Ärzte Zeitung, 22.06.2015

Überversorgung in Hamburg

Bei genauer Analyse ein Popanz

Beim Hamburger Versorgungsforschungstag wurde mit gern gepflegten Mythen aufgeräumt: Etwa dem von der Überversorgung in der Hansestadt. Die gute ambulante Versorgung vermeidet stationäre Einweisungen.

Von Dirk Schnack

HAMBURG. Die These von der Überversorgung im Ballungsraum - ein Mythos. Viele stationär erbrachte Leistungen könnten ambulant vorgenommen werden - nicht in Hamburg. Kliniken und Praxen konkurrieren um Patienten - Fehlanzeige.

Der erste Hamburger Versorgungsforschungstag räumte mit einigen Missverständnissen, die sich hartnäckig auch unter Fachleuten im Gesundheitswesen halten, auf. Damit war das Ziel von KV-Vize und Gastgeber Dr. Stephan Hofmeister, das Thema Ambulantisierung zu "entemotionalisieren", erreicht.

Zur angeblichen Überversorgung: Zwar verfügt die Hansestadt über ein überdurchschnittlich gutes Versorgungsangebot. Doch nach Daten des Zentralinstituts für die Kassenärztliche Versorgung (ZI) versorgen Hamburg Praxen und Kliniken Patienten, die zu rund einem Drittel aus anderen Bundesländern kommen.

In ambulanten Sektor investieren!

Um diese Patienten bereinigt, liegen die stationären Kapazitäten je Einwohner 16 Prozent unter und die ambulanten nur fünf Prozent über dem bundesweiten Durchschnitt.

ZI-Geschäftsführer Dr. Dominik Graf zu Stillfried sieht in diesem Verhältnis einen Substitutionseffekt: "Wo viel ambulant passiert, erfolgt weniger stationär." Er sprach sich für Investitionen ambulante Leistungsstrukturen aus, um unnötige Klinikeinweisungen zu vermeiden.

Allerdings kommt es im stationären Sektor der Hansestadt nicht zu einem Patientenabfluss. Die Kliniken erbringen vielmehr deutlich komplexere Eingriffe als in den meisten anderen Bundesländern.

Nach Angaben von Dr. Claudia Brase, Geschäftsführerin der Hamburgischen Krankenhausgesellschaft, weisen die Kliniken in der Hansestadt die größte Fallschwere auf. Die Mehrzahl dieser Fälle könnte nicht in Praxen behandelt werden.

Daraus folgt, dass Praxen und Kliniken auch weniger um Patienten konkurrieren. Um Patienten, die sich derzeit in Praxen behandeln lassen, wollen die Kliniken gar nicht konkurrieren, weil ihnen die Mehrleistungen nicht angemessen honoriert werden.

Dennoch gibt es auch in Hamburg noch Luft nach oben. In erster Linie betrifft dies Patienten, die ohne Einweisung in die Notaufnahmen kommen. "Wenn man das Versorgungssystem in Hamburg stärken will, ist das der Ansatzpunkt", sagte von Stillfried.

Möglich wäre dies aus Sicht von Professor Leonie Sundmacher aus München durch eine Verbesserung der kontinuierlichen ambulanten Behandlung und durch eine bessere Erreichbarkeit.

Vergütungsangleichung empfohlen

Das Problem dabei: Die niedergelassenen Ärzte bekommen nur 81 Prozent ihrer erbrachten Leistungen im MGV honoriert und haben wenig Interesse, noch mehr unbezahlte Leistungen zu erbringen.

Als Lösung empfahl Professor Jonas Schreyögg, Mitglied des Sachverständigenrates zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen, eine Angleichung der Vergütungen zwischen dem ambulanten und dem stationären Sektor.

Für Regionen, in denen noch deutlich mehr Leistungen ambulant erbracht werden könnten, gab es Tipps: Professor Matthias Augustin sieht Organisation und Kooperation als Voraussetzungen, um Patienten rechtzeitig ambulant behandeln und um Verschleppungen und als Folge die Einweisung schwerer Fälle vermeiden zu können.

Am Beispiel seines Fachgebietes Dermatologie zeigte Augustin, dass in Regionen mit dünneren Versorgungsangeboten Patienten später zum Facharzt kommen und nach vermeidbaren Verläufen schließlich stationär aufgenommen werden.

Professor Hendrik van den Bussche vom Hamburger Institut für Allgemeinmedizin riet ebenfalls zu besserer Kooperation, sowie zu Leitlinien mit Behandlungspfaden, zu präventiven Maßnahmen wie Sturzprophylaxe und Immunisierung, zum Einsatz von Telemedizin und zu einem effektiveren Notdienst, um Klinikeinweisungen zu vermeiden.

Vielleicht liegt die Lösung aber auch in völlig neuen Modellen zwischen den Sektoren. Die KV lotet derzeit aus, ob auf Kassenseite Interesse an einem Modellprojekt an ambulanter Behandlung mit beobachtender Betreuung über Nacht besteht.

Details gibt es zu diesem Modell laut KV-Chef Walter Plassmann noch nicht. Vorstellen könnte er sich ein solches Modell in der Praxisklinik Mümmelmannsberg.

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