Ärzte Zeitung, 01.10.2014

Christoph Schulze

Von der Arztpraxis ins Parlament

Politik war immer ein wichtiger Teil seines Lebens: Der Arzt Christoph Schulze ist gerade für die Freien Wähler in den Landtag von Brandenburg eingezogen.

Von Angela Misslbeck

Von der

Christoph Schulze, Arzt und Landtagsabgeordneter in Brandenburg.

© Bündnis 90/Grüne

ZOSSEN / BARUTH. Prinzipien, so flexibel wie eine einbetonierte Eisenbahnschiene - so beschreibt Christoph Schulze sich selbst.

Diese Einstellung ist es, die den 49-jährigen Arzt als Direktkandidaten der Freien Wähler im Landkreis Teltow-Fläming mit einem Anteil von 27 Prozent der Erststimmen in den Landtag Brandenburg befördert hat.

Doch Schulze ist kein Politik-Neuling. Der gebürtige Zossener kennt den Politikbetrieb in Brandenburg bereits seit der Wende 1989.

Damals hat er auf eine Facharztstelle an der Charité verzichtet, um in die Politik zu gehen. Von 2004 bis 2009 war er Parlamentarischer Geschäftsführer der SPD im Landtag.

Aus der SPD ausgetreten

Schließlich hat er die politische Karriere aufgegeben, um seinen Prinzipien treu zu bleiben. Im Herbst 2011 trat er aus der SPD-Landtagsfraktion aus, weil sie das Ergebnis des Volksbegehrens zum Nachtflugverbot am geplanten Flughafen BER ignorierte. Später folgte der Austritt aus der Partei.

Dass Schulze jetzt als erster Direktkandidat ohne etablierte Partei im Rücken in den Landtag einzieht, hat er nicht zuletzt dieser Geradlinigkeit zu verdanken.

"Nie wieder Politik über die Köpfe der Menschen hinweg" machen - das war die Lehre, die er aus dem Niedergang des DDR-Systems gezogen hat.

Aber es ist auch eine Familientradition, die der verheiratete Vater zweier Kinder mit seiner politischen Haltung fortsetzt. Der Großvater hat als Diakon und Leiter eines Heims für geistig Behinderte im Nationalsozialismus nicht einen der ihm anvertrauten Menschen verloren.

Die Mutter kümmerte sich in der DDR um entlassene Sträflinge. Eine Überzeugung auch gegen Widerstände zu vertreten, das wurde Christoph Schulze in die Wiege gelegt.

Hinzu kommt seine ärztliche Ethik: "primum nihil nocere" - zuallererst nicht schaden. Die Haltung der Brandenburger SPD in der Flughafenpolitik hält Schulze jedoch für äußerst schädlich, genauer gesagt: gesundheitsschädlich.

Er verweist auf die Beschlüsse der Deutschen Ärztetage 2012 und 2014 zum Fluglärm.

Diese Beschlüsse , die einen deutlich stärkeren Schutz vor Fluglärm fordert, hat Schulze wörtlich übernommen und als Anträge in den Brandenburger Landtag eingebracht.

Die drei großen Parteien, SPD, Linke und CDU haben diese Anträge abgelehnt. Für Schulze dagegen steht fest: "Gesundheit ist ein Grund- und Menschenrecht, und Menschenrechte sind nicht verhandelbar."

Rückkehr in die Arztpraxis

Nach diesen Erfahrungen wollte der Arzt der Politik eigentlich den Rücken kehren. Seit 2010 hatte er sich wieder in den Arztberuf und die Medizin eingearbeitet.

2012 beschloss er, sich künftig auf die Arzttätigkeit zu konzentrieren und seine Facharztweiterbildung für Allgemeinmedizin abzuschließen.

Auf eine Kandidatur für die Kommunalwahlen verzichtete er. Stattdessen arbeitet er in einer Hausarztpraxis in Baruth. "So kann ich den Menschen persönlicher helfen als in der Politik", meint der Arzt.

Hausarzt wollte er schon als Grundschüler werden. Denn ein Landarzt im Spreewald imponierte ihm als Kind mit seinem unermüdlichen Engagement für seine Patienten ebenso schwer wie später die DDR-Widerstandskämpferin Bärbel Bohley.

Dass Schulze jetzt doch wieder im Landtag landet, ist die "Schuld" von rund 40 Bürgerinitiativen gegen den Flughafen. Sie haben ihn bei seiner Ehre gepackt, dass er doch immer eingestanden sei für die Bürger und ihre Sache.

"Ich glaube, dass man mit einer Ausbildung als Arzt in der Politik nicht verkehrt ist, sowohl von der ethisch-moralischen Seite als auch vom Handwerklichen her", sagt Schulze. Anamnese, Diagnose, Therapie - diese Abfolge gelte auch bei der Behandlung von politischen Problemen.

Schulze hat mit seinem Sieg den Freien Wählern in den Landtag verholfen. Die Fraktion besteht aus drei Abgeordneten. Er übt scharfe Kritik an der noch amtierenden Gesundheitsministerin Anita Tack (Linke).

"Was Tack sich auf die Fahne schreibt, hat sie nie getan", moniert er. AgnesZwei sei ebenso wenig ihr zu verdanken wie die Medizinische Hochschule Brandenburg, die sich inzwischen gegründet hat. Die sei durch Rot-Rot massiv behindert worden.

"Für den Ärztemangel im Land tragen die großen Parteien die Verantwortung", sagt Schulze. Er selbst tut ganz praktisch etwas dagegen und will eine Hausarzt-Praxis in Brandenburg übernehmen. Offen bleibt nur, ob neben der Politik oder stattdessen.

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Im Sushi war der Wurm drin

Der Hinweis aufs Sushi brachte die Ärzte auf die richtige Spur. Statt den Patienten wegen Verdachts auf akutes Abdomen zu operieren, führten sie eine Gastroskopie durch. mehr »

Importierte Infektionen führen leicht zu Diagnosefehlern

Wann muss ein Arzt für eine Fehldiagnose gerade stehen? In einem aktuellen Fall entschied das Oberlandesgericht Frankfurt gegen einen Arzt. mehr »

"Turbolader einer Zwei-Klassen-Medizin"

Die Einheitsversicherung als Garant für Gerechtigkeit im Versorgungssystem? Aus Sicht von BÄK-Präsident Professor Frank Ulrich Montgomery eine fatale Fehleinschätzung. Die "Ärzte Zeitung" dokumentiert Auszüge aus seiner Ärztetags-Eröffnungsrede. mehr »