Ärzte Zeitung, 24.04.2015

"Ärzte Zeitung"-Umfrage

Klare Mehrheit will ohne Arztbesuch zum Therapeuten

Sollten Patienten auch ohne Rezept ein Physiotherapie auf Kassenkosten erhalten? Mit dieser Idee haben Unionspolitiker eine heiße Diskussion losgetreten. Die "Ärzte Zeitung" hat ihre Leser gefragt, wie diese zu den Plänen stehen. Über 4000 Mal wurde abgestimmt - das Ergebnis ist eindeutig.

Klare Mehrheit will ohne Arztbesuch zum Therapeuten

NEU-ISENBURG. Ein breites Echo mit über 4000 Teilnehmern hat die Online-Umfrage der "Ärzte Zeitung" über den Direktzugang zu Physiotherapeuten ausgelöst.

Hintergrund ist ein Anfang April bekannt gewordenes Papier der Arbeitsgruppe Gesundheit in der Union. Darin werben die Gesundheitspolitiker dafür, Heilmittelberufe "direkter in die Versorgung einzubinden".

Es gehe darum, mit Blick auf mögliche Versorgungsengpässe die "Verantwortung auf mehr Schultern zu verteilen".

Modellprojekte von Krankenkassen zeigten, dass durch verschiedene Varianten des Direktzugangs von Patienten beispielsweise zu Physiotherapeuten die Behandlungseinheiten im Vergleich zur ärztlichen Verordnung reduziert werden können - und die Patienten dennoch zufriedener sind.

4049 Mal wurde abgestimmt

Also eine gute Idee, hat die "Ärzte Zeitung" ihre Leser gefragt? Bis Mittwoch haben 4049 Leser an der nicht-repräsentativen Online-Umfrage teilgenommen. Das Ergebnis überrascht, und verdankt sich mutmaßlich der Tatsache, dass auch Vertreter nicht-ärztlicher Berufe in großer Zahl abgestimmt haben.

2061 Teilnehmer (50,9 Prozent) sprachen sich demnach dafür aus, dass jeder gesetzlich versicherte Patient die Möglichkeit des Direktzugangs zum Physiotherapeuten haben sollte.

1052 Leser (knapp 26 Prozent) gaben darüber hinaus an, aus ihrer Sicht würden auch Ärzte von einem Direktzugang profitieren - etwa durch weniger Bürokratie oder mehr Zeit für andere Patienten.

Vorbehalte meldeten 1052 Teilnehmer an (16,7 Prozent) und mahnten, vor der Umsetzung müssten erst die Auswirkungen etwa auf das Budget oder auf die Haftung geklärt werden.

Nur eine Minderheit von knapp 6,5 Prozent (261 Voten) lehnte den Direktzugang ab und plädierte dafür, Hausärzte sollten die Lotsen in der Behandlung bleiben.

Feldmann: "Pläne nicht zielführend"

Völlig gegenläufig fiel die Reaktion ärztlicher Vertreter aus. KBV-Vorstand Regina Feldmann bezeichnete die Pläne als "nicht zielführend" und warnte: "Nur der Arzt kennt die komplette Krankheitsgeschichte seiner Patienten. Gerade die Diagnose und Indikationsstellung müssen in ärztlicher Hand bleiben".

Für Aufregung sorgte die Reaktion von Professor Frank Ulrich Mongtomery, dem Präsidenten der Bundesärztekammer. Sie sei "völlig unzureichend", bemängelte der Spitzenverband der Fachärzte (SpiFa). Ein Dorn im Auge der Fachärzte sei Montgomerys Statement gewesen, mit der Bewegungstherapie kenne sich der Physiotherapeut besser als ein Arzt aus. Der BÄK-Boss zeige damit "völliges Unverständnis für die Qualität fachärztlicher Versorgung".

Kritik an den Unionsplänen kam auch von der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie (DGOU) und dem Berufsverband für Orthopädie und Unfallchirurgie (BVOU). Die Therapie beginne mit der Diagnose, hieß es.

Wenn diese ärztliche Kernkompetenz durch andere Heilberufe ersetzt werde, handele sich um einen "Dammbruch mit nicht absehbaren Folgen für die Qualität und Sicherheit der Gesundheitsversorgung".

Allerdings wird der Direktzugang in dem Unionspapier gar nicht gefordert, sondern soll lediglich "geprüft" werden. Als eine Option sieht hingegen Dr. Fred Rainer Villbrandt, Chefarzt für Physikalische und Rehabilitative Medizin am Klinikum Frankfurt/ Oder, die Blankoverordnung an.

Dabei legt der Arzt die Diagnose fest und informiert über Kontraindikationen. Der Therapeut entscheidet dann über das geeignete Heilmittel, die Frequenz und die Dauer der Behandlung. Ungeklärt seien dabei aber noch Fragen der Einhaltung des Wirtschaftlichkeitsgebots, der Qualitätssicherung oder der Haftung, so Villbrandt. (fst/ths)

[27.04.2015, 13:49:41]
Dr. Rüdiger Storm 
Dr. Roy Kühne
Ein Schelm wer böses dabei denkt, dieser Herr hat einen eigenen Gesetzentwurf für sich gestrickt, ist also Lobbyist in eigener Sache:

www.gesundheitszentrum-nom.de

Bislang gibt es noch den lästigen Arzt der über eine Notwendigkeit befindet, lieber gibt man sich direkt selbst den Auftrag.
Da wird das Leistungsvolumen ordentlich anschwellen. zum Beitrag »
[26.04.2015, 11:22:08]
Marcel Klein 
Kernihalt verstehen
Zunächst einmal sollte hier der ein oder andere sich noch einmal das Positionspapier von Dr. Roy Kühne zu Gemüte führen. In diesem wird nicht primär der Direktzugang gefordert, sondern lediglich die Prüfung eines solchen Vorhabens in naher Zukunft. Es geht noch eher darum, die Durchsetzung einer Blankoverordnung zu schaffen. Also eine Erstdiagnose durch den Arzt mit anschließender Heilmittelverordnung über z.B 6 mal ohne therapeutische Vorgaben des Arztes. An sich eine gute Sache, denn ich sage dem Arzt auch nicht was er machen soll. Allgemein sollte dieses "rumgezicke", wenn ich das mal so umgangssprachlich formuliere, im Gesundheitssystem aufhören. Wir haben alle ein gemeinsames Ziel, den Patienten optimal und wirtschaftlich zu versorgen. Wie das funktioniert? im interprofessionellen Team. Dazu gehört eben auch, dass so mancher Arzt von seinem hohen Ross runterkommt und auch der ein oder andere Physio nicht länger den Arzt Vorwürfe macht, dass er den Patienten nicht kenne usw.
Ein erster Schritt in Richtung Veränderung wäre, die Überholung des Curriculum in der Physiotherapie. Die Inhalte sind zum Einen nicht mehr zeitgemäß und zum Anderen variieren von Schule zu Schule andere inhaltliche Schwerpunkte. Durch ein einheitliches und detailliertes Curriculum könnte man die Standards und vor allem die Qualität in der Physiotherapie erhöhen. Hier würde ich mir persönlich auch wünschen, dass die Ärzte dieses Vorhaben unterstützen. Eine Ausbildung auf einem akademischen Niveau mit Grundlagen aus Medizin, Biochemie, wissenschaftliches Arbeiten sowie Biomechanik usw. Ein Vorbild hier, ist die Situation in Kanada, wo ein bundesweites Curriculum ausgearbeitet wurde. Ich bin sehr froh darüber, dass ich das ganze studiere und keine von Lehrern stark beeinflusste Ausbildung mache. Ein weiterer Feldzug wäre die Abschaffung der Fortbildungslobby (leider gehöre ich diesbezüglich wohl zur Minderheit). Durch die Vielzahl an Fortbildungen erreicht man keinen hohen Standard, sondern nur viel Geld für die Veranstalter dieser Fortbildungen.
Zum Schluss möchte ich noch auf die physiotherapeutische Diagnose hinaus. Meiner Meinung nach ein essenzieller Punkt, der noch kaum diskutiert wurde. Hierbei geht es nicht um die Ersetzung einer ärztlichen Diagnose, sondern um eine sinnvolle Ergänzung. Die Diagnose "Lumbago" hat durchaus seine Berechtigung, dennoch bringt sie dem Physiotherapeuten wenig. Würde man die physiotherapeutische Diagnose anerkennen (also auch zusätzlich vergüten), könnten Kosten und Ressourcen eingespart werden. Hierzu gibt es einen sehr interessanten Artikel von Trocha und Aigner in der physioscience aus dem letzten Jahr.
Um noch einmal auf den Punkt Direktzugang zu kommen, konnten bereits kleinere Studien zeigen, dass auch fachschulausgebildete Therapeuten Patienten erkennen, die unbedingt eine ärztliche Abklärung benötigen. Kein Therapeut würde jemanden mit starken Schmerzen (oder gar einem gebrochenen Fuß :P) behandeln. Genau aus diesem Grund wäre es erfreulich, wenn die physiotherapeutische Diagnostik zu beginn eines Behandlungsintervalls eingeführt werden würde, denn ein Arzt betrachtet den Patienten ein wenig anders als ein Physio (also eine doppelte Abklärung). Des Weitern, wenn es einen Direktzugang geben würden, würden dennoch die meisten noch den Weg über den Arzt nehmen (so ist es zumindest in Kanada und dort gibt es den Direktzugang bereits über 10 Jahre).
Also nicht immer alles schlecht machen, nur weil sich etwas verändert (oder jemand dies fordert), sondern als Chance nutzen und gemeinsam an einer Veränderung arbeiten. So wie die Physiotherapie momentan in Deutschland ist, ist sie nicht mehr zeitgemäß.

In diesem Sinne,
Schönen Sonntag
Marcel Klein  zum Beitrag »
[24.04.2015, 17:58:08]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Eigentor?
Wenn das mal nicht ein klassisches Eigentor ist? Wer nichts verordnen will, kann oder darf, verliert an Kompetenz, Gestaltungs- und Deutungshoheit. Verantwortung für Heil- und Hilfsmittelverordnung bei unseren Patientinnen Patienten zu übernehmen, bedeutet sich mit Entschiedenheit, Empathie und Professionalität der multimodalen Therapie zuzuwenden.

Eine x-beliebige Physiotherapie ohne Evidenz, Stringenz, Koordination, Kooperationspartner und Kommunikation bleibt redundant.

Mf+KG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund  zum Beitrag »
[24.04.2015, 13:55:13]
Jürgen List 
Warum nicht?
In anderen Ländern gibt es schon die Möglichkeit der physiotherapeutischen Behandlung ohne ärztliche Verordnung. Ein guter, verantwortungsvoller Therapeut sollte wohl in der Lage sein, abzuschätzen, wann eine weitere fachärztliche Diagnostik erforderlich ist. Interessanterweise gibt es ja jetzt schon, durch die Krankenkassen gefördert, einen einfachen Zugang zur osteopathischen Behandlung. Genau hier setzt aber meine Kritik an: Diese Behandlungen dürfen nicht wie bisher weitgehend kostenfrei sein, sondern es sollte ein deutlicher Eigenbeitrag von den Patienten verlangt werden. (In Norwegen müssen Patienten meines Wissens 50% der Kosten selbst tragen.) Werden die Patienten nicht über ihren Geldbeutel zum Maßhalten gezwungen, droht eine weitere inflationäre Ausweitung der physiotherapeutischen und (osteopathischen) Leistungen..... zum Beitrag »
[24.04.2015, 12:12:28]
Dr. Joachim Malinowski 
6 x Physiotherapie....
6 x Physiotherapie reduzieren zwar den akuten Schmerz, sind aber erst der Anfang der Therapie. Und da hört es bei den Orthopäden schon wieder auf, die kein weiteres Rezept ausstellen, aus Budgetgründen, wie ich selber erfahren musste. Da fühlt man sich nicht ernst genommen.

Das ist einfach krank und macht nur noch ärgerlich.

Das muss dringend geändert werden.  zum Beitrag »
[24.04.2015, 09:29:05]
Waldemar Gutknecht 
ohne Rezept ein Physiotherapie auf Kassenkosten erhalten?
Umfrage hin oder her, wer zahlt der bestimmt. Wer zahlt im KK-System?? Aber es kann auch anders gehen, hier mit der Alternative zu KK-System http://file2.npage.de/012547/57/html/ansicht.htm wird ein Patient selbst zahlen können dem entsprechend niemanden beweisen muss, dass eine Physiotherapie ein Heilverfahren ist wie auch jedes andere Heilverfahren.
Hier http://file2.npage.de/012547/57/html/vergleich.html sind Eigenschaften von GKV und iPGV gegenüber gestellt, daraus lässt sich erkennen, dass Leistungen von GKV nicht das bringt was man sich verspricht.
Grüß
Zeuys zum Beitrag »
[24.04.2015, 08:58:42]
Dr. Christian Schulze 
Einrichten, was eh schon an der Tagesordnung ist...
"Ich war schon beim Physio und wurde eingerenkt, jetzt bräuchte ich noch ein Rezept!" Ärztliche Untersuchung und Therapie sieht eigentlich anders aus. Die Physiotherapie mit ihrer wenig standardisierten Methodik, wo jeder was anderes macht je nach Schule und aktive Übungen vernachlässigt werden zu Gunsten von Massage und wenig personalintensivem Gerätetraining sollte ggf. eher wie in Österreich außerhalb der gesetzlichen Versicherung abgesichert werden. Positiv ist natürlich der Wegfall der Budgets. Aber die Verantwortung für einen Wildwuchs an Therapie ohne ggf. an richtiger Stelle wegweisende Diagnostik z.B. zum Ausschluss Neoplasie oder Metastasen zu machen, muss dann auch jemand übernehmen. Bei chronischem Rückenschmerz sollte entsprechend der Leitlinie die Physiotherapie dann als Dauermethode ausgeschlossen werden wegen fehlender Evidenz, bei allen anderen Beschwerden ohne Evidenz auch und der Physiotherapeut sollte entsprechend §298 dann die entsprechende ICD 10 gerechte Diagnose stellen. Wenn das alles geht, schauen wir mal, ob die Bevölkerung gesünder wird statistisch nachvollziehbar. Interessante Überlegungen... zum Beitrag »

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