Bedarfsplanung

GBA zaubert hunderte neue Arztsitze

Auf dem Land werden die Ärzte knapp. Nun soll eine neue Bedarfsplanung helfen - vor allem bei Hausärzten. Doch es gibt auch enttäuschte Gesichter.

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Jetzt geht es an die Regionen.

Jetzt geht es an die Regionen.

© Schmeling / fotolia.com | sth/sb

BERLIN. Garantierte Chancen zur Niederlassung für tausende Ärzte sollen die drohende Unterversorgung verhindern. So gibt es nach einer neuen Bedarfsplanung rund 3000 Niederlassungsmöglichkeiten für Hausärzte, 1350 für Psychotherapeuten und 780 für allgemeine Fachärzte.

Eine entsprechende Richtlinie hat der Gemeinsame Bundesausschuss (GBA) am Donnerstag in Berlin beschlossen. Die Richtlinienänderung soll am 1. Januar 2013 in Kraft treten, vorbehaltlich eines Vetos durch das Bundesgesundheitsministerium.

Große Städte wie Hamburg und Berlin sind für die Niederlassung allerdings auch weiterhin gesperrt. Auch hochspezialisierten Ärzten stehen nicht viele freie Arztsitze zur Verfügung.

Die Zahlen umfassen neu geschaffene und bereits bestehende Arztsitze. Im Vergleich zur bisherigen Planung kommen rund 1000 Hausärzte dazu.

Am meisten profitieren Nordrhein und Westfalen-Lippe. Hier gibt es insgesamt 710 freie Arztsitze, gefolgt von 481 in Niedersachsen und 346 in Baden-Württemberg.

"Die Bedarfsplanung ist kein Instrument, mit dem über Nacht ein neuer Arzt gebacken werden kann", sagte der unparteiische GBA-Vorsitzende Josef Hecken. "Aber die Bedarfsplanung ist schon ein wirksames Steuerungsinstrument."

Von den heute mehr als 150.000 niedergelassenen Ärzten sind laut Kassenärztlicher Bundesvereinigung (KBV) gut 60.000 Hausärzte, 78.000 Fachärzte und rund 17.000 Psychotherapeuten.

Laut KBV gehen jedoch über 40.000 Haus- und Fachärzte in den nächsten Jahren in den Ruhestand. Bereits heute gebe es für Hunderte Praxen keine Nachfolger.

Während vor allem für ländliche Regionen neue Ärzte gewonnen werden sollen, sollen in städtischen Ballungsgebieten mit vielen Medizinern Arztsitze nicht mehr besetzt werden, wenn Ärzte in Rente gehen.

Kritik nicht nur von den Psychotherapeuten

Die neue Planung hält Hecken gemeinsam mit bestehenden finanziellen Anreizen für geeignet, tatsächlich mehr Allgemeinmediziner aufs Land zu bringen - auch wenn sie bisher oft einen weiten Bogen um ländliche Regionen gemacht hätten.

Außerdem ist mit dem GKV-Versorgungsstrukturgesetz die Residenzpflicht gefallen - Niedergelassene müssen nicht mehr zwingend am Ort ihrer Praxis wohnen.

"Hier wird eine klare Perspektive für junge Mediziner aufgezeigt, dass es attraktive Niederlassungsmöglichkeiten gibt", sagte Hecken.

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) begrüßte den Beschluss. "Es freut mich sehr, dass wir dadurch die wohnortnahe Versorgung der Patienten perspektivisch weiter verbessern werden", sagte KBV-Vize Regina Feldmann.

Die Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK) hingegen zeigte sich alarmiert. "Über 6000 psychotherapeutische Praxen sind bedroht", sagte Präsident Professor Rainer Richter der Nachrichtenagentur dpa.

Denn der GBA gehe von veralteten Zahlen aus, nach denen es noch viel weniger Psychotherapeuten gegeben habe, als heute. "Wir sind sehr unzufrieden."

GBA-Chef Hecken widersprach Befürchtungen, die Psychotherapeuten müssten ab Januar reihenweise ihre Praxen dicht machen. "Wenn jemand vom Netz geht, wird nicht nachbesetzt", sagte er. Mehr sei in die neue Richtlinie nicht hineinzuinterpretieren.

Heftige Kritik übte auch der Bundesverband der Verbraucherzentrale. Aus Patientensicht verdiene die Festlegung höchstens die Note vier, sagte deren Gesundheitsexpertin Ilona Köster-Steinebach. "Vernachlässigt werden unter anderem die Bedürfnisse von Kindern, Armen und insbesondere von Menschen mit Behinderungen."

Die Linke-Gesundheitspolitikerin Martina Bunge kritisierte, der GBA habe nur umgesetzt, was Schwarz-Gelb vorgegeben habe. An einem vermurksten System werde festgehalten. "Zufallszahlen werden in ferne Zeiten fortgeschrieben, damit es ja nicht zu Veränderungen kommt."

Johann-Magnus von Stackelberg, Vize-Chef des GKV-Spitzenverbands, mahnte: "Eine bessere Bedarfsplanung alleine schafft keine bessere Versorgung." Wichtig sei es, dass der Hausarzt aufgewertet werde.

Ein Sprecher von Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) betonte, in allen Regionen Deutschlands sollten genügend Ärzte zur Verfügung stehen.

Der gesundheitspolitische Sprecher der Unionsfraktion, Jens Spahn (CDU), begrüßte den GBA-Beschluss "ausdrücklich". "Damit werden die Vorgaben, die wir mit dem Versorgungsgesetz gemacht haben, zeitnah umgesetzt", sagte Spahn in Berlin. (dpa/af)

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