Ärzte Zeitung online, 13.11.2015

Notfallversorgung

Kliniken wollen Sicherstellung komplett

Klinikvertreter fordert generelle Übernahme der Notfallversorgung durch die Krankenhäuser.

DÜSSELDORF. Die Krankenhäuser gehen weiter auf Konfrontationskurs zu den niedergelassenen Ärzten. Da die Kliniken ohnehin den größten Teil der ambulanten Notfallversorgung übernehmen, sollte der Sicherstellungsauftrag für diesen Bereich auch komplett auf sie übergehen, forderte Dr. Josef Düllings, Präsident des Verbandes der Krankenhausdirektoren Deutschlands.

"Die niedergelassenen Ärzte erledigen ihre Hausaufgaben nur mangelhaft", kritisierte Düllings im Vorfeld der Medizinmesse Medica. Er ist stellvertretender Vorsitzender des Verwaltungsrates des Deutschen Krankenhaustages, der in der kommenden Woche während der Medica in Düsseldorf stattfindet.

"Wenn die Hauptlast bei den Kliniken liegt und die Patienten mit den Füßen abstimmen, muss die Sicherstellung auch bei den Kliniken liegen." Die niedergelassenen Ärzte hätten de jure den Hut auf, aber de facto leisteten die Kliniken den Notdienst.

Die Tatsache, dass die ambulante Notfallversorgung nicht neu geregelt wurde, bezeichnete Düllings als eine der zwei "wesentlichen Unterlassungssünden" der Krankenhausstrukturreform. Die andere sei die unterlassene Neuregelung der Investitionsfinanzierung.

"Diese Problempunkte gehören in die Wiedervorlage für die Bundestagswahl 2017 und die Landtagswahlen 2016 in fünf Bundesländern", sagte er. Grundsätzlich überwiegen aus seiner Sicht bei der Reform aber die positiven Aspekte.

Bereits am Montag haben die Krankenhausvertreter Gelegenheit zur Debatte mit Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe. Er kommt zur Eröffnung des Deutschen Krankenhaustages. (iss)

[14.11.2015, 09:42:49]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Kliniken sollen sich auf ihr Kerngeschäft konzentrieren!
Die Bund-Länder AG von Bundestag und Bundesrat will mit einer neuen Regelung bei der Notfallversorgung in den Klinik-Ambulanzen Geld sparen. Das soll ganz im Sinne der Deutschen-Krankenhaus-Gesellschaft und des Deutschen Krankenhaustages an die angeblich notleidende Klinik-Versorgung umgeleitet werden.

Der Konfliktherd ambulanten Notfallversorgung wird damit externalisiert. Und wir Vertragsärztinnen und -ärzte in der haus-, fach- und spezialärztlichen Versorgung sollen dafür auch noch extra bezahlen. Denn es sind u n s e r e Patientinnen und Patienten, die g e g e n unseren Willen mit “all-inclusive”- und “flatrate”-Anspruch die Klinik-Ambulanzen stürmen: Um unsere im Klinikbetrieb und Dauerdienst bereits erschöpften Kolleginnen und Kollegen zumeist mit Banalitäten zu belasten, welche im zentralen ärztlichen Notdienst (ZND) von jedem Niedergelassenen ohne weiteres lösbar und akut behandelbar wären.

Angetrieben und stimuliert durch die Parolen der „Gesundheitskassen“ (AOK-die-Gesundheitskasse; DAK-Gesundheit; BIG-einfach-gesund), GKV-Hotlines, Patientenberatungsstellen und Kassenmitarbeiter/-innen: Dass a l l e GKV-Versicherten ohne lästiges Warten, jederzeit Tag-und-Nacht und ohne jegliche Einschränkung Anspruch auf eine optimale Rundum-Voll-Versorgung mit totaler Gesundheit und Wohlbefinden bei sofortiger Interventionsbereitschaft haben. Ganz im Gegensatz zum “Wirtschaftlichkeitsgebot” nach SGB V, § 12 und § 34. Das wollen manche Krankenkassen- und Klinik-Verwaltungen lieber vergessen machen.

Taktisches Ziel der Bund-Länder AG ist, den Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen) ein schlechtes Gewissen zu machen und unser “Helfer-Syndrom” einzuklagen. Wir sollen mal wieder mit Umsatzhonorar-Kürzungen bezahlen, was wir selbst gar nicht verursacht haben. Patienten, die aus freien Stücken wegen vermeintlicher Akutprobleme ohne Umschweife Krankenhausambulanzen und n i c h t den ZND aufsuchen, müssten dafür einen Obolus entrichten: Die Kliniken sind dafür weder personell noch sachlich vom SGB V beauftragt.

Für Krankenhäuser ergeben sich übrigens geldwerte Vorteile, wenn sie ihre Akut-Ambulanzen Tag und Nacht überquellen lassen:
1. werden zusätzliche Mitarbeiter-Ressourcen erschlossen und ausgenutzt.
2. Klinik-Kolleginnen- und Kollegen werden durch Mehrarbeit „ruhig“ gestellt.
3. der Klinik-Nacht- und -Notdienst bringt zusätzliches GKV-Honorar.
4. medizinisch, klinisch relevante “Notfälle” generieren stationäre DRG-“Fälle”.
5. “overnight-sleeper” bringen medizinisch indizierte(?) Behandlungspauschalen.
6. verbesserter Klinik-„Ruf“ und medizinisch-therapeutische “Performance”.

Wer schlussendlich behaupten möchte, meine Analyse könne nicht stimmen, sei daran erinnert: Der Anteil der in der PKV-Versicherten Notfälle in Klinik-Ambulanzen (wie auch im ZND) ist verschwindend gering und entspricht n i c h t dem Mengenverhältnis zwischen GKV- und PKV-Versicherten. Weil viele “Privaten” eine ambulante Selbstbeteiligung haben bzw. weil bei kollektiver Inanspruchnahme der Notdienste die PKV-Versicherungsprämien ansteigen würden. Privatversicherte erkennen auch ihre Mehrkosten an Unzeitgebühren und sonstigen Kosten in der Privat-Liquidation der Chefärzte.

Dass ausgerechnet die Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen) und damit w i r Vertragsärzte Kosten für Klinikambulanzen und deren e i g e n-verantwortliche Tätigkeiten übernehmen sollen, unsere Honorare deshalb weiter gekürzt werden müssten, hieße in Echtzeit, “den Bock zum Gärtner zu machen”!

Wie gut, dass es wenigstens der Kollege Dr. Dirk Heinrich, Bundesvorsitzender des NAV-Virchow-Bundes, auf den Punkt bringt: „Kein niedergelassener Arzt schickt seine Patienten grundlos gezielt in die Notaufnahme. Die Ursache liegt oftmals im Anspruchsdenken der Patienten, aber auch in der Akquise von Kliniken, die auf ihren Internetseiten mit der Notaufnahme werben.“

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund  zum Beitrag »
[13.11.2015, 16:00:08]
Matthias Männel 
Langeweile in der Klinik ?
Sehr interessant, dass die Kollegen in den Kliniken so wenig ausgelastet sind, dass diese jetzt auch noch den kompletten ambulanten Notdienst übernehmen sollen.
Bin mal gespannt auf die Meinung der Klinik-Ärzte dazu.
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