Ärzte Zeitung, 19.11.2012

Atteste

Kammer im Norden fürchtet Fall-Explosion

Arbeitgeber können Atteste vom ersten Krankheitstag an verlangen, bestätigte das Bundesarbeitsgericht. Die Kammer Schleswig-Holstein mahnt zu Zurückhaltung.

Kammer im Norden fürchtet Fall-Explosion

AU-Schein: Droht der Run auf die Praxen?

© Thomas Siepmann / fotolia.com

BAD SEGEBERG. Die Ärztekammer Schleswig-Holstein appelliert an private und öffentliche Arbeitgeber im Norden, bei einem moderaten Umgang mit Krankheitsattesten zu bleiben.

Dies entlaste die ohnehin angespannte ambulante Versorgung, verursache keine Kostensteigerungen und diene dem Betriebsfrieden.

Ein ärztliches Attest ab dem ersten Krankheitstag dagegen könnte nach Befürchtung von Kammerpräsident Dr. Franz-Joseph Bartmann zu einer Fall-Explosion in den Arztpraxen führen.

"Wenn jeder Arbeitnehmer mit leichtem Unwohlsein oder einem harmlosen Infekt sofort zum Arzt gehen müsste, bleibt Medizinern noch weniger Zeit für die Behandlung tatsächlich wichtiger Fälle", so Bartmann. "Die Wartezimmer sind schon jetzt übervoll", sagte der Kammerpräsident.

Morbidität würde statistisch steigen

Er wies damit auf das jüngste Urteil des Bundesarbeitsgerichtes hin. Die Richter hatten das Recht der Arbeitgeber auf ein ärztliches Attest vom ersten Krankheitstag an bestätigt.

Bei einer strengen Auslegung dieses Urteils rechnet Bartmann mit einer künstlichen Aufblähung der Morbidität: "Jeder banale Infekt bekommt dann einen eigenen Krankheitswert, der in der Morbiditätsstatistik erfasst wird."

"Das heißt: Ein Attest ab dem ersten Tag macht die Deutschen rein statistisch kränker als sie tatsächlich sind. Das treibt die Kosten, denn die Vergütung der Ärzte erfolgt zunehmend morbiditätsorientiert", so Bartmann.

Zugleich verwies der Kammerpräsident auf die damit verbundenen Folgen für die Arbeitgeber: "Sie zahlen knapp die Hälfte der Krankenkassenbeiträge, die durch unnötige Behandlungen und höhere Morbidität steigen dürften." (di)

Az.: 5 AZR 886/11

[20.11.2012, 15:19:10]
Dr. Thomas Ruff 
AU: Kammer springt zu kurz
Es ist verständlich, dass der Ärztekammerpräsident zunächst an die „zunehmend morbidi-tätsorientierte“ Vergütung des Arztes denkt. Zugleich erinnert Bartmann die Arbeitgeber daran, dass Sie knapp die Hälfte der Krankenkassenbeiträge bezahlen und diese „durch unnötige Behandlung und höhere Morbidität steigen dürften.“


Die individuelle Interessenlage des einzelnen Arbeitgebers dürfte jedoch eine andere sein. Um den Betriebsfrieden aufrecht zu erhalten und letztlich überleben zu können, muss er sich vor Mitarbeitern schützen, die mit „leichtem Unwohlsein“ so Bartmann, zu Hause bleiben oder sich wie im aktuell ausgeurteilten Fall mit Krankmeldungen für unliebsame Entscheidungen des Arbeitgebers revanchieren.

Ein Betrieb mit bis zu 30 Arbeitnehmern – zu dem die zahn/ärztliche Praxis im Allgemeinen gehören dürfte – nimmt am Ausgleichsverfahren für Krankheitsaufwendungen, des sogenannten U1 Verfahren teil. Bei einem Umlagesatz von 1,7 % beträgt die Regelerstattung 65 % des fortgezahlten Bruttoarbeitsentgeltes. Ein ermäßigter Umlagesatz mit entsprechend geringeren Erstattungen oder ein erhöhter Umlagesatz mit entsprechend erhöhter Erstattung kann gewählt werden. Wer den Formularkram nicht scheut, wird diese Erstattung nicht erst ab dem dritten Krankheitstag beantragen und braucht den entsprechenden Nachweis, kurzum, die Vorlage der Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung vom ersten Tag an.


Wenn nun die (ver)öffentliche Meinung landauf, landab heißt: Nun gut, dann eben gleich zum Arzt, dann bleibt es eben nicht bei einem Tag „Unwohlsein“, sondern es gibt den gelben Schein gleich für eine ganze Woche, dann stimmt etwas nicht. Die Ärztekammer verkennt möglicherweise den erheblichen Unmut der Arbeitgeber über allzu leichtfertig ausgestellte Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen.

Mag ja sein: Aus Sicht des Arztes unterscheidet sich die AU vom Rezept vor allem dadurch, dass sie keinem (Arzneimittel-)Budget unterliegt. Man kann sie also doch recht freigiebig verteilen, ohne in den Honorar-Regress genommen zu werden. Und eher selten kommt es vor, dass verärgerte Arbeitgeber Ärzte wegen der unzutreffend festgestellten Arbeitsunfähigkeit schadenersatzpflichtig machen.


Der Grundkonflikt ist letztlich ein anderer: Der Arzt hat sich nach unserem Verständnis von der Heilkunde ohne Wenn und Aber für die Interessen seines Patienten einzusetzen. Die arbeits-, vielleicht auch sozialrechtliche Feststellung einer Arbeitsunfähigkeit ist vom Wesen her nicht seine Aufgabe und bringt ihn in einen unauflösbaren Interessenkonflikt.

Er kann diese Aufgabe nicht verantwortungsvoll war nehmen, dann dazu bedürfte es detaillierter und objektiver Kenntnisse zum Arbeitsplatz des jeweilige Patienten. Dazu ist der Arzt auf die Darstellung seines Patienten angewiesen. Bereits die Schilderung des Krankheitsbildes kann - zumindest bei den Fällen, von denen wir hier reden – in die Irre führen.

Das Internet - und für Traditionalisten der Büchermarkt - ist voll von Ratschlägen, was man denn dem Doktor erzählen muss, um garantiert einen gelben Zettel zu bekommen.


Dr. Thomas Ruff
20.11.2012
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[20.11.2012, 11:47:10]
Dr. Karlheinz Bayer 
Ein offenes Wort an Herrn Bartmann zu Fall-Explosion und Morbiditätsstatistiken

Sehr geehrter Herr Bartmann,

Sie gehen offenbar nicht nur im Bezug auf die E-Card Wege, die wir an der Basis nicht mitgehen können. Offensichtlich haben Sie auch ein etwas exzentrisches Bild von dem, was Krankheit ist. Das möchte ich Ihnen einmal sagen.

Es ist nicht umsonst so, daß die "Arbeitsunfähigkeits"-Bescheinigung im Volksmund "Krank"-Meldung heißt. Und die Verknüpfung von Krankheit und Fehlzeit hat das Bundesarbeitsgericht vollkommen zurecht verdeutlicht.

Was verstehen Sie unter "wichtigen" Fällen?

Ich jedenfalls habe kein Verständnis dafür, einen Patienten mit Fieber und Erkältung als unwichtig zu deklarieren und einen Patienten beispielsweise mit einem Aortenaneurysma als wichtig. Mein Wartezimmer ist voll mit wichtigen Patienten beider Kategorien, und ich werde keine Triage in der Anmeldung einführen.

Auch in den Ärztekammern finden sich Menschen, die dort in meinen Augen weniger zu suchen haben als andere. Es ist wie in den Wartezimmern, Herr Bartmann! Aber ich würde nicht so weit gehen zu sagen, die banalen Vertreter sollen den wichtigen den Platz räumen.

Jeder banale Infekt h a t einen Krankheitswert. Wer einem banalen Infekt einen Krankheitswert abspricht, diskriminiert in meinen Augen.

In der Morbiditätsstatistik heißt es immer wieder immer, die Volkskrankheiten seien Herzinfarkte, Rückenleiden und Übergewicht.

Lieber Herr Bartmann,
das verschleiert, daß auch die banalen Infekte, die Blasenentzündungen, die Migräneanfälle, die Sportverletzungen, die Otalgien, Unpäßlichkeiten und Übelkeiten, das Erbrechen und der Durchfall, die am nächsten Tag vorbei sind, zu den Volkskrankheiten zählen.

Arbeitgeber haben ein Recht darauf, daß ihre Arbeitnehmer auch auf diesem Sektor korrekt behandelt werden. Und Sie wissen genauso gut wie ich, wie leicht solche banalen Krankheiten zu schweren werden können - die Praxisgebühr hatb uns gezeigt, daß die Zahl der schweren Verlaufsformen eher zunimmt, wenn man die banalen Erkrankungen aus dem Leistungskatalog haben will.

Patienten haben ein Recht darauf, wichtig genommen zu werden.
Und Morbiditätsstatistiken haben ein Recht darauf, die Wirklichkeit abbilden zu dürfen.

Schließlich, wir Ärzte haben ein Recht darauf nicht in Klassen wichtiger und banaler Behandler unterteilt zu werden.

Also, deswegen schließe ich mit kollegialen Grüßen,

Ihr
Dr.Karlheinz Bayer, Bad Peterstal
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