Ärzte Zeitung online, 06.09.2013

Substitutionstherapie

Ärzte gesucht

Ärzte, die sich in der Substitutionstherapie für Drogenabhängige engagieren, warnen vor einem drohenden Versorgungsengpass und mahnen dringend Handlungsbedarf an.

Von Ilse Schlingensiepen

Ärzte gesucht

Methadon-Substitution: In Deutschland versorgen 2700 ambulant tätige Ärzte etwa 80 000 Patienten.

© Klaus Rose

KÖLN. Die Zahl der Patienten in der Substitutionstherapie ist in den vergangenen Jahren gestiegen, die Zahl der substituierenden Ärzte hingegen stagniert, und ihr Altersdurchschnitt ist sehr hoch.

Um mehr hausärztliche Kollegen als Mitstreiter zu gewinnen, hat der Initiativkreis Substitutionstherapie unter dem Motto "Bitte substituieren Sie" eine Informations- und Anzeigenkampagne gestartet.

8000 Ärzte sind qualifiziert

Für die ambulante Versorgung von fast 80.000 Substitutionspatienten stehen zurzeit rund 2700 Ärztinnen und Ärzte zur Verfügung, obwohl mehr als 8000 eine suchttherapeutische Qualifikation haben.

Der Altersdurchschnitt der Ärzte, die Substitution anbieten, liegt bei fast 60 Jahren, sagt Professor Markus Backmund, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Suchtmedizin (DGS) und einer der Gründungsinitiatoren des Initiativkreises, der "Ärzte Zeitung".

"Wenn in den nächsten Jahren vermutlich die Hälfte ausscheiden, bedeutet dies einen Bedarf neuer Substitutionsärzte von circa 2000, insbesondere wenn sie die Substitutionstherapie in der Fläche im Rahmen einer Hausarztpraxis mit durchführen." Mit der Kampagne will der Initiativkreis junge Ärztinnen und Ärzte für die spannende Arbeit in der Substitution interessieren, sagt er.

Federführend im Initiativkreis sind neben der DGS die Deutsche Aids-Hilfe und akzept e.V., der Bundesverband für akzeptierende Drogenarbeit und humane Drogenpolitik. Zu den Unterstützern gehören die Bundesärztekammer, die Drogenbeauftragte der Bundesregierung Mechthild Dyckmans und der Dachverband substituierender Ärzte in Deutschland.

Der Initiativkreis hat unter www.bitte-substituieren-sie.de eine Website freigeschaltet. Ärztekammern und Kassenärztliche Vereinigungen unterstützen die Kampagne mit der Veröffentlichung von Artikeln und Anzeigen. "Wir brauchen Sie, liebe Kollegen", heißt es in den Anzeigen.

Zur Unterstützung von Ärzten, die sich neu engagieren, baut der Initiativkreis Mentorennetzwerke auf. Dort stehen erfahrene Ärzte den Kollegen zur Seite und bieten Hilfe bei konkreten Fragestellungen an. "Wir wollen keine Kampagne von oben, sondern aus der Ärzteschaft selbst heraus getragen eine solide Fortentwicklung und Unterstützung neuer Kollegen", betont Backmund.

Ein interessantes Indikationsgebiet

Die Kampagne soll auch dazu beitragen, innerhalb der Ärzteschaft Vorurteile gegenüber der Substitutionstherapie abzubauen. "Es ist eines unserer Hauptziele, für einen unvoreingenommenen Blick auf eine der erfolgreichsten und herausforderndsten Therapien zu werben", erläutert er.

Die Substitutionstherapie sei ein interessantes Indikationsgebiet, mit dem viel zu erreichen ist. Backmund nennt dabei hervorragende Behandlungserfolge, die Senkung der Mortalitätsrate, die Vermeidung von HIV- und Hepatitisinfektionen und die Arbeit mit anspruchsvollen, multimorbiden Patienten.

Außerdem sei die Substitutionstherapie eine ethisch und gesellschaftlich wertvolle Arbeit. "Auch wirtschaftlich zahlt sich Substitutionstherapie aus - volkswirtschaftlich und betriebswirtschaftlich", betont er.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Werbung für die Substitution

[08.09.2013, 19:30:18]
Dr. Friedrich H. Methfessel 
Erst muss die Politik die Hausaufgaben machen!
Auch ich habe mit Engagement die Methadonsubstitution durchgeführt.

Bis die Ärztekammer Niedersachsen ohne Vorwarnung die Staatsanwaltschaft auf den Gros der Methadonärzte in Niedersachsen angesetzt hat. Wegen der idiotischen Take-home Regelung.
Ich war auch dabei (Verfahren wurde eingestellt). Aber die Bitterkeit bleibt: Also macht ihr Funktionäre eueren Kram alleine. Nicht mit mir! Sucht nach Ärzten deren Idealismus derart hoch ist, dass sie Kopf, Kragen und Existenz dafür riskieren.

Take home Regelung:
Wenn der Arzt das Mittel aus den eigenen Beständen einfach so mitgibt, macht er sich strafbar. "Allerdings mag es Notfälle geben, wo man auch für eine Take-Home-Regelung ohne Verordnung Verständnis haben könnte", meint Scholz.
Die Methadon substituierenden Ärzte brauchen nicht 'Verständnis', sondern eine vernünftige, machbare Regelung, die den alltäglichen Umgang mit Drogenabhängigen -insbesondere auf dem Land- vereinfacht und gleichzeitig die Ärzte in ihrer Existenz schützt.

"Der Prozess um den Methadon-Arzt aus Lüneburg zeigt erneut, dass es offenbar eine Grauzone gibt: Trotz des Verbotes geben substituierende Ärzte ihren Patienten Methadon für mehr als einen Tag ohne Rezept mit."
Dann schafft eben die veraltete und obstruse Regelung ab!

Die Take home Regelung ist mehr als richtig, wenn man einen Patienten z.T. jahrelang begleitet und die Selbstverantwortlichkeit stärken und prüfen will. Für mich ist es ist ein Teil eines erfolgreichen Therapiekonzeptes.



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