Ärzte Zeitung App, 19.08.2014

Gastbeitrag

Gröhes Symbolpolitik kostet Patienten die freie Arztwahl

Die Diskussion um die Wartezeiten ist für den FDP-Vorsitzenden Christian Lindner ein Vorbote zum Ende der freien Arztwahl, wie er in einem Gastbeitrag schreibt. Die möglichen Terminservicestellen könnten Ärzte zuteilen - ohne dass der Patient eine Wahl hätte.

Von Christian Lindner

Gröhes Symbolpolitik kostet Patienten die freie Arztwahl

Die freie Wahl des Arztes ist ein Grundprinzip des deutschen Gesundheitswesen - der FDP-Vorsitzende sieht es in Gefahr.

© Alexander Raths / fotolia.com

Manchmal klingen die Vorschläge der Regierungskoalition ja durchaus logisch und patientenfreundlich - allerdings stellen sie sich gerade in der Gesundheitspolitik als Sirenengesänge heraus. So auch bei der immer heftiger in den öffentlichen Fokus geratenen Wartezeitendiskussion.

Es klingt sehr gut und patientenfreundlich, dass die Versicherten nicht länger als vier Wochen auf einen Facharzttermin warten sollen - das ist ein durchaus begrüßenswertes Ziel. Allerdings sollte man hier zu dem Projekt der großen Koalition die entscheidenden Fragen zum Hintergrund stellen.

Christian Lindner

Der Autor ist der amtierende FDP-Vorsitzende Christian Lindner. Der Beitrag stellt seine persönliche Meinung dar.

Zum einen zeigt eine Befragung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) bei über 6000 Patienten, dass das Thema Wartezeiten für einen Großteil der Patienten kein wirkliches ist. Es wurde im Rahmen der ideologisch geprägten Diskussion um die Bürgerversicherung von interessierten Kreisen aufgebauscht.

Sehr viele der Befragten hielten die Wartezeit für vertretbar. Zum anderen bezweifeln die meisten Patienten auch, dass die vom Bundesgesundheitsminister beabsichtigte Zwangsbewirtschaftung von fachärztlichen Terminen ein adäquates Mittel zur Bekämpfung der Terminmisere ist.

Die Ruderer sind erschöpft

Was aber resultiert aus einem zentralisierten Terminmanagement, wie es von den Kassenärztlichen Vereinigungen organisiert werden soll, denn wirklich für die Patienten? Ist dieses Konstrukt wirklich sinnvoll, um die Patientenbetreuung effizienter zu gestalten? Oder ist das nur Augenwischerei und Symbolpolitik, die eigentlich nichts an dem eigentlichen Problem verändert?

Das wesentliche Problem ist, dass nicht mehr genügend Behandlungszeit bei Fachärzten zur Verfügung steht. Die Ursachen dürften mannigfaltig sein und vor allem in dem allseits wahrnehmbaren Ärztemangel bei Haus- und auch Fachärzten gipfeln.

Da ändert es auch nichts, wenn der Antreiber versucht, die Schlagzahl zu erhöhen, wenn die Reserven der Ruderer erschöpft sind. Das haben aber auch inzwischen viele Patienten erkannt, wie Leserkommentare zu diesem Thema in den einschlägigen Medien beweisen.

Aus liberaler Sicht bedenklicher für die Patienten ist der hinterhältige Angriff auf die freie Arztwahl, die hinter diesem Gesetzesvorhaben steckt. Die Verantwortlichen verschweigen, dass der Patient nur ein Anrecht auf diese schnelle Terminvermittlung hat, wenn die medizinische Indikation - zum Beispiel durch den Hausarzt gestellt - stimmt.

Der Patient muss sich zuvor selbst um einen Termin bemüht haben, bis er sich dem bürokratischen Prozedere der Terminservicestelle unterwerfen kann, um schließlich an einen vielleicht auch weit entfernten Arzt oder eine Klinik verwiesen zu werden.

Mit "Beauftragung" endet die freie Arztwahl

Das Kernproblem ist, dass der Patient eben nicht den Termin bei dem Facharzt seines Vertrauens oder seiner Wahl erhält, sondern mit der "Beauftragung" der Terminservicestelle seine freie Arztwahl aufgibt.

Für einen freiheitlich denkenden Menschen ist es aber ein hohes Gut, dass ich mir meinen Arzt selbst aussuchen darf, weil dieses Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient die Qualität unseres Gesundheitssystems ausmacht.

Und dieses Bürgerrecht muss aus Sicht der FDP im Interesse der Patienten verteidigt werden.

[19.08.2014, 18:32:44]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Heiße Luft aus dem Heißluftballon
Ein Heißluftballon muss notlanden und stürzt auf freiem Feld ab: Der Ballon-Pilot steht unter Schock, mehrere Verletze liegen und krümmen sich, sitzen herum und stöhnen vor Schmerzen. Zufällig kommen in ihren Dienstwagen verschiedene Minister vorbei.

Der Bundes-Justizminister, typisch Jurist, herrscht den kaum ansprechbaren Ballonfahrer vorwurfsvoll an: "Wie konnten Sie hier überhaupt landen, Sie wissen doch, dass das hier streng verboten ist!"

Der Bundes-Gesundheitsminister murmelt etwas von der dringenden Notwendigkeit, hier eine "Terminvergabe-Stelle" für bevorzugt ambulante Facharzt-Behandlungen einzurichten, um problemloser Krankenhausbetten einsparen zu können.

Der Bundes-Außenminister beruft einen Krisenstab und eine Hotline für Journalisten ein, weil möglicherweise internationale Lufthohheits-Interessen verletzt worden seien, und er sich als erfolgreicher Krisenmanager bestätigt wissen will.

Der Bundes-Innenminister schließt vorschnell einen terroristischen oder ausländerfeindlichen Hintergrund aus, obwohl der Ballonkorb aus sibirischer Weide geflochten bzw. die Ballonhülle aus chinesischer Ballonseide gefertigt sind.

Die Bundesverteidigungsministerin spricht mit ernster Miene von einem möglichen Militärschlag einer ihr noch völlig unbekannten Splittergruppe, die damit die Ballonhülle aufgeschlitzt haben könnte.

Die Bundesarbeitsministerin ruft zur Beachtung des Mindestlohns bei der Bezahlung der freiwilligen Helfer auf.

Und während noch zahlreiche Ärztinnen und Ärzte in ihren Oberklasse-Limousinen (kleiner als die Minister-Fahrzeuge) heraneilen, die ihre Praxistätigkeit wegen des Katastrophenfalls unterbrechen und ihre Patienten mit Zivilisationskrankheiten völlig unzumutbar lange warten lassen, um Erste Hilfe zu leisten. Während Feuerwehren, Rettungsdienste und das THW aus der nahen Stadt mit Blaulicht und Martinshorn anrücken und ein improvisiertes Feldlazarett aufgebaut wird, kommt - welch ein Zufall - der Chef der derzeitigen außerparlamentarischen Opposition, FDP-Vorsitzender Christian Lindner, hinzu und gewährt der Ärzte Zeitung ein Interview:

Er erklärt, dass hier im Gegensatz zu liberalen Parteigrundsätzen, die „Freie Arztwahl“ in völlig unangemessener Weise eingeschränkt oder gar aufgehoben sei, die Einholung einer Zweitmeinung unterdrückt und die Zwangsbewirtschaftung von fachärztlichen Terminen initiiert werde. Dass das aber alles angesichts der Vertragsarzthonorare mit Budgetierung und Regressrisiko nur der heißen Luft entspricht, die kurz zuvor dem Heißluftballon entwichen ist, darüber wird kein Wort verloren.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
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[19.08.2014, 08:46:32]
Cordula Molz 
Wie kann man nur auf so eine Idee kommen?
Mal ganz praktisch durchdacht: hätte man auch noch Anspruch auf einen Termin bei einem selbst gewählten Arzt, dann "dürfte" dieser im Extremfall, wenn ihm sein Kalender auf diese Weise zwangsweise gefüllt wird, seine Patienten noch schneller "durchschleusen" oder 24 Stunden arbeiten.
Die ganze Idee ist eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für die Terminservicestelle. Hört sich nach Aktionismus an, wo gar kein akuter Bedarf besteht.
Das Gesundheitssystem hat genug Probleme, da muss man nicht noch eins dazu erfinden. zum Beitrag »
[19.08.2014, 07:54:08]
Carsten Windt 
Nichts anderes haben die "Verbraucherschützer" gefordert
Alle jubeln! Der Verbraucherschutz hat sich durchgesetzt!
Ok wir opfern eines der Grundrechte unseres Gesundheitssystem, nämlich die Behandlung durch den Arzt des Vertrauens. Aber wen kümmert das. Hauptsache keine Wartezeiten.

Das hat Gröhe richtig gemacht.

Das Hauptproblem, zuwenig (Fach)ärzte, kann er eh nicht lösen. Jedenfalls nicht kurzfristig. zum Beitrag »

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