Ärzte Zeitung, 24.06.2008

HINTERGRUND

Krankendaten bei Google speichern? In den USA sind digitale Krankenakten im Kommen

Von Claudia Pieper

Gesundheitsinformationen im Internet: Kritiker warnen vor Missbrauch.

Foto: imago

Die US-Amerikaner lieben das Internet. Etwa 75 Prozent der amerikanischen Erwachsenen sind online, schätzt das Pew Internet & American Life Project. 80 Prozent dieser vernetzten US-Amerikaner - etwa 113 Millionen Menschen - nutzen das Internet für gesundheitsbezogene Recherchen. Die Informationssuche in Sachen Fitness und Krankheit(svermeidung) hat mittlerweile solche Ausmaße angenommen, dass die Internetsurfer als "E-patients" oder "E-caregivers" bezeichnet werden.

Suchmaschinenbetreiber haben eine Schlüsselstellung

Wen wundert es, dass Internetanbieter diese E-Patienten heiß umwerben? Hunderte von Internetseiten bieten Rat an - oft verbunden mit Anzeigen für Produkte oder Medikamente, die dem Ratsuchenden helfen sollen. 66 Prozent der E-Patienten beginnen ihre Recherche über eine der großen Internet-Suchmaschinen wie Google oder Yahoo.

Diese Tatsache hat nicht überraschenderweise dazu geführt, dass einige der Suchmaschinenbetreiber selbst zu Anbietern in diesem attraktiven Markt geworden sind. So hat AOL-Gründer Steve Case schon vor etwa einem Jahr die Internetseite Revolution Health (revolutionhealth.com) ins Leben gerufen. Er ist damit in direkte Konkurrenz zu WebMD (webmd.com) und anderen Webseiten getreten. Dort werden unter anderem angeboten:

  • alphabetisch organisierte Krankheits- und Fitnessinformationen,
  • Hilfe bei der Suche nach spezifischen Leistungsanbietern sowie,
  • Foren, in denen sich Betroffene über Gesundheitsprobleme und -lösungen austauschen können.

Eines der neuen Angebote ist die Möglichkeit, die eigenen Gesundheitsdaten in eine persönliche Datenbank einzuspeisen. Solche "personal health records" werden seit Oktober 2007 auch von Microsoft (Health Vault, healthvault.com) angeboten. Im vergangenen Monat ist außerdem Google mit seiner neuen Internetseite Google Health (google.com/health) auf diesen Zug aufgesprungen.

Google ist der Konkurrenz wieder einen Schritt voraus: Das Unternehmen ist bisher der einzige Anbieter, der es Nutzern ermöglicht, ihre medizinischen Daten von Leistungsanbietern in die persönliche Datenbank zu importieren. Auf diese Weise müssen Patienten nicht ihre gesamte Krankengeschichte selbst eintippen. Sie können Behandlungsdaten von Ärzten, Krankenhäusern oder Arzneimitteldaten von Apotheken direkt in ihre Datenbank einspeisen. Voraussetzung ist, dass die Leistungsanbieter eine Partnerschaft mit Google Health eingegangen sind. Das ist aber zu diesem Zeitpunkt nur in wenigen Fällen realisiert. Google ist bislang Partner von weniger als 20 medizinischen Anbietern - überwiegend großen Leistungsanbieternetzen und Apothekenketten.

Ein Vorteil der digitalen Krankenakten: Sie geben Patienten die Chance, all ihre Gesundheitsdaten an einem zentralen Ort zu speichern und bei Bedarf an behandelnde Ärzte weiterzugeben. Gerade dort liegt bisher ein entscheidender Mangel des US-amerikanischen Gesundheitssystems: Persönliche Daten befinden sich oft isoliert (und in Papierform) in den Karteien verschiedener Ärzte, Krankenhäuser, Labore und Apotheken. Im Fall einer ernsten Erkrankung wird die Erstellung einer vollständigen Krankheitsgeschichte zum Albtraum. Wer dagegen über einen "personal health record" verfügt, braucht im Krankheitsfall nicht Informationen von Dutzenden von Leistungsanbietern zusammenzutragen, sondern hat sie gleich zur Hand.

Beim Thema Datensicherheit bleiben Fragezeichen

Das Fragezeichen hinter den digitalen Krankenakten ist allerdings die Datensicherheit. Obwohl Microsoft wie auch Google versichern, dass die persönlichen Daten bei ihnen gut aufgehoben sind, erheben Kritiker starke Bedenken. Sie fürchten, dass interessierte Parteien wie Versicherungen und Arbeitgeber Wege finden werden, an sensible Gesundheitsdaten zu gelangen. Die Kritiker warnen zudem davor, dass die Suchmaschinenbetreiber nicht den Gesundheitsdatenschutzgesetzen unterliegen, geschädigte Personen somit kaum Regressmöglichkeiten hätten.

Letztlich müssen Patienten und ihre Angehörigen in den USA selbst entscheiden, ob sie das Risiko eingehen wollen, ihre Krankheitsdaten online zu speichern und weiterzugeben. Der durchschlagende Erfolg des Online-Bankgeschäfts könnte ein Indiz dafür sein, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis sich auch die digitale Krankenakte im US-amerikanischen Gesundheitssystem durchsetzt.

Rat aus dem Web: Hilfreiche Datenflut

48 Prozent der US-Amerikaner suchen Gesundheitsinformationen nicht für sich selbst, sondern für Angehörige oder Freunde.

53 Prozent sagen, die gefundene Information beeinflusste ihr Verhalten - entweder als Pflegende oder als direkt Betroffene.

74 Prozent berichteten, dass sie sich durch ihre letzte Recherche ermutigt gefühlt hätten, adäquate Gesundheitsentscheidungen zu treffen. 25 Prozent fühlten sich nach ihrer letzten Recherche vom Umfang der gefundenen Informationen überwältigt.

Quelle: Pew Internet & Life Project, "Online Health Search 2006"

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