Ärzte Zeitung, 13.09.2013

Pädiater

Kinderrechte ins Grundgesetz!

Kinder- und Jugendärzte fordern angesichts der alternden Bevölkerung, die Rechte von Kindern eigens im Grundgesetz zu verankern. Nötig sei auch ein Kinderbeauftragter.

Von Raimund Schmid

DÜSSELDORF. Kinder- und Jugendärzte wollen sich dafür stark machen, die Anliegen und Rechte von Kindern mehr in Politik und Gesellschaft zu verankern, hieß es am Donnerstag zur Eröffnung des Kinder- und Jugendärztekongresses in Düsseldorf, an dem rund 3000 Kinder und Jugendärzte teilnehmen.

Um angesichts von immer weniger Kindern die Generationengerechtigkeit zu erhalten, müssten deren Rechte auch in der Verfassung und in der Gesetzgebung verankert werden.

Anderenfalls drohe die Gefahr, dass die Belange von Kindern zu wenig Beachtung finden, fürchtet Dr. Ulrike Horacek, Präsidentin der gleichzeitig stattfindenden Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Sozialpädiatrie und Jugendmedizin (DGSPJ).

Ungleiche Verteilung von Risiken und Ressourcen

Schon gegenwärtig seien viele Kinder in Deutschland - bedingt durch eine ungleiche Verteilung der Risiken und Ressourcen - benachteiligt.

Jedes siebte Kind habe keine Chance, in der frühen Kindheit eine verlässliche Beziehung zu einer Bezugsperson aufzubauen. Schlechte Perspektiven haben nach Angaben von Horacek auch die 70.000 Kinder, die jedes Jahr ohne Abschluss die Schule verlassen.

Um die Rechte von Kindern besser zu verankern, forderte die DGSPJ in Abstimmung mit fünf weiteren beim Kongress vertretenen Fachgesellschaften:

› Einführung eines neuen Artikels 2a im Grundgesetz, der die Rechte auf Förderung und Beteiligung sowie die Beachtung von Kinderbewusstsein bei allem staatlichen Handeln klar festschreibt.

› Einsatz eines Kinderbeauftragten im Bundestag mit Verfassungsrang und ausreichenden Kompetenzen analog dem Wehrbeauftragten.

› Prüfung aller Gesetzesvorhaben und Verwaltungsvorgänge auf Auswirkungen, um zu wissen, wie sich diese auf die Lebens- und Entwicklungsbedingungen von (kranken) Kindern auswirken.

Appell: Pädiater sollen sich mehr mit neuen Medien auseinandersetzen

Eine Messlatte für das Kindeswohl in einer Gesellschaft sei zudem die qualitativ gute Betreuung von unter dreijährigen Kindern in Kindertageseinrichtungen. Diese ist aus Sicht der Pädiater unzureichend, da qualifizierte Erzieherinnen fehlten.

Privatdozent Dr. Thomas Meissner wies darauf hin, dass sich Kinder- und Jugendärzte stärker mit neuen Medien und virtuellen Welten von Jugendlichen auseinandersetzen müssten. Junge Menschen verbrächten jeden Tag durchschnittlich fünf Stunden vor dem Computer, insbesondere Facebook präge die Lebenswelt von Kindern immer stärker.

Die Folgen für die Entwicklung von Kindern sind nach Ansicht Meissners aus medizinischer und gesundheitlicher Sicht noch weitgehend "unklar."

Für ein gesundes Aufwachsen von Kindern auch aus benachteiligten Familien fordern Jugendmediziner ein frühes Eingreifen durch ein multiprofessionelles Team. Als Anlaufstelle sollten Familienhebammen, Kinderkrankenschwestern und Mitarbeiter des Jugendamtes feste Sprechstunden in Kinderarztpraxen abhalten.

Dieses Konzept empfahl der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ), Professor Norbert Wagner.

So könne man sozial bedingte Entwicklungsstörungen oder Verhaltensauffälligkeiten früh erkennen und Hilfe in die Wege leiten. Die Kompetenz der Eltern mit sozial schwachem oder bildungsfernem Hintergrund sollte auch mit Seminaren möglichst in der Kinderarztpraxis gestärkt werden, empfahl Wagner (mit Material von dpa).

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