Ärzte Zeitung, 24.09.2014

Psychotherapeuten

Straßen-Demo für mehr Honorar

Die Psychotherapeuten fühlen sich im Vergleich mit anderen Arztgruppen schlecht bezahlt. Jetzt fordern sie eine Nachzahlung auf ihre Honorare - und gehen dafür auf die Straße.

Von Susanne Werner

BERLIN. Die Psychotherapeuten sind verärgert. Nach wie vor sind sie bei den Ärztehonoraren die Schlusslichter. Jetzt wollen die Berufsverbände um mehr Geld aus dem Honorartopf kämpfen und rufen zu einer Demo am 25. September in Berlin auf.

Grundsätzlich gilt: Psychotherapeuten müssen so honoriert werden, dass ihr Einkommen mit dem vergleichbarer Arztgruppen Schritt halten kann.

So hat es das Bundessozialgericht vor gut 15 Jahren festgeschrieben. In der Praxis aber fühlen sich die Psychotherapeuten innerhalb der Ärzteschaft schlecht behandelt - und vor allem schlecht bezahlt.

Aktuell empört sie die "Untätigkeit" des paritätisch von Kassen und Kassenärztlicher Bundesvereinigung (KBV) besetzten Bewertungsausschusses. Dieser habe zum 30. Juni 2014 nicht überprüft, ob die antragspflichtigen psychotherapeutischen Leistungen angemessen vergütet sind. Konkret betrifft es die Jahre 2010 bis 2012.

Bereits im Mai bei der KBV-Vertretersammlung in Düsseldorf im Vorfeld des Ärztetages hatten die Psychotherapeuten eine Überprüfung ihrer Honorare angemahnt. Geschehen aber ist dies bislang nicht.

Höhe der Summe unklar

In den vergangenen zehn Jahren hatten die Psychotherapeuten mehrfach Nachzahlungen auf ihre Honorare erhalten. So wurde 2004 beispielsweise ein Betrag von mehreren hundert Millionen Euro unter den Psychotherapeuten verteilt. Eine weitere, niedrigere Nachzahlung war 2008 fällig.

Auch jetzt gehen Experten davon aus, dass den Psychotherapeuten mehrere hundert Millionen Euro zustehen könnten, wenn der Bewertungsausschuss die Honorarsätze nachträglich korrigiere. Für viele der bundesweit rund 24.000 kassenärztlich zugelassenen Psychotherapeuten käme dann ein ansehnlicher Beitrag zusammen.

Roland Stahl, Sprecher der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), möchte die genaue Höhe des Nachschlags nicht beziffern.

Entsprechende Nachfragen wehrt er ab: "Über Summen kann man derzeit noch keine Angaben machen." Wohl aber betont Stahl, dass der Bewertungsausschuss nicht "untätig" sei, sondern aktuell prüfe, "wie und in welcher Höhe es um etwaige Nachzahlungen bestellt ist".

Die Psychotherapeuten stellen jedenfalls klar, dass sie "für eine bessere Honorierung und gegen die Ungleichbehandlung im System" kämpfen wollen. Alle Verbände der Psychologischen Psychotherapeuten, Kinder- und Jugendlichen Psychotherapeuten sowie der ärztlichen Psychotherapeuten und Psychiater - rund 40 an der Zahl - haben sich zu einem Bündnis zusammengeschlossen und wollen bei einem gemeinsamen Aktionstag am 25. September 2014 in Berlin demonstrieren.

Demonstrationszug zum Minister

Die Veranstalter rechnen mit mehr als tausend Teilnehmern. Der Demonstrationszug startet am Potsdamer Platz und schließt mit einer Kundgebung vor dem Gesundheitsministerium. Bei der KBV Station zu machen, ist nicht eingeplant.

Dabei wäre vor allem die KBV gefordert, die Verteilung der Honorare zwischen Ärzten und Psychotherapeuten zu regeln. Die zentrale Frage ist dabei, ob und wie psychotherapeutische Leistungen mit anderen ärztlichen Leistungen vergleichbar sind und auch dementsprechend vergütet werden müssen.

Die Position der Psychotherapeuten ist nicht neu: Mehrfach haben Vertreter von Berufsverbänden in den letzten Monaten darauf hingewiesen, dass psychotherapeutische Leistungen zeitgebunden sind und nicht durch Routine oder Technik erweitert werden können.

Selbst ein Therapeut, der seine Praxis voll auslastet und in 36 Sitzungen zu je 50 Minuten Patienten behandelt, bleibt demnach weit hinter den Jahresüberschüssen ärztlicher Kollegen.

Laut Zahlen des Zentralinstituts der KBV von 2010 erwirtschaften verschiedene Facharztgruppen wie Augenärzte, Gynäkologen oder Orthopäden im Durchschnitt rund 100.000 Euro an Überschüssen im Jahr; selbst Psychotherapeuten an der Belastungsgrenze kommen jedoch nur auf 82.000 Euro.

Dieter Best, stellvertretender Bundesvorsitzender der Deutschen Psychotherapeutenvereinigung (DPtV), bewertet auch die Belastungsgrenze kritisch. Nur ein Prozent der niedergelassenen Therapeuten bewältige dermaßen viele Wochenstunden, sagt der Diplom-Psychologe.

Der Durchschnitt der Therapeuten komme auf etwa 28 Behandlungsstunden und erwirtschafte pro Jahr einen Überschuss von etwa 50.000 Euro.

[01.10.2014, 18:11:26]
Dipl.-Psych. Götz Braun 
warum fehlt der link auf den Bericht zur Demo bei der DPTV?
Das ist schon aufschlussreich, wenn man bei der Presseresonanz auf der Seite der DPTV auf folgende Seite nicht hingewiesen wird:

http://www.aerztezeitung.de/praxis_wirtschaft/aerztliche_verguetung/article/869657/demonstration-psychotherapeuten-sehen-millionen-gebracht.html

Bestätigt sich da nicht ein Teil meines Kommentars auf dieser Seite????
 zum Beitrag »
[26.09.2014, 14:54:31]
Dipl.-Psych. Roland Hartmann 
Korrektur meines Kommentars...
Leider ist mir ein Fehler unterlaufen: Ich habe mehrfach auf Herrn Stahl verwiesen. Dies ist inkorrekt. Es handelt sich um Herrn Lanz vom GKV-Spitzenverband, den ich zitieren wollte. Herr Stahl ist sein Pendant bei der KBV und er hat in diesem Zusammenhang nichts dergleichen gesagt, soweit mir bekannt ist.

Roland Hartmann zum Beitrag »
[26.09.2014, 00:00:22]
Dipl.-Psych. Roland Hartmann 
Guter Artikel ohne Polemik
Endlich mal ein Artikel, der ohne die unsachlichen Bemerkungen von Herrn Stahl hinsichtlich angeblich zu geringer Arbeitszeiten der Psychotherapeuten auskommt, denn der Ertrag pro Stunde ist unabhängig davon, wieviele Stunden jemand arbeitet, was Herr Stahl aber gerne zu erwähnen vergisst.

Ausserdem ist es angenehm zu lesen, dass hier mal nicht auf den Zug aufgesprungen und behauptet wird, Psychotherapeuten hätten die gesetzliche Vorgabe, 36 Sitzungen pro Woche zu arbeiten und wer drunter liegt, solle mit Teilzulassungs- oder Honorarentzug bestraft werden (jüngst zu hören beispielsweise von den gesundheitspolitischen Sprechern von CDU/CSU und SPD, Spahn und Lauterbach und im Übrigen von keiner offiziellen Seite korrigierend klargestellt). 36. Sitzungen pro Woche sind nämlich die Maximalauslastung laut BSG und bedeuten 50+x Stunden, wo man also kaum subtil Faulheit unterstellen könnte, was der GKV-Spitzenverband durch Herrn Stahl gerne macht...

Ebenfalls angenehm ist, dass der in der heutigen Stellungnahme von Herrn Stahl zu lesende und vollkommen unsachliche Hinweis, in Berlin gäbe es mehr Psychotherapeuten als Hausärzte, fehlt. Denn auch das hat absolut nichts mit der Honorarhöhe zu tun.

Insofern also vielen Dank für den angemessenen Artikel! zum Beitrag »

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