Ärzte Zeitung, 02.10.2012

Pseudo-Hausärzte

So wird Kollegen das Leben schwer gemacht

Fast jeder dritte Arzt, der in Nordrhein für die hausärztliche Versorgung zugelassen ist, nimmt entsprechende Aufgaben gar nicht wahr. Das hat erhebliche Konsequenzen.

Pseudo-Hausärzte machen den Kollegen das Leben schwer

Hausarzt beim Hausbesuch. Nicht jeder, der für die hausärztliche Versorgung zugelassen ist, übernimmt auch solche Aufgaben.

© Klaro

KÖLN (iss). Bei der Betrachtung des sich abzeichnenden Hausärztemangels wird ein Aspekt übersehen: Auch heute schon nimmt ein nennenswerter Teil der als Hausärzte zugelassenen Mediziner kaum noch hausärztliche Aufgaben wahr.

Darauf macht der Vorsitzende des nordrheinischen Hausärzteverbands Dr. Dirk Mecking aufmerksam.

Von den 6500 Hausärzten in Nordrhein machen nur noch 2000 regelmäßig Hausbesuche, rund 800 stellen weniger als 100 Rezepte im Quartal aus, berichtete Mecking beim Nordrheinischen Hausärztetag in Köln.

"Es gibt viele Kollegen, die haben sich aus dem hausärztlichen Tun verabschiedet." Sie seien etwa mit Schwerpunkten wie Proktologie oder als Psychotherapeuten tätig.

Das habe für die übrigen Hausärzte gravierende Nachteile. So senken die nicht in der Grundversorgung tätigen Kollegen den Durchschnitt bei der Arzneimittelversorgung, was die Regressgefahr für die verordnenden Hausärzte erhöht.

Dietsche: HzV auch für Nordrhein die Zukunft

Auch auf die Regelleistungsvolumina wirke sich der Rückzug der Kollegen aus dem hausärztlichen Tätigkeitsfeld negativ aus. "Wir bekommen wesentlich niedrigere Quoten, als für die Grundversorgung notwendig wären", sagte er.

Eine solche Verzerrung der tatsächlichen Verhältnisse wäre in der Hausarztzentrierten Versorgung (HzV) nicht möglich. Dort könnten nur die Ärzte teilnehmen, die dem tatsächlich vereinbarten Leistungsumfang nachkommen.

Auf dem nordrheinischen Hausärztetag hatte der Vorsitzende des Hausärzteverbands Baden-Württemberg Dr. Berthold Dietsche über die Erfahrungen mit dem dortigen Hausarztvertrag berichtet. "Das hat uns gezeigt, dass dies auch für Nordrhein der Weg der Zukunft ist", so Mecking.

Die Entwicklung in Baden-Württemberg zeige, dass sich die Hausärzte in Nordrhein-Westfalen vom schleppenden Beginn der Umsetzung der HzV-Verträge nicht entmutigen lassen sollten. "Die Kollegen hatten dieselben Anlaufschwierigkeiten."

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Hausarzt ist nicht gleich Hausarzt

[04.10.2012, 11:10:21]
Dr. Birgit Bauer 
Wieso kommen ? -die gibt es bereits!
Wie schreibt Kollege Schätzler:" Dann wird eine staatlich reglementierte Bedarfsplanung bzw. Effizienzkontrolle kommen - so sicher wie das Amen in der Kirche."
Die haben wir doch schon lange!Was sind den die ärztlichen und GKV-Gremien in ihren Körperschaften des öffentlichen Rechts, die übrigens keine legislativ - wie leider noch so mancher Kollege denkt und interessanterweise selbt die Mitarbeiter dieser Institutionen, wie ich selbst erleben durfte - sondern Exekutivorgane weiter als der
verlängerte Arm einer politisch gewollten Entwicklung. Die Mär von der sogenannten Selbstverwaltung sollte doch nun wirklich durchschaut werden.
Es ist doch praktisch wenn Entscheidungsträger verschleiert und für unliebsame Entwicklungen die Schuld anderen zugewiesen werden kann.
M.f.G. B.Bauer zum Beitrag »
[03.10.2012, 00:07:20]
Dr. Matthias Zufall 
Nicht die Kollegen, das System macht den Fehler,
... denn ohne die nivellierende Norm des Mittelmaßes gäbe es die im Artikel genannte Auffälligkeit nicht.

Nicht der Unterschied in der Berufsausübung ist eine Gefahr für die "Qualität" der Versorgung sondern das durch EBM und HVM generierte Regressunwesen erzwingt das Mittelmaß. Es schert alle über einen Kamm. Das lernt jeder neu niedergelassenen Arzt als Erstes!

" Sei Mittelmaß und Dir passiert nichts", lautet die Botschaft. Sie ist Dogma zugleich.

Das hat nun auch die KBV erkannt. Zu spät vermutlich.

Die Folge ist eine WANZ-Gegenbewegung, die anarchistisch das Mittelmaßsystem ad absurdum führen könnte, wenn es konsequent gelebt würde.

Die Verweigerung der Grundprofession seines Handwerks -seiner Kunst- durch den Arzt ist Ausdruck der Resignation und zugleich innere Kündigung. Er will sich nicht länger zum "Leistungserbringer" am Fließband/Hamsterad herabwürdigen lassen.

Recht so! Man sollte die Kollegen unterstützen anstatt sie klein zu machen. Sie haben für sich einen Weg gefunden in Würde zu überleben. Sie verweigern sich dem Diktat eines Systems in dem Erfahrung und Können nichts mehr Wert sind, weil Mittelmaß des gesetzlich Vorgegebene "wirtschaftlich ausreichender" Maßstab ist.



Weniger ist Mehr:

Die Kassen haben es uns just gesagt ( siehe Rede Dr. Köhler). Wir "leisten" zuviel. Ergo wird was viel an "Leistung" erbracht wird billiger. Ein banaler Grundsatz der Marktwirtschaft.

Also sollte es auch umgekehrt gehen.

Sind wir dressierte Hamster oder denkende Menschen? Haben wir vergessen, daß nicht nur der "Leistung" abfragende "Versicherte" womöglich vormals Mensch war sondern wir auch? zum Beitrag »
[02.10.2012, 13:07:04]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
GKV-Patienten "Amuse-Gueule" für Vertragsärzte?
Nicht nur bei manchen "Hausärzten", auch bei einigen Fachärzten sind GKV-Patienten allenfalls "Amuse-Gueule" für ihr überwiegend privatärztliches IGeL-Menü. Mangelnde Quantität, Logistik, Prozess- und Ergebnisqualität in der ambulanten vertragsärztlichen Versorgung sind dann zu erwarten.

Selbstverständlich soll es jedem/r Kollegen/in überlassen bleiben, ob er/sie rein privatärztlich tätig sein wollen. Aber dann bitte offen und ehrlich entscheiden bzw. die Kassenzulassung an GKV-interessierte und motivierte Ärzte abgeben. Hobby-, Freizeit- und Nebenerwerbspraxen benachteiligen schwerpunktmäßig mit GKV-Patienten arbeitende Praxen, indem sie Kassenleistungs-, Medikamenten-, Heil- und Hilfsmittel-Budgets herunterziehen und zu knappe Regelleistungsvolumina weiter abwerten.

Die für Kassenzulassung und Sicherstellungsauftrag zuständigen Kassenärztlichen Vereinigungen tappen gemeinsam mit der KBV im Dunkeln. Sie können nicht einmal erahnen, wo medizinische Versorgungsmängel oder -überfluss bestehen, wie Pflegenotstand oder Ärztemangel sozial, inhaltlich und regional begründet sind. Prioritäre Gesundheits-, Versorgungs- und Pflegeziele können weder formuliert noch umgesetzt werden.

Mit weniger als 100 Rezepten im Quartal zu lavieren oder mit numerisch nicht messbaren Hausbesuchen zu improvisieren, ist für eine gesicherte ambulante ärztliche Versorgung von 69,9 Millionen GKV-Versicherten (85,4% der Gesamtbevölkerung) in Deutschland unprofessionell und inadäquat. Dann wird eine staatlich reglementierte Bedarfsplanung bzw. Effizienzkontrolle kommen - so sicher wie das Amen in der Kirche.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund

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