Ärzte Zeitung, 02.01.2014

Arztzahlen verdoppelt

Neurologie - die Spezialität für Detektive

Neurologie und Psychiatrie sind stark wachsende Disziplinen. Die Arztzahlen haben sich binnen zwölf Jahren mehr als verdoppelt. Der Trend geht eindeutig in die ambulante Medizin - mit Folgen für die Weiterbildung.

Von Ilse Schlingensiepen

KÖLN. Nach der Famulatur in einer Klinik mit Parkinsonspezialisierung stand für Christiana Ossig fest: Die Neurologie ist ihr Ding.

"Es ist ein tolles Fach mit viel Potenzial", sagt die Sprecherin der "Jungen Neurologen", der Nachwuchsorganisation der Deutschen Gesellschaft für Neurologie. Die 31-Jährige hat ihre Promotion in der Neuroanatomie absolviert und arbeitet jetzt am Klinikum Carl Gustav Carus der TU Dresden.

Die "Jungen Neurologen" sind seit rund sechs Jahren aktiv. Sie wollen angehende Ärzte für das Fach begeistern und Nachwuchskräfte unterstützen. Das Interesse sei groß, berichtet Ossig.

Allerdings gelte das Fach unter Medizinern als besonders schwierig. "Es heißt, das ist etwas für die besonders Schlauen." Außerdem geistere in vielen Köpfen noch der Mythos, dass die Neurologie ein rein diagnostisches Fach sei, in dem die Ärzte kaum therapieren können.

Nachwuchs: 63 Prozent Frauen

Mit solchen Vorurteilen wollen Ossig und ihre Mitstreiter aufräumen. Die Neurologie sei etwas für Leute, die gern tüfteln und aus den einzelnen Symptomen ein großes Gesamtbild erarbeiten, sagt sie. "Die Neurologie ist das Fach für diejenigen, die gern Detektive sind."

Nach Angaben des Deutschen Instituts für Qualität in der Neurologie hat sich die Zahl der Fachärzte für Neurologie von 2226 im Jahr 2000 auf 5370 im vergangenen Jahr mehr als verdoppelt.

Die Neurologie gehört damit zu den am stärksten wachsenden Fächern. Um eine adäquate Versorgung sicherzustellen, müssten dennoch jedes Jahr 200 Neurologen mehr ausgebildet werden.

Mehr als ein Drittel der Neurologen sind Frauen, bei den unter 35-Jährigen sind es jedoch inzwischen 63 Prozent. In den Führungspositionen in den Kliniken sitzen jedoch fast ausschließlich die männlichen Kollegen.

"In der Neurologie haben wir aufgrund der demografischen Entwicklung und des medizinischen Fortschritts einen steigenden Versorgungsbedarf", sagt Dr. Uwe Meier, der Vorsitzende des Berufsverbands Deutscher Neurologen.

Es gibt viele neue Behandlungsmöglichkeiten und medizinische Versorgungsangebote. "Die Attraktivität des Fachs wächst."

Reform der Weiterbildung

Damit die Neurologen auch in Zukunft den steigenden Herausforderungen gerecht werden können, haben die Fachgesellschaft und der Berufsverband ein Konzept für die Verlängerung der Weiterbildung von fünf auf sechs Jahre erarbeitet und der Bundesärztekammer vorgelegt. Die verlängerte Weiterbildung ermöglicht es, verstärkt geriatrische und neuropsychologische Inhalte aufzunehmen.

Die Inhalte der Weiterbildung müssten die geänderten Versorgungsstrukturen widerspiegeln. Durch die Leistungsverdichtung in den Kliniken hat es dort eine Konzentration auf schwer Kranke gegeben, gleichzeitig haben die Liegezeiten abgenommen.

Viele Patienten, die früher stationär versorgt wurden, werden jetzt von den niedergelassenen Neurologen betreut. "Es gibt eine Verschiebung im Krankheitsspektrum, das die Ärzte in den Kliniken sehen."

Die ambulante Neurologie muss deshalb einen größeren Stellenwert in der Weiterbildung erhalten, betont Meier. "Angehende Neurologen müssen die Chance haben, das gesamte Spektrum kennenzulernen." Die Anstellung von Weiterbildungsassistenten in den Praxen soll von den Krankenkassen gegenfinanziert werden, fordert er.

Mit der Beschäftigung von Assistenten können niedergelassene Neurologen dem gestiegenen Versorgungsbedarf besser gerecht werden und die Wartezeiten verkürzen.

Ein Wehrmutstropfen

Auch die Psychiatrie erfreut sich bei Studenten wachsender Beliebtheit, berichtet Dr. Christa Roth-Sackenheim, Vorsitzende des Berufsverbands Deutscher Psychiater. Von 2000 bis 2012 stieg die Zahl der Fachärzte für Psychiatrie und Psychotherapie von 5145 auf 10.575.

Wegen des hohen Durchschnittsalters der Psychiater sei es bereits eine Herausforderung, die Kopfzahl zu halten, sagt sie. Mit der "Jungen Akademie" hat die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde ebenfalls eine Nachwuchsinitiative gestartet.

Mit den vielseitigen Aspekten des Fachs und guten Weiterbildungs- und Unterstützungsangeboten können die angehenden Ärzte begeistert werden, so Roth-Sackenheim.

Es gibt einen Wermutstropfen: "Wir sind die Fachgruppe, die am wenigsten verdient." Das könnte den Nachwuchs abschrecken.

Weitere Beiträge zur Serie:
"ZNS-Versorgung"

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