Ärzte Zeitung, 22.01.2016

KBV-Chef bittet zur Klausur

Dialog statt Blutgrätsche

Dr. Andreas Gassen ist entschlossen, in der ihm noch verbleibenden Zeit als Vorstand der KBV das Ruder herumzureißen. Unabhängig von den in den nächsten Monaten beginnenden KV-Wahlen, an deren Ende ein neuer Vorstand gewählt wird.

Von Wolfgang van den Bergh

Dialog statt Blutgrätsche

Sucht den Weg aus der Krise: KBV-Vorstandschef Dr. Andreas Gassen.

© Marius Becker / dpa

BERLIN. An einen vorzeitigen Rücktritt habe er in den letzten Monaten nicht gedacht: Warum auch? Andreas Gassen sieht sich in der Pflicht, die Interessen aller niedergelassenen Vertragsärzte und Psychotherapeuten zu vertreten und nicht nur die der Fachärzte, sagt er im Gespräch mit Pressevertretern in Berlin.

An einer erneuten Kandidatur für den KBV-Vorstand lässt der 53-jährige Orthopäde aus Düsseldorf keinen Zweifel, trotz der in den vergangenen Monaten immer heftiger ausgetragenen Konflikte innerhalb des Vorstands und der Vertreterversammlung.

Einst mächtig, jetzt bedeutungslos

Die KBV ist in einem desolaten Zustand. Das Bild von der einst mächtigsten Institution der Vertragsärzte im deutschenGesundheitswesen hat Risse bekommen.

Vorbei sind die Zeiten, in denen die politischen Parteien auf die Expertise der KBV bei Reformen vertrauen konnten, etwa beim Vertragsarztrechtsänderungsgesetz, das 2007 in Kraft getreten ist: der Einstieg in die Flexibilisierung und Liberalisierung der ambulanten Versorgung.

Gassen will die KBV mit Macht aus der politischen Bedeutungslosigkeit herausholen und setzt dabei auf die "Intelligenz und Vernunft" seiner Kollegen. "Keiner kann so dumm sein und die Existenz der Körperschaft aufs Spiel setzen zu wollen."

Wer auf "Blutgrätsche" setze, werde dafür bei den KV-Wahlen die Quittung bekommen. Der Aufwand für die Politik, das SGB V so umzuschreiben, dass der Handlungsspielraum der KBV extrem beschnitten wird, sei gering, spielt Gassen auf Äußerungen des SPD-Gesundheitsexperten Karl Lauterbach aus dem Dezember an.

Der Weg zurück zur Normalität und zum professionellen Umgang untereinander soll über die inhaltliche Arbeit gelingen. Zu diesem Zweck sind zwei Klausuren angesetzt: die erste Ende Februar und die zweite im April.

Darin soll nach vorherigem Impuls der beiden Vorstandsvorsitzenden über Strategie und Struktur der KBV diskutiert werden. Zentral gehe es um Austausch und Diskussion und nicht um das Erarbeiten von Beschlussvorlagen, so Gassen.

Erst die Strategie, dann die Satzung

"Erst wenn wir uns über unsere Strategie im Klaren sind, sollten wir auch über eine Reform der Satzung reden ."

Dies sei eine gute Gelegenheit, vermeintliche Benachteiligungen einzelner Gruppen unter die Lupe zu nehmen sowie einen Vertretungsanspruch angestellter Ärzten in Niederlassung zu prüfen, sagt der KBV-Chef.

Gassen zeigt sich optimistisch, dass dies gelingen kann, weiß aber auch, dass aus erbitterten Gegnern nicht plötzlich Freunde fürs Leben werden. So will er sich nicht zu seiner Vorstandskollegin Regina Feldmann äußern und fügt hinzu, dass das KBV-Konzept 2020 sowie die Klausursitzungen mit Feldmann abgesprochen seien.

Mit dürren Worten kommentiert er die juristischen Auseinandersetzungen, um schnell wieder auf die Inhalte einer in die Zukunft gerichteten Gesundheitspolitik zu kommen. "Entscheiden werden die Gerichte."

Handlungsbedarf sieht Gassen vor allem mit Blick auf die demografische Entwicklung - etwa bei der Steuerung der Patientenströme. Ein Primärarztsystem wäre eine Option, löse aber nicht alle Probleme, ist sich Gassen sicher.

"Ich denke nicht, dass wir einen Primärarzt für die vielen Versicherten brauchen, die selten oder nur in einer akuten Situation zum Arzt gehen."

Denkbar wäre hier eine "indikationsabhängige" Steuerung, um etwa Mehrfachinanspruchnahmen einzuschränken. Klar für ihn ist allerdings auch, dass diese Steuerung über ambulante Versorgungsstrukturen zu erfolgen hat und nicht durch Klinken.

Dabei ergänzt Gassen, dass Versorgungssteuerung im Kollektiv- wie im Selektivvertrag möglich sein muss. Einige Konflikte dazu aus vergangenen Jahren bezeichnet er als "idiotisch".

Sie sollten ebenso der Vergangenheit angehören, wie der immer wieder beschworene Hausarzt-Facharztkonflikt. Seine Wahrnehmung: Es gebe immer mehr Bündnisse zwischen dem Hausärzteverband und einzelnen Facharztverbänden.

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