Ärzte Zeitung, 26.11.2012

KV Bayerns beschließt

Ärztlicher Bereitschaftsdienst auch für Pathologen

Die KV Bayerns hat eine neue Bereitschaftsdienstordnung beschlossen: Die Anzahl der Bereitschaftsdienste für Ärzte soll deutlich sinken. Dafür sollen künftig alle Vertragsärzte ran - auch Psychotherapeuten.

Von Jürgen Stoschek

Ärztlicher Bereitschaftsdienst auch für Pathologen

Die KV Bayerns will, dass bayerische Ärzte weniger Notdienste haben.

© imagebroker theissen / imago

MÜNCHEN. Die Dienstfrequenz im Allgemeinen Ärztlichen Bereitschaftsdienst in Bayern wird künftig auf maximal sechs Wochenenden im Jahr begrenzt.

Das sieht die neue Bereitschaftsdienstordnung vor, die die Vertreterversammlung der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns (KVB) nach anderthalbjähriger Vorarbeit jetzt beschlossen hat.

Ziel der Neufassung, die noch vom Gesundheitsministerium genehmigt werden muss, sei die Entlastung der diensthabenden Kollegen, erläuterte Dr. Ursula Gaisbauer-Riedl, Vorsitzende des zuständigen Ausschusses.

Dies werde durch eine Vergrößerung der Dienstbereiche mit je mindestens 15 teilnehmenden Ärzten erreicht. Dort wo es nötig ist, sollen Bereitschaftspraxen eingerichtet werden.

Verpflichtung endet am 62. Geburtstag

Am Ärztlichen Bereitschaftsdienst sollen künftig alle Vertragsärzte teilnehmen, auch solche, die bisher nicht verpflichtet waren.

Dazu gehören etwa auch Labormediziner, Pathologen oder Psychotherapeuten. Für diese Arztgruppen gibt es jedoch Übergangsfristen, in denen man sich durch Fortbildung qualifizieren kann.

Die Verpflichtung zur Teilnahme am Bereitschaftsdienst endet nach einer Übergangszeit künftig mit Vollendung des 62. Lebensjahres. Eine freiwillige Teilnahme darüber hinaus sei möglich, sagte Gaisbauer-Riedl.

Außerdem können auch Fachärztliche Bereitschaftsdienste eingerichtet werden, wenn ein entsprechender Sicherstellungsbedarf besteht. Sie sollen mindestens sechs Mitglieder haben. Im Kern kommen dafür Augenärzte, Chirurgen/Orthopäden, Frauenärzte, HNO-Ärzte sowie Kinder- und Jugendärzte infrage.

Neben den klassischen Bereitschaftsdienstzeiten gibt es künftig auch Bereitschaftsdienste in den Werktagnächten jeweils von 18 Uhr bis acht Uhr des folgenden Tages. Dadurch entfallen die Regelungen des kollegialen Vertretungsdienstes.

Kassen und Politik sollen sich an Finanzierung der Bereitschaftspraxen beteiligen

Die Neuordnung sei eine Reparaturmaßnahme, die dem drohenden Ärztemangel geschuldet ist, erklärte Dr. Dieter Geis, Vorsitzender des Bayerischen Hausärzteverbandes (BHÄV).

Das Problem könne allerdings von der Ärzteschaft allein nicht gelöst werden.

An der Einrichtung und Finanzierung zentraler Bereitschaftspraxen, die für die Sicherstellung der Versorgung eine zunehmend wichtige Rolle spielen werden, müssten sich auch die Krankenkassen und die Politik beteiligen, forderte Geis in einem Antrag, der von der Vertreterversammlung beschlossen wurde.

Und weil die Vergrößerung der Dienstbezirke zu deutlich längeren Fahrstrecken bei notwendigen Hausbesuchen führt, müssten auch die Wegegelder an die gestiegenen Energie- und Fahrzeugkosten angepasst werden, verlangten die Vertreter.

[04.12.2012, 17:43:25]
Dr. Matthias Schreiber 
Staatsanwaltschaft einschalten
Ich habe keine Ahnung, wie die Juristen der Kammern und KVen das Thema bewertet haben, Pathologen, Laborärzte, Radiologen oder auch Haut- oder Augenärzte für einen allgemeinen ärztlichen Notdienst heranzuziehen. Aber sie müssen es getan haben.
Diese Expertise möchte ich gerne in der Öffentlichkeit sehen. Anderenfalles würde ich als einer betroffenen Fachärzte bei der Staatsanwaltschaft eine Selbstanzeige aufgeben. Notfallmedizin mit höchsten Ansprüchen an moderne Medizin ist mit Sicherheit in den genannten Fachdisziplinen fachfremd. Ich kann nicht erkennen, dass die Weiterbildungsordnungen der jeweilig betroffenen Fachrichtungen eine allgemeinmedizinische Notfalldiagnostik und -therapie beinhalten.

Kann ein Pathologe einen akuten Bauch erkennen? Ein EKG lesen? Fachfremd! Nicht in der Weiterbildungsordnung.

Würde ich in solchen Fällen trotz aller Widerstände zum Notfalldienst gezwungen werden, würde ich alle legalen Möglichkeiten nutzen, diesem gefährlichen Unsinn ein Ende zu bereiten. Ich würde z.B. nach einer ersten Hilfe jeden Patienten sofort ins Krankenhaus einweisen, ausnahmslos. Zum Schutze des Patienten und zu meinem Schutz.

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[03.12.2012, 16:48:06]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Vertragsärztlicher Bereitschaftsdienst - Reformbedarf oder offene Flanke?
Warum müssen eigentlich unsere gewählten Repräsentanten von KV bis Ärztekammer in jedes sich bietende, offene Messer hineinlaufen? Niemand, der noch ernsthaft bei Verstand ist, würde ausgerechnet einen Facharzt für Pathologie, Psychotherapie oder Labormedizin zum Vertragsärztlichen Notdienst zwangsverpflichten.

Dann könnten ja gleich Veterinärmediziner das "bisschen Mensch" mit übernehmen - oder wir Humanmediziner die honorarträchtigere Einzelleistungs-Veterinärmedizin. Auch die Ausrede, verantwortungsvolle Laborärzte, Pathologen und Psychotherapeuten würden ihre Notdienste an akutklinisch-befunderfahrenere Kollegen abgeben, zieht nicht: Denn die blau-weiße Prämisse der KV Bayern (KVB) bei ihrer neuen Bereitschaftsdienstordnung war ja die durchaus intelligente Überlegung, Vertragsärzte von hoher Notdienstfrequenz zu e n t l a s t e n und nicht durch Zusatzarbeit für notdienstferne Fachrichtungen erneut zu b e l a s t e n. Und wenn der erste Behandlungsfehler notdienstferner Facharztrichtungen bzw. eines insuffizienten Notdienstvertreters gerichtliche Aufmerksamkeit findet, werden Juristen und Öffentlichkeit die KVB-Bereitschaftsdienstordnung mit Spott, Hohn oder gar forensisch relevantem Organisationsverschulden brandmarken.

Nein, der eigentliche Hintergrund organisatorisch-medizinischer Not- und Bereitschaftsdienstprobleme ist ein anderer: A l l e Notfallorganisationen bei Polizei, Feuerwehr, Technischem Hilfswerk, Katastrophenschutz, aber auch Energieversorgern, Telekommunikation und Handwerk setzen auf hauptamtliche, professionelle Hilfen und adäquat bezahlte Bereitschaft bzw. Tätigkeiten. Nur Vertragsärzte und KVen setzen auf ein gutwilliges Hobbyhelfersystem, das neben beruflichem Vollzeiteinsatz bereit ist, "für'n Appel und 'nen Ei" weiterzuarbeiten, um danach erneut in den Praxisalltag einzutauchen. Das, und die Tatsache, dass in immer größeren Notdienstbezirken beruflich hochqualifizierte Ärztinnen und Ärzte oft stundenlang sinnlos im Auto herumirren, um Patienten zu behandeln, die eigentlich mit jedem Sammeltaxi zur nächsten Notdienstambulanz hätten gebracht werden können, sind durch Personal-, Wirtschaftlichkeits- und Logistikfachleute einfach zu lösende Probleme, die nur einen Nachteil haben: Sie kosten viel Geld, um den bisherigen Schlendrian zu überwinden.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM z.Zt. Kaprun/A

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[27.11.2012, 21:30:03]
Dr. Florian Baier 
Warum nicht einfach abschaffen?
Was man braucht ist eine KV-Sprechstunde in jedem Kreiskrankenhaus Sa/So
jeweils einige Stunden vor- und nachmittags. Der Rest ist für den Notarzt oder hat bis zum nä. Tag Zeit. Ursache dafür daß sich dieser anachronistische Besuchsdienst solange hält, ist m.E. die Ambivalenz vieler langjähriger Kassenärzte, die zwar einerseits gerne über die Dienste jammern, andererseits nicht auf das Geld verzichten wollen.
Wir wissen, daß man bei Serienbesuchen im Pflegeheim oder zu Hause bei Kindern mit Halsweh in kurzer Zeit eine Menge verdienen kann.
Jeder von uns kennt doch Kollegen, die über Dienste klagen, aber sich trotzdem nicht überwinden können einen Dienstvertreter anzuheuern.  zum Beitrag »
[27.11.2012, 16:48:08]
Dr. Christoph Luyken 
Regelung des ärztlichen Notdienstes ist ein Skandal!
Daß künftig "auch Labormediziner, Pathologen oder Psychotherapeuten" am zentralen ärztlichen Notfalldienst teilnehmen sollen, ist für keinen der Beteiligten zumutbar; weder für die Kollegen, die keinerlei Übung und wenig Kenntnisse in der Akutbehandlung haben, noch für die Bevölkerung, die im 21. Jahrhundert mit Recht (!?) andere Ansprüche hinsichtlich der Behandlungsqualität hat.

Das zwanghafte Festhalten der KVen am Sicherstellungsauftrag ist in Zeiten zunehmenden Ärztemangels nicht mehr zu rechtfertigen. Warum gibt man nicht ehrlich zu, daß mit den vorhandenen Geldmitteln die Motfallversorgung nicht mehr sicherstellen zu können?!

Die einzige Lösung kann sein, daß von den Kostenträgern mehr Geld zur Verfügung gestellt wird. Nur mit kostendeckenden Löhnen kann man adäquate Leistungen finanzieren. Bei entsprechender Bezahlung werden sich auch Ärzte finden, die Notfalldienste machen, evtl. sogar hauptberuflich.

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[27.11.2012, 13:19:11]
Dipl.-Med Wolfgang Meyer 
Hier sind auch die Stimmen der Patienten gefordert!
"Der Pathologe weiß alles und kann alles, aber es nützt nichts!" Ich halte
diese Lösung für höchst problematisch. Im KV-Notdienst sind Kinder zu ver-
sorgen, Schwangere, alte Menschen, Tumorpatienten. Vielerorts stoßen da
erfahrene Kollegen schon an Grenzen. Die Tendenz, sich aus dem Notdienst
zurückzuziehen wurde nie wirklich hinterfragt oder ernsthaft nach guten
Lösungen gesucht. Ob zwei Jahre "Schulung" für Kollegen ohne Patientenkon-
takt die Grundlage schaffen können, diesen Notdienst zu bekleiden, halte ich für fraglich. Wieder einmal werden die Patienten herhalten müssen, weil der Not folgend Flickschusterei betrieben wird. Es zeigt sich hier die mangelnde Urteilsfähigkeit hinsichtlich der Anforderungen, die die ärztliche Praxis stellt! zum Beitrag »

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