Ärzte Zeitung online, 19.03.2013

Bewertungsausschuss beschließt

Runter mit den Dialysepauschalen!

In zwei Schritten sollen die Pauschalen für die Dialyse abgestuft werden. So will es der Gemeinsame Bewertungsausschuss von Ärzten und Kassen.

Runter mit den Dialysepauschalen!

Die Pauschalen für die Dialyse werden gesenkt.

© Picsfive / shutterstock.com

BERLIN. Die Einzel- und Wochenpauschale für die Dialyse werden gesenkt. Das hat der Gemeinsame Bewertungsausschuss am Dienstag in Berlin beschlossen.

Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) und GKV-Spitzenverband haben sich geeinigt, die Pauschalen zum 1. Juli 2013 zu reduzieren.

Nach Angaben der KBV wird die Absenkung der Wochenpauschalen in der Summe eine Honorarminderung von 100 Millionen Euro bedeuten, das sind 5,7 Prozent dieser Pauschalvergütung. Dabei soll es eine mengenabhängige Abstaffelung geben. Sollten die Wochenpauschalen auch weiterhin die Kosten ausreichend decken, soll die Pauschale zum 1. Januar 2015 erneut abgestuft werden.

Davon ausgenommen ist die Vergütung der Dialyse von Kindern. Dafür können Ärzte vom 1. Juli 2013 an mehr Geld erwarten.

Pauschalen jährlich überprüfen

Ebenso sollen Ärzte bei Betreuungsleistungen besser gestellt werden. Diese werden vom 1. Juli dieses Jahres aus der morbiditätsorientierten Gesamtvergütung ausgeklammert.

Mehr Honorar könnte es auch für präventive Maßnahmen für noch nicht dialysepflichtige Patienten geben. Diese wollen KBV und GKV-Spitzenverband stärken, wie es am Dienstag hieß.

KBV-Vorsitzender Dr. Andreas Köhler bezeichnete den Beschluss als "verantwortungsbewussten Kompromiss". Um künftigen Kostensteigerungen gegensteuern zu können, sollen die Pauschalen jährlich überprüft werden.

Mitte Februar waren Nierenärzte und Patienten gegen die geplante Senkung der Dialysepauschalen Sturm gelaufen.

Im Gespräch war eine Reduzierung um zwölf Prozent. Der Bewertungsausschuss hatte daraufhin den Beschluss auf Mitte März vertagt. (jvb)

[22.03.2013, 10:36:39]
G. Backus 
Verantwortlicher Kompromiss bei Dialysewochenpauschalen
Überschüsse, nun ja. Wer sie bekommt steht aber auf einem ganz anderen Blatt.

Wenn Herr Köhler sagt, dass zukünftigen Kostensteigerungen verantwortlich entgegenwirkt werden soll, muss man sich anschauen, woher denn diese Kostensteigerungen kommen. Dies sind sicher nicht die in den letzten Jahren gestiegenen Mieten, die erheblich gestiegenen Löhne des Pflegepersonals, die unglaublich gestiegenen Strom- und Wasserkosten (18.000 Liter warmes Wasser pro Patient und Jahr), beträchtlich gestiegener Pflegebedarf durch verändertes Patientenklientel etc., da diese sogenannten nichtärztlichen Dialyseleistungen (SGB 5) zu festen Preisen pro Behandlung abgerechnet werden. Die in den letzten Jahren gestiegenen Kosten für die Kostenträger sind alleine durch gestiegene Patientenzahlen hervorgerufen!

Die Rationalisierung (genannt Wirtschaftlichkeitsreserven) hat bei den Nephrologen schon lange angefangen. Das ist auch gut so, denn so konnte den oben genannten Kostensteigerungen überwiegend entgegengewirkt werden. Die es nicht geschafft haben, verkauften ihre Dialyse. Gleichzeitig hat in den letzten Jahren aber auch eine Erweiterung der Dialysekapazitäten begonnen, um Patienten wohnortnah (Einsparung von Fahrtkosten!) oder multimorbide Patienten in Krankenhäusern sicherer zu versorgen. Dies wiederum hat bei den Nephrologen zu Kostensteigerungen geführt, die auch irgendwie aufgefangen werden mussten. Für solche Zentrumsnetze sind die Rationalisierungsreserven jetzt am Ende.

Die Rationierung im Dialysesektor hat bereits vor Jahren eingesetzt. Bezahlt werden nämlich nur 3 Dialysen pro Woche, auch wenn medizinisch 4 oder gar 5 Behandlungen erforderlich sind. Solche Dialysen (und die Kassen können leicht feststellen, dass dies gemacht wird) werden bisher umsonst erbracht. Die Chance für solche Patienten zukünftig die notwendige Versorgungsqualität zu erhalten wird wohl weiter schrumpfen. Die Rationierung der notwendigen Dialysezeit wird wohl auch fortschreiten in Richtung amerikanische Verhältnisse, wo eher kurz dialysiert wird. Rationiert wurde auch bei den ärztliche Honoraren, die durch RLV-Deckelung so beschnitten wurden, dass in bestimmten Regionen von Deutschland nur etwa jede zweite Dialyse ärztlich honoriert wurde und das bei obligat zu erbringenden lebensnotwendigen Maßnahmen. Hier liegt der einzige Lichtblick der Vereinbarung, dass diese Deckelung aufgehoben werden soll. Einzelheiten bleiben abzuwarten.

Die vom Gemeinsamen Bundesausschuss (GBA) bisher gesetzten, von externen Datenanalysten ausgewerteten, Qualitätsansprüche werden, wen wundert’s, just zu dem Zeitpunkt aufgeweicht, wenn die Honorarabsenkung greifen wird. Damit wird der heimlichen Rationierung an Dialysezeit Tür und Tor geöffnet, da nur noch 12 Stunden pro Woche in drei Dialysesitzungen Pflicht sind. Die Ärzte können sich dabei auch noch verantwortungsbewusst auf den GBA berufen, da die Aufsicht führenden Dialysekommissionen deutlich weniger sanktionsbewehrte Daten bekommen werden.

Es ist erstaunlich, dass gerade jetzt der amerikanische Ex-Vorstand von Fresenius in einer renommierten deutschen Zeitung schreibt, dass Fresenius sehr viele Dialysezentren weltweit betreibt, dort selbstverständlich hervorragende Qualität abgeliefert und durch die große Organisation auch noch Wirtschaftlichkeitsreserven genutzt werden können. Damit ist das Signal gesetzt: wir können in die Lücke springen, wenn die unter Druck stehenden deutschen Dialyseärzte am Ende sind. Wer in letzter Zeit genau beobachtet, sieht, dass die Zahl der von Fresenius betriebenen Zentren in Deutschland stetig steigt.

Es ist natürlich so, dass es auch im Interesse des Nephrologen liegt, Geld zu verdienen. Dazu sind in der Dialyse Anfangs- und auch Wiederholungsinvestitionen in einer Größenordnung erforderlich, von denen andere Ärztegruppen keine Vorstellungen haben. Der Nephrologe trägt neben den allgemeinen Behandlungsrisiken auch die Verantwortung für die Risiken dieser Investitionen. Bei der kapitalstarken Gesellschaft Fresenius wird das Investitionsrisiko von den Aktieninhabern getragen und die wollen dieses Risiko durch steigende Kurse und Dividenden vergoldet haben, übrigens ohne dafür am Patienten tätig zu sein.

Jeder Patient muss sich nun fragen, ob in der Dialysebehandlung insgesamt anfallende wirtschafltichen Überschüsse (Honorare) eher dem verantwortlichen Arzt seines Vertrauens oder völlig anonymen Aktionären und Vorständen zufließen sollen. Die für die Honorarzahlung zuständigen Kassen zusammen mit der für die Verteilung zuständigen KBV machen es dem Arzt jedenfalls zunehmend schwer, Geld zu verdienen und immer leichter, sich durch Verkauf der Einrichtung an andere Betreiber (Fresenius steht da nicht alleine in den Startlöchern) ihre Altersvorsorge zu sichern. Die Patienten spielen in diesem Spiel aktuell leider keine Rolle. Diese könnten versuchen, durch politische Einflussnahme den prognostizierten Entwicklungen entgegenzuwirken. Die Patientenverbände sind dazu gut genug aufgestellt. Schaut man sich die Aussagen von Herrn Köhler (Google) aus dem Jahr 2002 an „Dialysevereinbarung: Gegen den industriellen Verdrängungswettbewerb“ soll jetzt anscheinend genau das Gegenteil erreicht werden.

Es bleibt spannend, diese sich seit Jahren abzeichnende Entwicklung zu beobachten.
 zum Beitrag »
[20.03.2013, 15:38:15]
Waldemar Gutknecht 
Runter mit den Dialysepauschalen!
Runter mit den Dialysepauschalen???? Und das bei 40 Mrd. € Überschüssen im diesem System??? Ein zivilisierter Mensch wurde dieses vorhaben, Entschuldigung, mit einer Verarschung gleich setzen.
zeuys

 zum Beitrag »

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text
Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Medikamente auch einmal beherzt absetzen!

Viele Ärzte scheuen sich, Medikamente abzusetzen - obwohl sie wissen, dass dies Patienten oft hilft. Neuseeländische Wissenschaftler haben zwei paradoxe Gründe dafür gefunden. mehr »

Geht's auch etwas modischer in der Klinik?

Unsere Bloggerin Dr. Jessica Eismann-Schweimler hat Verständnis für die Klinik-Kleidungsvorschriften. Doch mit ein klein wenig Fantasie könnte man auch den unvermeidlichen Kasack hübscher gestalten, meint sie. mehr »

Sport im Alter schützt vielleicht vor Demenz

Dass Sport nicht Mord bedeutet, wissen Forscher schon lange. Jetzt haben Alters- und Sportwissenschaftler messen können, wie Sport das Gehirn im Alter verändert. Dient Fitness als Demenzprävention? mehr »