Ärzte Zeitung, 20.01.2015

Versorgung psychisch Kranker

Ärzte und Therapeuten Hand in Hand

Ob psychisch kranke Patienten tatsächlich die für sie richtige Versorgung erhalten, hängt bislang zu häufig von Zufällen ab. Ein von KBV und Verbänden entwickeltes Vertragsmuster setzt auf Koordination und Kooperation. Jetzt sind die Kassen am Zug.

Von Florian Staeck

Ärzte und Psychotherapeuten Hand in Hand

Nach dem KBV-Vertragskonzept sind alle teilnehmenden Leistungserbringer an der Koordination der Versorgung beteiligt.,

© fotomek / fotolia.com

BERLIN. Mehr Kooperation von ambulant tätigen Ärzten und Psychotherapeuten soll die Versorgung von Patienten mit psychischen und neurologischen Erkrankungen verbessern.

Das ist das Ziel eines neuen Versorgungskonzepts aus der Vertragswerkstatt der KBV.

Erstmals werde mit dem Vertragsmuster ein gemeinsamer Versorgungsauftrag der beteiligten psychotherapeutischen und ärztlichen Verbände definiert, heißt es in einer Mitteilung der KBV.

Ermöglichen soll der Mustervertrag unter anderem einen besseren Zugang zur Akutversorgung, eine psychotherapeutische Terminsprechstunde und das Angebot von Kurzzeittherapien.

Qualitätszirkel und Netzleistungen sollen gefördert und regionale Selbsthilfe-Angebote einbezogen werden. An der freien Arztwahl des Patienten wird nicht gerüttelt.

Konkrete zeitliche Vorgaben, in welcher Frist ein Patient konsiliarisch beim Facharzt oder Psychotherapeuten vorgestellt werden muss, enthält der Vertragsentwurf nicht.

Nicht nur Hausärzte koordinieren

Vertragswerkstatt

Die KBV-Vertragswerkstatthat in den vergangenen Jahren bislang 17 Versorgungsverträge für bestimmte Zielgruppen oder Krankheitsbilder entwickelt.

Ein Fokus liegt dabei auf chronischen und geriatrischen Erkrankungen. Beispiele sind Vertragskonzepte für ADHS, die ambulante geriatrische Komplexbehandlung oder Rheumatoide Arthritis.

Gesetzliche Grundlage ist Paragraf 73c SGB V (Besondere ambulante ärztliche Versorgung).

Definiert werden dabei insbesondere die Aufgaben und die Vernetzung der verschiedenen Versorgungsebenen.

Die Aufgaben der Hausärzte betreffen neben der Identifizierung, Diagnostik und Therapie der Patienten insbesondere deren "kontinuierliche Betreuung und Begleitung".

Dabei kommt Hausärzten keine alleinige Koordinationsfunktion im Versorgungsgeschehen zu. Diese könne vielmehr "situativ angepasst" bei Hausärzten, Fachärzten oder Psychotherapeuten liegen, heißt es.

Bei Fachärzten wird zwischen der koordinativ-fachärztlichen Versorgung und der kooperativ-konsiliarischen Versorgung unterschieden.

Im ersten Fall koordiniert der Facharzt alle weiteren konsiliarischen Maßnahmen oder adjuvante Therapien, also etwa die häusliche Fachkrankenpflege oder die Soziotherapie.

Die kooperativ-konsiliarische Versorgung ist dann gefragt, wenn ein Hausarzt oder Psychotherapeut erstmals bei einem Patienten eine neurologische oder psychische Erkrankung feststellt - dann soll eine konsiliarische Vorstellung bei einem Facharzt erfolgen.

Die Koordination hingegen bleibt in diesem Fall Sache des Überweisers. Am Vertrag teilnehmende Fachärzte müssen beide Versorgungsaufgaben - also konsiliarische Beurteilung und koordinative Versorgung wahrnehmen.

Für die psychotherapeutische Versorgungsebene gelten wie für Fachärzte die gleichen Aufgabenfelder, einerseits die koordinative, andererseits die konsiliarische Versorgung.

Die beteiligten Fachgruppen sollten eine Kommunikationsstruktur vereinbaren, bei der die zeitnahe wechselseitige Information sichergestellt ist.

Der Bundesverband der Vertragspsychotherapeuten bezeichnete das Vertragsmuster "als entscheidenden Schritt für eine Kooperation all der Arztgruppen, die psychisch Kranke behandeln".

Der stellvertretende bvvp-Vorsitzende, Jürgen Doebert betonte, bisher hänge die gute Kooperation in den Praxen vor Ort vom "Idealismus der Beteiligten" ab.

Hier solle der Vertrag bessere Verhältnisse schaffen, indem eine Vergütung für Koordinierungs- und Kooperationsleistungen vorgesehen ist.

Vielzahl von Verbänden beteiligt

Erarbeitet haben das Versorgungskonzept neben der KBV der Berufsverband Deutscher Nervenärzte, der Bundesverband der Vertragspsychotherapeuten, die Deutsche Psychotherapeuten Vereinigung, der Berufsverband der Fachärzte für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie Deutschlands, der Berufsverband Deutscher Psychiater und der Berufsverband Deutscher Neurologen.

Ob das Vertragsmuster tatsächlich in Vereinbarungen zwischen Kassen und Verbänden oder KVen mündet, ist ungewiss. Bislang sind die in der KBV-Vertragswerkstatt entwickelten Vorlagen überwiegend in den Schubladen stecken geblieben.

Eine Ausnahme ist beispielsweise das Vertragsmuster zur Versorgung von Kindern mit ADHS. Seit April 2009 wird das Versorgungsprogramm durch Betriebskrankenkassen und die KV Baden-Württemberg im Südwesten angeboten.

Seit 2012 stellt auch die DAK Gesundheit dieses Versorgungsangebot ihren Versicherten zur Verfügung.

[20.01.2015, 20:34:24]
Claus F. Dieterle 
Seelsorge
Nach § 1 des Arbeitsentwurfes sollen auch Präventionsangebote die Krankheitsbewältigung begünstigen.
Deshalb möchte ich die Seelsorge erwähnen. Jesus Christus spricht in Matthäus 11,28:
Kommt alle zu mir, die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt. Ich will euch erquicken. zum Beitrag »
[20.01.2015, 19:29:31]
Dr. Heiner Heister 
Jeder psychotherapeutisch weitergebildete Arzt ist Psychotherapeut!
Die KV-Diktion "Ärzte und Psychotherapeuten" ist falsch und führt in die Irre.
Es ist eine falsche Behauptung, dass die Versorgung psychisch kranker Menschen zufallsabhängig sei.
Es ist die alltägliche Arbeit aller beteiligter Berufsgruppen dafür zu sorgen, dass die Versorgung fachgerecht erfolgt.
Dazu gibt es auch das Erstzugangsrecht für psychologische Psychotherapeuten (PP)und Kinder- u. Jugendlichenpsychotherapeuten (KJP).
Das Problem ist die mangelnde Bereitschaft von Kassen, KBV und Politikern dafür zu sorgen, dass diese Arbeit auch nur annähernd angemessen honoriert wird.- So, wie die BSG-Rechtsprechung es verlangt.
Das vorgestellte Konzept, so unausgegoren und unfertig es ist, soll dies verschleiern.
Beteiligte Interessengruppen, wie etwa die, die dem Auslaufmodell Nervenarzt nachtrauern, oder, die eine Befugniserweiterung für PP u. KJP anstreben, versuchen so zu punkten.
Das wird an der miserablen Honorarsituation nichts ändern und es wird so kein einziger Patient mehr mit qualifizierter Psychotherapie versorgt werden.
Dr. med. H. Heister
Allgemeinarzt
Psychosomatiker und Psychotherapeut
Psychoanalyse zum Beitrag »
[20.01.2015, 19:26:08]
Dr. Monika Bär-Degitz 
Ärzte sind Therapeuten
Die Überschrift ist tatsächlich unglücklich gewählt, mal wieder. Ich bin selbst als ärztliche Psychotherapeutin tätig und fühle mich bei solchen "Gelegenheiten" immer wieder aussen vor.
Wir sollten alle darauf achten, daß sich dies nicht wiederholt und ich appelliere vor allem an die Pressemitarbeiter, da ein gutes Stück sorgfältiger zu sein. zum Beitrag »
[20.01.2015, 15:05:31]
Gerhard H. Oestmann 
Therapeuten - Ärzte - GesundheitsTeam
Wie werden Therapeuten und Ärzte in der Gesellschaft wahrgenommen? Wollen Ärzte als Therapeuten bezeichnet werden? Was macht einen Therapeuten aus - im System und in der Gesellschaft?

Nach fast 40 Jahren klinischer Tätigkeit in unterschiedlichen Bereichen - Pflege, Mediziner, (Physio)Therapeut - sehe ich diese Fragen ungeklärter denn je.
Innerhalb des Systems zu den Therapeuten diejenigen Berufsgruppen gerechnet, die den Begriff in ihrer Berufsbezeichnung tragen, also: Ergo-, Logo-, Physio-, Psycho-Therapeuten (alphabetisch geordnet).
In der Gesellschaft versteht man unter Therapeut meist PsychotherapeutInnen. Und oft stellen sie sich auch so dar (siehe die Webseite therapie.de !!). Andererseits gab es in einem großen Klinikum ein Therapeutikum, in dem ausschließlich Physiotherapeuten wirkten. Und ich habe noch keinen Arzt gefunden, der von sich sagt, er wäre Therapeut. Aber therapieren wollen alle.

Tatsächlich hat sich auch ein Bewertungssystem herausgebildet:
An der Spitze stehen die Ärzte, die alles verordnen, alles bestimmen und entscheiden.

Bereits während meines Medizin-Studiums (1979-1989) strebten die Psychotherapeuten nach Anerkennung der Bedeutsamkeit ihrer Arbeit und nach Einfluß im Gesundheitssystem. So reklamierten sie den Begriff Therapie für sich und so scheint er auch im Bewußtsein der Gesellschaft verankert zu sein. Es wurden die „Neuen Körpertherapien“ formuliert, was nach einem Grasen in fremdem Gebiet klingt – oder was treiben die Physiotherapeuten so? Allerdings nannte man die damals noch Krankengymnasten und behandelte sie auch entsprechend.

Also, in den 40 Jahren hat sich folgendes Bild (Wahrnehmung) von Therapierenden seitens der Therapierten, der Patienten herausgebildet:
Ganz oben steht der Doktor, der Arzt, der befindet über Therapie, über Zeiten, über Medikamente. Mit dem kann man reden, aber nichts tun.
Dann kommen die Pflegekräfte, die Schwester, der Pfleger, die sich um das grundlegende Wohl der Patienten kümmern und ohne deren Basisarbeit alle anderen nicht wirksam werden können.
Je nach Ausrichtung der Klinik kennt man dann die Therapeuten, Psychotherapeuten. Mit denen kann man reden, man kann seine (ideellen) Sorgen loswerden und seelische Beschwerden bearbeiten.
Dann gibt’s noch die für die „Füße“, die Physiotherapeuten. Tatsächlich machen die auch Basisarbeit, sie bringen den Patienten wieder auf die Füße, können Funktionen und Strukturen beeinflussen und, da sich Menschen besser fühlen, wenn die (Kopf)Schmerzen erstmal weg sind, auch die Psyche – sozusagen eine indirekte Einwirkung aufs Gemüt.
Die Ergotherapeuten kannte man anfangs als Beschäftigungstherapeuten. Die machten Spiele und bauten Geräte, Hilfsmittel. Inzwischen werden sie auch tätig, wenn das Kind zum Üben von Fertigkeiten muß, weil es vielleicht ein Handicap hat, wenn neurologische Patienten allerlei Hilfsmittel brauchen und spezielle körperliche Funktionen beübt werden sollen. Oft überschneiden sich ihre Tätigkeiten mit denen der Physiotherapeuten.
Kennen Sie die Arbeit der Logotherapeuten? Die sind nicht nur fürs Sprechen da. Sie arbeiten auch manuell an Kopf und Hals und befähigen zum Sprechen. Das erfordert auch eine Art Ganzkörperarbeit; also zusätzlich auch ein bißchen von Physio, Psycho, Ergo.
Und dann gibt’s noch die Masseure. Was die machen, weiß jeder. Sie lösen viel und beeinflussen nicht nur die Physis, sondern auch die Psyche – irgendwie indirekt.

Es gibt noch mehr Spezialisten in der Therapie. Die tun einfach ihre Arbeit, ohne nach einer besonderen Anerkennung zu streben. Obgleich z.B. Diätassistentinnen sehr eng am therapeutischen Geschehen beteiligt sind und meist Mühe haben, für ihre auch grundlegenden Vorschläge die Zusammenarbeit mit Pflegekräften, Ärzten und insbesondere Köchen zu erlangen.

Ja, Zusammenarbeit, Gesundheitssystem – eigentlich sollten alle Therapierenden und weiter am therapeutischen Prozeß Beteiligten in einem Gesundheitsteam zusammenarbeiten, völlig gleichberechtigt miteinander reden und gleich wichtig ihre Vorschläge gegenseitig anerkennen – in wahrer Kollegialität. Dazu liefern auch die Sozialarbeiter oft noch eine wesentliche Basis.
Das ist die Vorstellung eines echten Therapeutenteams, in dem jede/r eine gleichgewichtige Stimme hat und jede/r die entsprechende Anerkennung erfährt. Insgeheim ist das schon oft so, z.B. wenn der Arzt weiß, welcher Therapeut in einem speziellen Fall die geeigneten Maßnahmen für den Patienten vertrauensvoll umsetzen kann und dies dann persönlich mit ihm abspricht.
Doch momentan gibt es kein echtes Team, keine gemeinsame Stimme, keine gemeinsame Lobby. Und das System ist ein Krankheitsverwaltungssystem. Oder kann sich jemand vorstellen, in 25 Minuten Therapiezeit eine dauerhafte Änderung zu bewirken? Aber das ist dann ein weiterführendes Thema. zum Beitrag »
[20.01.2015, 12:00:48]
Dipl.-Psych. Anita Gradl 
Überfällige Kollegialität
Das ist ja mal eine gute Idee,bisher habe ich in meiner psychotherapeutischen Tätigkeit leider sehr oft die Erfahrung gemacht,dass Ärzte bei der konsiliarischen Tätigkeit auch gleich das Behandlzngskonzept selbst neu anlegen. So z. B finde ich es oft unzumutbar, dass bei Überweisung zur Verordnung einer Klingelhose Medikamente ohne Rücksprache verordnet werden. Bei Adhs habe ich es auch so erlebt, es wird von Ärzten sogar Therapieformwechsel empfohlen ohne überhaupt den Therapieprozess zu kennen. Also ist es meiner Meinung wirklich an der Zeit mehr zusammen als nebenher oder sogar gegeneinander (auch viele Therapsuten wettern vor dem Patienten über die Medikation) zu arbeiten und sich endlich als Kollegen zu fühlen. zum Beitrag »
[20.01.2015, 10:26:04]
Dr. Peter Lorenz 
Krankenkassen
Dr. Peter Lorenz: Die Krankenkassen sollten darauf achten, dass eine Psychoedukation in Freiheit der/des Betroffenen (nicht hinter Stacheldraht in Bezirkskrankenhäusern) unmittelbar nach der (poli-zeilichen) Festsetzung wegen der Folgen einer Anpassungsstörung des/der Betroffenen eingeleitet wird. Andernfalls bliebe es bei der zur Zeit üblichen Praxis des „Wegsperrens, und zwar für immer“. Dies würde bedeuten, dass Kosten und Aufwand wie bisher in den Sand gesetzt werden würden. zum Beitrag »
[20.01.2015, 07:23:30]
Beate Schicker 
Sind Ärzte keine Therapeuten?
Die Überschrift ist unglücklich gewählt. In der Laienpresse wird oft aus Unkenntnis zwischen Ärzten einerseits und Therapeuten andererseits unterschieden. Sind Ärzte keine Therapeuten? Sie müssten es doch besser wissen.
 zum Beitrag »

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