Ärzte Zeitung, 25.01.2016

Sprachzertifikate

"Ausländische Ärzte überschätzen Fähigkeiten"

Für viele ausländische Ärzte ist Deutsch die Dritt- oder Viertsprache. Mit ihren Sprachzertifikaten gehen sie in die Fachsprachenprüfung - und fallen im ersten Anlauf häufig durch.

Von Ilse Schlingensiepen

"Ausländische Ärzte überschätzen Fähigkeiten"

Sinn im Buchstabensalat finden: Für ausländische Ärzte ist das oft ein harter Weg.

© Yantra / fotolia.com

HERNE. Zumindest im ersten Anlauf scheitern viele ausländische Ärzte bei der obligatorischen Fachsprachenprüfung. Ein Grund dafür ist, dass die erworbenen Sprachzertifikate die tatsächliche Sprachkompetenz nur unzureichend widerspiegeln.

Diese Erfahrung hat Jürgen Herdt gemacht, Leiter der Stabsstelle für Planung und Entwicklung der Ärztekammer Westfalen-Lippe (ÄKWL).

"Wenn sich die Qualität der Zertifikate nicht ändert, kommen wir nicht weiter", sagte Herdt auf der Fachtagung "2 Jahre neue ärztliche Berufszulassungsregelung - Kenntnis- und Fachsprachenprüfung in Nordrhein-Westfalen" in Herne.

Anfang 2015 sei das Erstaunen groß gewesen, als bekannt wurde, dass rund ein Drittel der ausländischen Ärzte die Fachsprachenprüfung nicht schafft.

"Mittlerweile fallen leicht über 40 Prozent durch", berichtete er. Diese hohe Quote betreffe aber nur den ersten Versuch. Die Ärzte können die Prüfung wiederholen. Nach einem Jahr haben bis auf drei Prozent alle die Hürde genommen.

"Großer Erfahrungsschatz"

Die Ärztekammern sind in Nordrhein-Westfalen seit 1. Januar 2014 für die Fachsprachenprüfungen zuständig. Bis Ende 2015 hatte allein die ÄKWL 1794 Prüfungen abgenommen, zurzeit sind es rund 30 pro Monat. "Wir haben inzwischen einen großen Erfahrungsschatz", sagte Herdt.

Häufig nähmen sich die ausländischen Ärzte nicht genug Zeit für die Vorbereitung der Prüfung. Für viele Ärzte sei Deutsch nicht die Zweitsprache, sondern häufig die Dritt- oder Viertsprache, zum Teil sogar die Fünftsprache.

Herdt skizzierte einen weiteren Faktor: In einzelnen Kliniken gerade in ländlichen Regionen arbeiten inzwischen überwiegend zugewanderte Mediziner.

"Es gibt nicht mehr ausreichend Sprachvorbilder", sagte er. Durch den Erwerb des Sprachzertifikats des Niveaus B2 hätten die ausländischen Ärzte häufig nicht die erforderliche Qualifikation, würden aber ihre Sprachkompetenz durch das Zertifikat überschätzen.

Sprachunterricht: lukrativer Markt

Die Vermittlung von Deutschkenntnissen an ausländische Ärzte sei ein lukrativer Markt geworden, der viele Bildungsinstitute anzieht, sagte Dr. Patrick Boldt, Referent für Weiterbildungsentwicklung bei der Ärztekammer Nordrhein.

"Viele Institute spiegeln nur vor, irgendwelche Serviceleistungen zu erbringen." Es sei die Frage, ob man auf Dauer nicht eine Einschätzung der einzelnen Anbieter veröffentlichen sollte.

Boldt begrüßte, dass sich insbesondere größere Klinikverbünde verstärkt mit dem Thema auseinandersetzen und sich um eine gute Qualifizierung der ausländischen Kollegen kümmern.

Auch Ärzte, die sehr gut Deutsch sprechen, würden häufig die Fachterminologie nicht beherrschen, berichtete Boldt. "Uns fällt auf, dass sehr viele Kollegen deutsche Begrifflichkeiten benutzen, nicht aber die medizinische Fachsprache."

In den Fachsprachenprüfungen führen die Ärzte ein Patientengespräch und erheben die Anamnese. Dann müssen sie das Erfahrene schriftlich niederlegen.

Darauf folgt die Vorstellung des Patienten in einer Art Visitengespräch. Die Arbeit mit simulierten Situationen ermögliche es, standardisiert vorzugehen, sagte Boldt.

"Jeder Arzt hat den gleichen Schwierigkeitsgrad." Möglicherweise würden künftig Telefonate in die Prüfungen aufgenommen.

Manche Experten sähen das Fehlen von Telefongesprächen als ein Manko, da sie sowohl in der Arzt-Patienten- als auch in der Arzt-Arzt-Kommunikation eine wichtige Rolle spielen können.

[05.02.2016, 11:07:24]
Dr. Henning Fischer 
am eigentlichen schwerwiegenden Problem vorbei

denn die Frage ist:

warum haben wir so viele ausländische Ärzte?
warum sind wir auf die angewiesen???
warum gibt es nicht genügend deutsche Ärzte?

Wegen völlig verfehlter Gesundheitspolitik seit Jahrzehnten !!!

Nur, das wird eben nicht thematisiert. zum Beitrag »
[05.02.2016, 08:51:42]
Benjamin Kühn 
Es liegt größtenteils an den Zertifikaten ...
... bzw. an der recht großzügigen Vergabe derselben durch Sprachinstitute. Der Grund ist, dass dieselben Sprachschulen, die mit den Deutschkursen Geld verdienen auch durch die Prüfungsgebühr weitere Einnahmen generieren. Es liegt auf der Hand, dass eine Sprachschule diejenigen Teilnehmer, die gerade einen Kurs absolviert haben nun gerne mit einem Zertifikat entlässt, auch wenn manche Teilnehmer eigentlich das erforderliche Niveau nicht erreicht haben - es sieht eben besser aus, wenn der Kurs auch zu einer Bescheinigung geführt hat.

So liegt es auf der Hand, dass manche Teilnehmer, die ein Goethe- oder TELC-Zertrifikat, z. B. auf dem Niveau B2 gerade mit Mindestnote haben glauben, sie hätten tatsächlich das B2-Niveau erreicht. Das böse Erwachen kommt dann im Berufsalltag oder bei einer weiteren Prüfung.

Oft ist auch zu beobachten, dass die Anforderungen an einen Spracherwerb unterschätzt bzw. kleingeredet werden: Nur ganz wenige schaffen es, in einem halben Jahr von Null auf B2 und/oder darüber zu kommen - derartige Sprachtalente sind eher die Ausnahme.

Momentan scheint es mir der einzig gangbare Weg, die sprachliche Überprüfung von Ärzten in die Hände der Kammern zu legen - im Sinne der Patienten.
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