Ärzte Zeitung App, 18.03.2014

Ungewöhnliche Idee

Pseudoziffer für dringliche Überweisung

Patienten sollen innerhalb von vier Wochen einen Termin beim Facharzt erhalten, so fordert es die große Koalition. Ärzte wehren sich gegen dieses Vorhaben. In Thüringen sollen Ärzte nun Pseudoziffern für akut oder dringlich überwiesene Patienten ausweisen, damit die KV Daten zur Diskussionsgrundlage erhält.

Pseudoziffern bei schneller Überweisung

Wer sich aktiv für die vorrangige Behandlung eines Patienten beim Facharzt einsetzt, soll das mit einer Pseudoziffer abrechnen.

© seen / fotolia.com

ERFURT. Die KV Thüringen reagiert mit einer ungewöhnlichen Idee auf die Kritik an zu langen Wartezeiten: Alle niedergelassenen Ärzte in Thüringen sollen nun ihren Mehraufwand für "akut" und "dringlich" überwiesene Patienten in ihrer Abrechnung über Pseudoziffern ausweisen, erklärt KV-Vize Thomas Schröter.

Damit will die KV reale Versorgungsdaten erhalten, die sie in den Verhandlungen mit den Krankenkassen vorbringen kann.

Konkret bedeutet dies, dass überweisende Ärzte, also meist Hausärzte, eine Pseudo-Nummer aufschreiben sollen, wenn sie sich aktiv für die vorrangige Behandlung eines Patienten beim Facharzt eingesetzt haben - etwa durch ein Telefonat oder Übermittlung zusätzlicher Daten.

Auch die Fachärzte auf der anderen Seite sollen den eingeschobenen Patienten über eine Pseudo-GOP dokumentieren.

Hintergrund der Aktion ist die Forderung der Bundesregierung, Terminservicestellen bei den KVen einzurichten und Facharzttermine binnen vier Wochen zur Verfügung zu stellen. Für KV-Vize Schröter beruht die Forderung auf "Ahnungslosigkeit, gepaart mit Ideologie".

Das Haupthindernis für eine bessere Versorgung sei die Budgetierung. Es gebe wahrscheinlich noch Kapazitäten bei vielen Ärzten, die bei Vollfinanzierung der Leistungen freigesetzt werden könnten. Stattdessen wichen sie jedoch auf besser bezahlte Tätigkeiten aus, etwa individuelle Gesundheitsleistungen, Konsiliarverträge mit Krankenhäusern oder Gutachtertätigkeiten.

KV: Budgetierung ist Ursache für Engpässe

"Jede Verbesserung des Terminmanagements wird die gesetzlichen Krankenkassen zusätzlich Geld kosten", sagt Thomas Schröter. Er verweist auf das "eindrucksvolle Beispiel" der Augenärzte in Thüringen: Wo aufgrund einer drohenden Unterversorgung der Budgetdeckel gelüftet wurde, gebe es keine Wartezeitenprobleme.

In statistisch gut versorgten Regionen wie Suhl oder Gera hingegen häuften sich die Beschwerden von Patienten.

"Man muss schon sehr ignorant sein, um nicht zu erkennen, dass nur die Budgetlockerung und nicht die Krankenhausöffnung das Problem an seiner Wurzel packen könnte", so Schröter.

Zumal auch viele Kliniken händeringend nach Spezialisten suchten. Da sei die Politik wohl auf "vollmundige Behauptungen von Lobbyisten großer Klinikkonzerne" hereingefallen. Es sei populistisch, bundesweit einen "Luxustermin" innerhalb von vier Wochen zu realisieren.

"Von einer überlasteten Facharztpraxis im Eichsfeld oder Thüringer Wald kann doch nicht der gleiche Terminkomfort gefordert werden wie im Stadtzentrum von Berlin oder München", empört sich Schröter.

"Systemversagen wäre programmiert"

Mit Sorge beobachte die KV auch Vorschläge, die niedergelassenen Ärzte finanziell in Haftung zu nehmen, wenn Krankenhäuser an ihrer Stelle Termine übernehmen. "Dann wäre das Systemversagen programmiert", sagt Schröter.

Das Honorarbudget sei doch gerade als Instrument zur Angebotsverknappung eingeführt worden. Und nun drohe auch noch eine "Hungerkur für Unterernährte". Sollte dies so kommen, sei der Sicherstellungsauftrag der KVen nicht mehr erfüllbar, so Schröter.

Der Hartmannbund Thüringen kritisiert die Pläne zur Einführung von Pseudoziffern für schnellere Facharzttermine "als Kapitulation vor dem Feind". Vize-Landeschef Jörg Müller: "Die Schaffung von Pseudoziffern wird auf der Kassenseite keinen Druck, sondern nur ein müdes Schulterzucken erzeugen. Für uns Ärzte würde dies hingegen zu noch mehr Bürokratie und weniger Zeit für unsere Patienten führen."

Es ändere auch nichts daran, dass die Kapazitäten der praktizierenden Ärzte längst ausgereizt sind.

Thüringens Ärzte versorgten schon heute im Durchschnitt ein Drittel mehr Patienten als in den alten Bundesländern. Notwendig seien feste und angemessene Honorare. Müller weiter: "Pseudoziffern sind Pseudo-Lösungen." (rbü)

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