Ärzte Zeitung online, 08.10.2013

Nephrologen

Riesige Wut auf Köhler

Die Absenkung der Sachkostenpauschale für Dialysen war für die Nephrologen ein herber Schlag. Sie fühlen sich von der KBV verraten. Ihr Feindbild hat einen Namen: KBV-Chef Andreas Köhler.

Von Denis Nößler

Riesige Wut auf die KBV

Die Wut der Nephrologen entlädt sich gegen KBV-Chef Dr. Andres Köhler.

© Frank-Michael Preuss

BERLIN. Sie sind stinksauer, wutgeladen und auch ein bisschen frustriert. Die Absenkung der Dialyse-Sachkostenpauschale seit dem 1. Juli hat die Nephrologen schwer getroffen.

Sie fühlen sich verraten von der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), allein gelassen von ihren Kollegen aus anderen Fächern und missverstanden von der Öffentlichkeit. Jetzt haben sie Angst, dass die erste Absenkung nur der Anfang war und weitere folgen.

Auf der 5. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Nephrologie (DGfN) am Montag in Berlin konnte man zeitweise das Gefühl bekommen, der Niedergang des Abendlandes stehe bevor.

Doch sie wollen kämpfen, die Nierenärzte - gegen weitere Einschnitte, für mehr Anerkennung und Verständnis ihrem Fach gegenüber. Eine geballte Lobbyarbeit in ihrem Namen soll es richten.

Nephrologen haben Wut auf Köhler

Ihre geballte Wut entlädt sich derweil gegen KBV-Chef Dr. Andreas Köhler. Der war erst gar nicht gekommen, trotz Einladung. Auch aus der Politik wollte niemand teilnehmen. Derzeit hat das politische Berlin andere Sorgen. So saßen auf dem Podium letztlich nur Nephrologen.

DGfN-Präsident Professor Reinhard Brunkhorst aus Hannover bezeichnet die Absenkung als einen "Akt der Willkür" und als "Meisterleistung der KBV voll auf unserem Rücken".

Damit spielte er darauf an, dass die Nephrologen aus ihrer Sicht gar nicht bis nicht ausreichend in die Verhandlungen zwischen Kassen und KBV einbezogen wurden. Auch vermuten sie, dass das Einsparvolumen von rund 100 Millionen Euro jährlich bereits im Vorfeld festgestanden haben muss.

Geplant ist zudem eine weitere Absenkung zum 1. Januar 2015, die allerdings an jährliche Prüfungen geknüpft ist. Brunkhorst warnt eindringlich davor: "Wenn die zweite Stufe kommt, ist die Nephrologie in der Existenz bedroht."

Der Vorstandsvorsitzende des Verbandes Deutscher Nierenzentren (DN), Dr. Michael Daschner, griff KBV und Kassen mit scharfen Worten an: "Die KBV und GKV haben hier eine Macht, die demokratisch nicht legitimiert ist."

Allerdings gaben andere Podiumsteilnehmer zu bedenken, dass der KBV-Chef selbst von den niedergelassenen Ärzten gewählt wurde.

Zur Erinnerung: Der Bewertungsausschuss hatte im Frühjahr die Pauschalen aus dem EBM-Kapitel 40.14 neu bewertet. Statt wie bisher rund 520 Euro pro Patient und Woche erhalten die Nierenärzte für Hämodialysepatienten ab 18 künftig nur noch 485,80 Euro.

Die Ziffer 40823 ist allerdings gestaffelt, der Betrag reduziert sich mit der Zahl der abgerechneten Behandlungswochen auf bis zu 398 Euro.

Für Patienten unter 18 Jahren wurde die Sachkostenpauschale erhöht. Für Hämodialysen (Ziffer 40815) erhalten die Ärzte 627 Euro pro Dialyse ohne Mengenbegrenzung, für Peritonealdialysen (Ziffer 40816) 830 Euro pro Woche. Mit der Pauschale sollen Ausgaben für Verbrauchsmaterialien, Wasser, Strom, Entsorgung und ähnliches finanziert werden.

Ärger über interpretationswürdige Zahlen in der Presse

Besonders sauer stößt den Ärzten auf, dass im Vorfeld der ersten Verhandlungen "interpretationswürdige Zahlen in der Presse auftauchten" (Brunkhorst). Gemeint sind damit die Praxiseinnahmen und Überschüsse. Tatsächlich zählen die Nephrologen nach den Honorarberichten der KBV zu den niedergelassenen Ärzten mit den höchsten GKV-Einnahmen.

Im ersten Quartal 2012 haben Nephrologen demnach einen Arztumsatz von 226.926 Euro erzielt, bei durchschnittlichen Einnahmen pro Fall von 848,25 Euro. Internisten erzielten im Durchschnitt 107.583 Euro Umsatz bei 135,23 Euro pro Fall.

Auch beim Überschuss haben sie deutlich die Nase vorn. Im ersten Halbjahr 2011 haben Nephrologen laut KBV-Daten mit 127.016 Euro das Feld deutlich angeführt, gefolgt von den Hämatologen und Onkologen mit rund 92.000 Euro.

Aber die Nephrologen wehren sich vehement gegen die Behauptung, sie seien die Spitzenverdiener in der Ärzteschaft. Tatsächlich geben die KBV-Zahlen lediglich Einnahmen und Überschüsse an. Von Einkommen kann freilich keine Rede sein.

Rücklagen müssen gebildet, Investitionen bezahlt und letztlich auch das Praxispersonal bezahlt werden. Für Brunkhorst war die Veröffentlichung der Arztgehälter deswegen "sicherlich kein zufälliger Zusammenhang".

"Willkürliche" Absenkung

Auch DN-Vorstand Daschner bezeichnete die Absenkung als "willkürlich". Er warnte davor, dass irgendwann Zentren geschlossen werden müssten, es zu einem Rückzug aus der Fläche kommen und die Qualität der Dialyseversorgung leiden werde. "Wir müssen sehen, wo wir sparen." Und er pflichtete Brunkhorst bei: "Wenn so ein wichtiger Teil der Nephrologie stirbt, stirbt irgendwann das Fach."

Der Vorstand des Kuratoriums für Dialyse und Nierentransplantation (KfH) Professor Dieter Bach warnte vor einem Dominoeffekt. "Eine weitere Absenkung führt zur deutlichen Existenzbedrohung vieler Bereiche. Das lässt alle zu Schaden kommen."

Er verwies darauf, dass die Dialyse mehr als nur die Blutwäsche ist. "Das ist ein personenintensives Geschehen. Wir versorgen Menschen mit Menschen." Dazu zählten auch Pflege, Ernährungsberatung, soziale Betreuung. "Die Dialyse ist für viele Patienten das Sozialsystem."

Auch Dr. Thomas Weinreich vom DGfN-Vorstand warnte davor, dass die Absenkung auf kurz oder lang "durchgereicht" werde: "Merken werden es die Patienten." Schlimmstenfalls werde auch die Bereitschaft junger Kollegen sinken, das Risiko einer Niederlassung auf sich zu nehmen.

Auch Professor Jürgen Floege aus Aachen, ebenfalls im DGfN-Vorstand, warnte vor einer sinkenden Attraktivität der Nephrologie: "In den USA ist die Nephrologie auf dem letzten Platz der Beliebtheitsskala der internistischen Fächer, noch hinter der Gerontologie."

Und ähnlich könnte es auch der Fachpflege ergehen, wenn etwa Routinedialysen aus Rationierungsgründen in die Abendstunden verlagert würden.

Dann müssten sich Pflegekräfte laut Floege künftig anhören: "Wer in die Dialyse geht, ist selber Schuld, der muss zu unschönen Stunden arbeiten." Und so werde "ganz langsam" auch der Berufsstand in der Pflege unattraktiv.

Fehlen Praxen, schließen "Industrieunternehmen" die Lücke

Eine weitere Gefahr sehen die Nierenärzte in der sich wandelnden Versorgungslandschaft. Wenn Praxen und Nierenzentren schließen müssten, der Nachwuchs ausbleibe, würden "Industrieunternehmen" die Lücke schließen. Gemeint ist etwa Fresenius.

Das Unternehmen ist nicht nur Weltmarktführer bei Dialysegeräten und -produkten, sondern betreibt hierzulande mit HELIOS auch rund 30 eigene MVZ. Weinreich: "Die Art der Anbieter im Markt wird sich verändern."

Und Brunkhorst verweist darauf, dass große Versorgerketten womöglich zuerst bei den Stellen für Sozialarbeiter oder Ernährungsberater sparen werden: "Industrieanbieter werden Dinge wegfallen lassen, die kein Geld bringen. So wird es sein."

Das könne man den "Herrschaften" auch nicht vorwerfen. Aber: "Wenn wir eine Monopolisierung bekommen, wird es nicht billiger werden."

Mit Gutachten gegen die Einkommens-"Mythen"

Doch die Nierenärzte wollen sich wehren. Sie wollen ein neues Gutachten vorlegen - wann, das ist noch nicht klar -, in dem sie mit den "Mythen" über ihr Einkommen aufräumen wollen, mit "echten Zahlen, wahren Zahlen" (Brunkhorst). In der KBV wollen sie den Druck erhöhen, über die Kollegen in der Vertreterversammlung.

Auch in Politik und Öffentlichkeit wollen sie gezielt für sich werben, zeigen, was Nephrologie alles noch mehr als als die vermeintlich rein technische Prozedur der Dialyse.

Nephrologen wollen zeigen, was sie etwa in der EHEC-Epidemie vor zwei Jahren geleistet habe. Und sie wollen zeigen, dass sie, wie DGfN-Präsident Brunkhorst es nennt, "hausärztlich tätig sind", ihre Patienten also umfassend betreuen.

Oder wie DN-Vorstand Daschner es nennt, nämlich dass die Nephrologen eine Facharztgruppe seien, "die Dialyse verhindern kann". Daschner: "Das kann kein Industrieunternehmen."

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