzung gewonnene Zeit soll dafür genutzt werden."

Doch eine Milliarde Euro mehr?

Am Dienstag soll es dem Vernehmen nach ein Treffen der KV-Spitzen geben. Thema könnten mögliche Kompromisslinien und die regionale Verteilung der Honorare sein.

Ein Bericht der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" deckt sich mit Informationen der "Ärzte Zeitung". Danach könnte das Honorar in der Summe um rund 900 Millionen Euro steigen.

Das wäre deutlich mehr als die beschlossene Steigerung von 0,9 Prozent beim Orientierungswert, die allein für die Ärzte 270 Millionen Euro ausgemacht hätte. Nun bieten die Kassen dem Vernehmen nach eine deutliche Ausweitung der Morbidität an. Allein dadurch könnten rund 330 Millionen Euro zusätzliches Honorarvolumen entstehen.

Zusätzlich zur morbiditätsbedingten Gesamtvergütung (MGV) wollen die Kassen zudem bei Einzelleistungen wie Vorsorgeuntersuchungen und Impfungen drauflegen - die Rede ist von etwa 200 Millionen Euro.

Auch die Psychotherapeuten könnten von einem weiteren Nachschlag profitieren: Nach dem EBA-Schlichterspruch sollten ihre Honorare um 30 Millionen Euro steigen, nun bieten die Kassen insgesamt 100 Millionen Euro Honorarplus für sie an.

Summa summarum ergäbe sich so ein Gesamthonorarwachstum von 900 Millionen Euro, das mit drei Prozent deutlich über den zuletzt geschlichteten 0,9 Prozent Zuwachs beim Orientierungswert liegt.

Allerdings: Die KBV war mit der Forderung von elf Prozent Plus in die Verhandlungen gegangen - immerhin 3,5 Milliarden Euro.

Proteste ausgesetzt

Aus KV-Kreisen hieß es am Freitag, die Kompromisslinie liege bei 3,5 Prozent. Dann müssten die Kassen in den kommenden Tagen allerdings noch einmal 150 Millionen Euro zusätzlich lockermachen.

Gesundheitsminister Bahr sieht in der jetzigen Situation einen Fortschritt: "Kassen und Ärzte haben es noch in der Hand, ein vernünftiges Ergebnis zu erreichen", sagte der FDP-Politiker der "Ärzte Zeitung".

Er begrüße es, "dass man wieder mit einander redet, und dass Bewegung in die Verhandlung kommt".

Der Unionsgesundheitspolitiker Jens Spahn (CDU) sieht in der Annäherung sogar eine "Stärkung der Selbstverwaltung". "Es ist schön, dass auf beiden Seiten wieder die Vernunft einkehrt und eine Verhandlungslösung gesucht wird", sagte Spahn der "Ärzte Zeitung".

Ärzteverbände hatten am Donnerstag die Weichen auf Streik gestellt. In einer "Urabstimmung" sprachen sich drei Viertel der Ärzte für Praxisschließungen aus. Allerdings hatten sich "nur" rund 50.000 niedergelassene Ärzte an der Abstimmung beteiligt.

Die Ärzteverbände zeigten sich zunächst überrascht von der Entwicklung. Nun sollen die Proteste vorerst ruhen.

"Bis zum nächsten Verhandlungstermin Anfang Oktober werden alle Protestmaßnahmen der Ärzteverbände ausgesetzt", sagte der Chef des NAV-Virchowbunds, Dr. Dirk Heinrich, am Freitag in Berlin.

Die Vorbereitungen liefen im Hintergrund jedoch weiter. Heinrich: "Die niedergelassenen Ärzte halten sich weiterhin bereit, notfalls ihre Praxen zu schließen."

Er sprach zudem davon, dass "ein verbessertes Angebot der Kassen auf dem Tisch liegt". KBV und Kassen hingegen halten sich in dieser Frage deutlich bedeckt.

[16.09.2012, 14:05:26]
Dr. Enno Maaß 
Kein Honorarplus für die sprechende Medizin!
Die im Text genannten 100 Millionen sind nicht für Honorarzuwächse der ohnehin schon schlecht bezahlten Psychotherapeuten, sondern für zusätzliche Kassensitze... Damit verkaufen die Krankenkassen, das von ihnen zu tragende Morbiditätsrisiko, als Honorarplus!
Die sogenannte sprechende Medizin wird damit weiter sehenden Auges benachteiligt bleiben... zum Beitrag »
[15.09.2012, 19:20:53]
Annelies Roloff 
Geschickter Schachzug
Die Verschiebung in den Anfang des nächsten Quartals konnte für die Gegner der Erhöhung nicht besser gewählt werden.
Welcher verantwortungsbewußte Arzt macht seine Praxis zum Quartalsbeginn zu ? Ich meine, keiner der für seine manchmal jahrzehntelang betreuten Patienten da ist. Und so wird die Ärzteschaft gespalten und nacheinander
im Sinne der profitablen Kassen ruhig gestellt.
Die Intern. Hausärztin ist meine Frau mit 50 Jahre Berufserfahrung !

Eberhard Roloff  zum Beitrag »
[15.09.2012, 14:24:03]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Argumentationshilfe für die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV)
Vielleicht dämmert Johann-Magnus von Stackelberg, der als stellvertretender Vorstandsvorsitzender des GKV-Spitzenverbands Bund (Spibu) Minus 7% beim Orientierungspunktwert als Honorarkürzung gefordert hatte, dass die "Spitzbuben", die ihm das Prognos-Gutachten eingebrockt haben, nicht korrekt gerechnet haben. Einzelheiten unter:
http://www.springermedizin.de/schaetzlers-schafott---diesmal-ist-prognos-dran/3187104.html
http://www.springermedizin.de/prognos-gutachten-seltsame-zahlen-tollkuehne-ableitungen/3187080.html
und
http://www.aerzteblatt.de/nachrichten/51267#comment17605

Bei meiner inhaltlich begründeten Kritik am Prognos-Gutachten des GKV-Spibu hatte ich einen 'Plan B', falls es jemandem gelingen würde, meine pointierte Argumentation gegen dieses Gutachten von Dr. Ronny Wölbing und Mitarbeitern zu durchbrechen. Im letzten Abschnitt heißt es bei Prognos unter dem Titel "Wirtschaftlichkeitsreserven":
"Über den Umfang des medizinisch-technischen Fortschritts können
nur Vermutungen angestellt werden. Es ist jedoch plausibel
anzunehmen, dass bspw. die Verbreitung neuer Gerätegenerationen,
die Delegation von Leistungen auf medizinische Fachangestellte
und moderne Formen des Praxismanagements die Kosten
der Leistungserstellung reduzieren helfen. Im Modell lässt sich
dies mit einer jährlichen Senkung der Stückkosten abbilden..." Betriebswirtschaftliche Rationalisierungsreserven lägen weiter darin, "dass Gemeinschaftspraxen (GP) geringere Stückkosten aufweisen als Einzelpraxen (EP)..." Unter der Zwischenüberschrift "Die Zahl der angestellten Ärzte steigt" schlussfolgern die Prognos-Gutachter allen Ernstes mit ihrem Satz "Werden mehr Ärztinnen und Ärzte in den Praxen angestellt und wird das Leistungsvolumen dabei nicht erhöht, steigen die Lohnkosten für die Praxisinhaber und somit die Stückkosten" ebenso fantasielos wie dilettantisch: "Trotzdem darf der Orientierungswert deswegen nicht erhöht werden."

In einfachen Worten ausgedrückt: Neue, Geräte-gestützte diagnostische und therapeutische Verfahren in der Medizin seien per se billiger als Altgeräte bzw. könnten von MFA' s kostengünstig bedient werden? Die Fülle von medizinisch-t e c h n i s c h e n Assistenzberufen ist Prognos offensichtlich entgangen. Und dass wir Humanmediziner auch nicht von "Stückkosten" sondern von 'Patientinnen und Patienten' und unseren Praxisausgaben sprechen, scheint betriebswirtschaftlich Neuland zu sein. Wie sich allerdings h ö h e r e Personalaufwendungen kosten-s e n k e n d in einer betriebswirtschaftlichen Analyse (BWA) und Einnahmen-Überschuss-Rechnung (EÜR) auswirken sollten, bleibt prognostisch ein Prognos-Geheimnis.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund


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[15.09.2012, 12:14:06]
Dipl.-Med Wolfgang Meyer 
Durchaus annehmbare Zahl
Das finde ich auch! Für die inhomogene Ärzteschaft sind 33,33 Prozent Teilnahmequote an solch einer Urabstimmung schon mal ein Schritt. Wie singt W.Schmidbauer auf dem neuen Album "Süden" mit Pollina und Kälberer?
Titel: "Mia san zua":"Mia ham alle de Kraft, mia kennan alle den Weg, mia
ham alle de Macht, und wissens's ned. ..." Das Geheimnis liegt in Soli-
darität und Zusammenhalt, Besonnenheit und Klarheit, aber auch der nötigen
Konsequenz, wenn es um richtig Erkanntes geht! Dies ändert nichts an der
Notwendigkeit, das unser Sozialsystem mehr dennje zum Spielball der Ökono-
mie geworden ist. Das sollte sich ändern! zum Beitrag »
[14.09.2012, 16:16:48]
Jörg Dähn 
Nur 50000 niedergelassene Ärzte?
Immerhin 50000 niedergelassene Ärzte!! zum Beitrag »

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